Dienstag, 30. Oktober 2012

An die Hand angewachsen ...

Eine Gruppe Jugendlicher geht vorbei, als ich die Limousine abstelle. Drei, vier Männer und eine hübsche Frau. Sie unterhalten sich lebhaft. Ich sehe, daß die junge Frau trotz der Unterhaltung ihr neues, schickes Smartphone demonstrativ in der rechten Hand hält, das Display leuchtet in der frühen Dunkelheit des Abends. Ohne geht nichts mehr ... Mein Eindruck verstärkt sich zunehmend, daß es vielen schon irgendwie an die Hand angewachsen sein muß, sie legen es nicht mehr ab.  Das erste, was viele tun, wenn sie eingestiegen sind - ist, diese Teile herauszuholen und wild drauf herumzutippen bzw. zu -streichen.  Ich weiß nicht mal, wie sich diese Bedienform nennt. Ein Mittdreißiger verfolgt während der Fahrt zum Bahnhof gespannt, wo sein Zug jetzt genau ist - und ob er ihn erreichen wird. Ungewißheit - auch in banalen Angelegenheiten - scheint den meisten völlig unerträglich zu sein.
Ich bin zu alt dafür. Zu alt, weil ich noch andere Zeiten kennengelernt habe - in denen niemand so etwas brauchte. Zeiten, in denen es noch ganz alltägliche, kleine Abenteuer und Überraschungen gab. Zeiten, in denen sich Menschen real existent an Treffpunkten zusammenfanden - ohne Mailkontakte oder SMSen. Wer kam, der war halt da. Einmal zählten wir zu ein paar wenigen, wieviele wir eigentlich waren, die sich mehr oder weniger regelmäßig einfanden am Treffpunkt im Park. Es waren über Hundert. Ich war nicht genötigt, Leute, die ich locker kenne, als "Freunde" zu kategorisieren. Freunde hatte ich maximal fünf - und das ist schon hoch gegriffen. Eher waren es zwei oder drei. Es galt noch Qualität statt Quantität.
In Gesprächen stelle ich immer wieder fest - daß der Besitz eines nagelneuen Smartphones inzwischen ein für viele  erforderliches Statussymbol ist. Als ich die Schönheit gestern erblickte, dachte ich, es scheint eine Art "Schmuckersatz" zu sein.  Ein 19-jähriger berichtete mir stolz, daß er es als einer der ersten geschafft hatte, an das neueste I-Phone zu kommen, das wäre ein Stück Arbeit und nicht einfach gewesen.
Mal ganz nüchtern betrachtet, ohne "Schwarzseherei" - es funktioniert gut. Die meisten - jungen - Leute spielen prima mit - kaufen für teures Geld freiwillig die Apparate, die es Anderen ermöglichen, jeden ihrer Schritte zu verfolgen und aus ihnen "Profile" zu machen.
Sonntags abends kann jeder inzwischen in einem banalen Tatort--Krimi sehen, daß es genauso funktioniert. Immer öfter werden "Polizei-Profiler" eingesetzt, die Mails und SMSen von Verdächtigen werden mühelos aus der Cloud abgerufen und durchgelesen. Kurz - alles, was in PC´s und Handies fließt, ist mühelos abrufbar von gewissen "befugten Kreisen". Skype ist sicher auch kein selbstloser Samariter. Eine tolle Sache - aber halt alles abgespeichert.
Das neueste sind jetzt solche Icons/Hyroglyphen, die wie Pilze im feuchten Wald aus dem Boden schießen, Du hältst nur noch das Smartphone drauf und landest in Windeseile auf der Homepage des Anbieters. Habe so ein Teil auch an der Limousinentür - muß mich wohl dran gewöhnen, in Kürze öfter derart "angeschossen" zu werden.
Meinte neulich noch zu einem Fahrgast, der mir das erläutert hatte: Ne, das wäre mir zu unheimlich. Da kommt bestimmt ein findiger Geist noch drauf, wie man das manipuliert. Und dann hältst Du mal eben mit dem Smartphone auf so ein unlesbares Zeichen - und schwups sind ein paar Hundert Euro von Deinem Konto abgebucht. Ein anderer Fahrgast klärt mich auf, daß es jetzt auch wasserdichte Smartphones gibt - damit die Verrückten diese auch noch mit ins Wasser nehmen können.
Langer Rede kurzer Sinn: Wenn ich mir die rasante Entwicklung so anschaue - also dieses Anwachsen der Smartphones an die Hände der Besitzer - bin ich sicher, daß die sich in nicht allzu ferner Zukunft auch gerne freiwillig für teures Geld chippen lassen. Und wie gesagt - das ist keine "Schwarzseherei" - sondern banale, alltägliche Straßenbeobachtung. Vor wenigen Jahren galt das alles noch als "Verschwörungstheorie". Heute ist es Alltag.
Ein Fazit dazu - habe ich nicht. Habe auch kein Smartphone. Und keine Facebook-Freunde. Bin recht konservativ, was das betrifft. Habe gerne möglichst viel Abstand von diesem Teil des Lebens - und ein billiges Handy nur wegen des Jobs in Betrieb. Zum Glück bringt der Job auch keinerlei weitere Verstrickung in diese Netze mit sich.
"Soziale Netzwerke" .... ist für mich ein Anti-Begriff. Es erschließt sich mir nicht wirklich, was daran "sozial" sein soll. Zumal der aktuelle Zeitgeist für mich eher "zutiefst asozial" ist.
Ich würde auch nicht sagen, daß früher mal alles besser war - es war nur anders. Etwas unaufgeregter. Einfacher. Und "realer", irgendwie. Habe nicht mal was gegen gute Technik - es ist halt immer die Frage, wie man sie einsetzt und wofür, in welchem Ausmaß.
Manchmal denke ich - dieser Auswuchs - wird irgendwann zerplatzen wie eine Luftblase. Es wird einen großen Knall geben - und danach herrscht Ruhe im Karton. Ein Strudel oder eine Windhose - die erst alles einsaugt, beschleunigt und dann am Ende wieder ausspuckt. Ins orientierungslose Nichts. Schöne Vorstellung.      

2 Kommentare:

Ich will...... hat gesagt…

sehr schön auf den punkt gebracht, wie immer!
ja, sie lassen sich chippen, das vermute ich auch.
es gibt aber noch einen anderen teil junger menschen.
er ist klein.....aber existent.
nur haben die keine öffentlichkeit und wollen auch keine, glaube ich.
m. facebook-frei und althandy-nutzerin, für den notfall

Sati hat gesagt…

Ja - solche treffe ich auch. Wenn auch seltener. Das sind halt meist solche - die einen eigenen Weg gehen und recht gut wissen, was sie für sich lernen bzw. tun wollen. Die brauchen keine "Smartphones" - und die schaffen es sogar, sich noch auf konventionelle Weise mit Gleichgesinnten zu treffen - oder sich halt zu verpassen.
Und einfach gewisse Dinge dem Leben selbst zu überlassen.
Fast könnte man sie heute "Abenteurer" nennen.
Liebe Grüße, Sati