Montag, 1. Oktober 2012

Vom Altsein und vom Schnitter, meinem alten Freund

Auftrag an der Uni-Klinik, Haus Dingens, der Fahrgast wartet im Wintergarten. Aha. Frage noch den Kollegen hinter mir, ob der eine Ahnung hat, wo dieser Wintergarten genau sein soll? Nein, leider nicht. Ich habe wenigstens eine dunkle Ahnung, wo dieses Haus sein soll, denn ich irrte schon mal über lange, verschlungene Wege zu Fuß dorthin ob der miserablen Beschilderung auf diesem sehr weitläufigen Gelände. Lese auf der mikroskopisch klein geschriebenen Hinweistafel, wie ich am nächsten an dieses Haus herankomme mit der Limousine - und fahre auch schon vorbei. Am Haus selbst bzw. an dem Fußweg dorthin - kein Schild. Kann doch nicht so schwer sein, Leute, oder? Stelle also die Limousine vor dem Fußweg ab und will mich gerade auf die Suche nach besagtem Wintergarten machen, als mir winkend ein alter Mann entgegenkommt auf diesem. Ich gehe ihm entgegen, um ihm die Tasche abzunehmen - er interpretiert es als Begrüßung mit Handschlag. Auch in Ordnung. Ich nehme seine Tasche, er bedankt sich und redet ohne Übergang sehr aufgeregt auf mich ein. Seine Frau sei hier im Haus, sie sei schwer krebskrank und warte nur noch auf den Tod. 2001 sei sie schon mal hier gewesen. Und so weiter und so fort - er muß reden, kann gar nicht anders. Vermutlich gibt es niemanden mehr sonst, dem er erzählen kann - außer unserer Zunft.
Ich möchte nicht wirklich die Einzelheiten der Geschichte hören - ja, es ist schwer, zweifelsohne, bestätige ich ihm also - aber gehe nicht persönlich mit. Es gibt immer eine Art "Grundinformation" um sämtliche Geschichten, und die habe ich wohl aufgenommen. Sein Fahrtziel liegt in dem Viertel der Kolonie, in dem ich einst aufgewachsen bin, er wohnt schon seit Anfang der 60er dort, wie er mir auf meine Nachfrage mitteilt. Aha - dann können wir uns ja was erzählen .... wie es da früher mal zuging und aussah, welche Geschäfte es gab und wie lebendig es dort mal war .... weit besser, als weiter über allzuviel Elend zu reden, welches eben da ist. Ein wenig Ablenkung - tut ihm sicher auch besser. Er ist alt - und gebrechlich, fast schon zart. Jeden Tag macht er sich auf den Weg zu seiner sterbenden Frau - hin und zurück - was eine enorme Leistung ist für diese Konstitution. Wie lange sie verheiratet sind? So gut 55 Jahre ... gebe zu, habe es vergessen. Heute würden die Leute sich ja wegen jedem Pups wieder trennen. Das gäbe es ja gar nicht mehr, daß Menschen so lange zusammen lebten. Geht ja auch nur bei Leuten, die so alt sind, wie sie - meine ich grinsend.
Zum Abschied gibt er mir wieder die Hand. Und meint - er könne nicht mehr. Ja - das glaube ich ihm gerne und nicke nur mit dem Kopf. Mehr vorübergehenden "Trost" bzw. ein wenig Verständnis - braucht es oft nicht.
Ich denke mal wieder über´s Altsein nach ... und darüber, wie es sich in unserer Unkultur oft gestaltet. Ungesehen und unbemerkt von den rastlos Herumirrenden. Und sehr despektierlich oft dazu.
Wenige Aufträge später - hole ich eine alte Dame vom Friseur ab. Denke "schicke Frisur" .... wirklich, blond und ein wenig löwenmähnig, die Frisur tip top in Schuß. Die Dame - etwas wackelig, sehr dünn und gebrechlich. Wieder - fast zart. Die Frisur ..... wat is mit der Frisur? Sie nennt mir ihr Fahrziel, eine kleine, vielen unbekannte Straße - in der ich einen Teil meiner Pubertät verbrachte. Ich denke - ne, kann sie nicht sein. Werde es ja sehen, ob sie bei der entsprechenden Hausnummer aussteigen will. Die Frisur paßt hundertprozentig - und der schwere Goldschmuck ebenso - seltsam, woran Mensch sich plötzlich so erinnert. Sie will. Und sie ist es auch - zwar sehr schwach und wahrlich alt  geworden, aber der Tonfall noch wiederzuerkennen - und somit das einstige Temperament. Letzteres - bleibt. Bis zum Ende. Auch Zähigkeit - oder aber Weinerlichkeit - sofern einst vorhanden. Bei ihr ist es Zähigkeit. 
Sie ist die altgewordene Mutter einer ehemaligen Freundin - bei der wir unzählige Stunden im Wohnzimmer verbrachten - locker und gesellig, generationen-durchmischt - und wahrlich entfernt von unsinnigem Moralisieren - uns gerade heftigst aufmupfenden Jugendlichen gegenüber. Ich oute mich nicht während der Fahrt - wie neulich noch, als ich eine andere Bekannte aus Kinder- und Jugendzeiten traf - die ich früher immer für ihre Unerschrockenheit und sehr große Klappe bewundert hatte. Auch diese - war erheblich älter geworden - und sehr krank inzwischen.
Diese Mutter der einstigen Freudnin kommentiert sich selbst beim Aussteigen - "alt und gebrechlich geworden".
Immerhin - lebt sie noch zuhause - denke ich bei mir.

Ich denke also mal wieder über´s Altsein nach. Bzw. - wie oben schon gesagt - darüber - wie wir mit den Alten umgehen. Welche Rolle sie spielen - dürfen, sollen, übernehmen ... Eigentlich denke ich mehr über´s Sterben nach - und wie wir uns darauf vorbereiten in dieser Unkultur - nämlich meistens gar nicht.
Ich war immer reichlich gesegnet mit Sterbenden in meiner Umgebung - und durch´s Taxifahren bin ich es auch mit diesen Begegnungen. Für mich - ist es immer eine recht zentrale Frage gewesen, die sich im laufe der Jahre verändert. Dachte schon mal - ob ich vielleicht selbst lebensmüde sei - weil der Schnitter so laut ruft und immer wieder Aufmerksamkeit einfordert. Aber darum geht es nicht. Und ich bin - auch nicht lebensmüde - wie er mir neulich noch einige Male mitteilte.
Irgendwie - geht es aber wohl darum - den Tod in Ehren zu halten - in erwartungsvollen Ehren. Bestenfalls als Fest, welches jeder für sich erwarten darf - zweifelsohne und ungeachtet dessen, was das Leben gebracht hat.
Ein Fest ohne Termin - welches in jeder Sekunde eintreten kann - denn so robust wir scheinen - so fragil sind wir auch. Aber niemand scheint sich ernstlich, hier feierlich, darauf vorzubereiten. Oder hat schon mal jemand "Deko" für den Schnitter besorgt? Eine hübsche Festgirlande?
Sehr wenige Menschen traf ich bislang - die ihn mit Vorfreude ("Excitement") erwarten. Sich darauf freuen, soweit es ihnen möglich ist, jeden Moment des Übergangs zu geniessen.
Ich habe auch noch zu lernen - und muß mal nachdenken über die Dekoration. Ihn fragen, was er so bevorzugt, als würdiges Ritual. Immerhin - gibt er mir sehr viele Gelegenheiten zur Betrachtung bisher.
Die Antwort meines alten Freundes seit Kindertagen kommt zügig - er bräuchte zwar keine explizite Deko - aber er würde sich schon sehr freuen, wenn ihm jemand mal eine schöne Blume überreichen würde im entscheidenden Moment.

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