So fängt ein Limousinen-Tag gut an: Ich logge mich auf "Zufahrt" ein - und bekomme sofort einen Auftrag. Dieser führt mich aus der Kolonie heraus, ich genieße Wälder und Herbstfarbenspiele, Felder am Wegesrand .... und traue mich, weiter an der Peripherie zu bleiben. Gute Entscheidung heute. Nicht nur ganz gute Fahrten, sondern auch kein Festhängen in Beton- und Asphaltlandschaften. Irgendwann auf dem Rückweg vom Flughafen - treffe ich eine Entscheidung, die sich als nicht so glücklich herausstellt - stehe 90 Minuten dort, nachdem meine Vorgängerin schon 80 Minuten vergeblich auf einen Auftrag gewartet hat.
An diesem Platz treffen sich die immer gleichen Obdachlosen. Sie palavern den ganzen Tag - keine Ahnung, was es derart immer wieder zu erzählen gibt. Einmal fuhr ich eine junge Frau zum Geschäft gegenüber und diese erzählte mir, daß viele von diesen Immergleichen aus Bonn anreisen würden. Ich frage "Wie bitte?" - wir finden keine logische Erklärung dafür. Heute sind sie natürlich auch wieder dort. Männer, Frauen, Hunde .... Ein Mann läuft - 90 Minuten lang immer wieder die gleichen Bahnen in der nahen Umgebung ab. Mit einer nicht zu beschreibenen Körperhaltung und Gestik - von Armen und Fingern. 90 Minuten lang - kann ich den Kopf heben, wann immer ich will - und er wird aus irgendeiner Richtung wieder in meinen Blickwinkel laufen, unermüdlich. Manchmal hält er für einen kurzen Moment bei den Freunden - bevor er wieder seine immergleichen Bahnen zieht. Ich habe keine Ambition, seine genaue Bahn zu erforschen - es würde mich nervös machen. Aber ich registriere auch ohne Detailforschung, daß er ein System abgeht. Das wird er wohl den ganzen Tag weiter so betreiben, ohne zu merken, daß er müde ist.
So eine "Szene" rundum kann manchmal ziemlich nerven - manchmal kommen sie auch und quatschen einen an, weil sie gerne etwas Unterhaltung wünschen. Diesmal - habe ich Glück: Als ich mich gerade bei offener Tür, halb draußen sitzend, in meine Lektüre vertiefe - bemerke ich, daß sich ein Wesen angenähert hat. Ich schaue ein wenig hoch, weit brauche ich den Kopf nicht zu heben - es ist ein bezaubernder, kleiner, freundlicher Hund, der mich mit großen Augen anschaut. Über solchen Besuch freue ich mich wirklich sehr und kraule ihne eine Weile. Weiß gleichzeitig, daß ich nun vollends meine Ruhe haben werde - denn Menschen, die von ihren Hunden begrüßt und gemocht werden, gelten in diesen Zirkeln als "in Ordnung". Der Kollege hinter mir - kommt auch noch auf ein Schwätzchen, wird aber nicht gekrault. Derweil läuft der Läufer weiter - er läuft und läuft und läuft .... Frage mich, wohin er wohl eigentlich laufen will - aber hoffe auch, endlich hier wegzukommen, hoffe auf "Filmwechsel".
Nach 90 Minuten - ertönt eine nette, weibliche Stimme mit Akzent "Bist Du frei?" - Ohja, bittesehr - Hallelujah - es geht weiter. Zum Bahnhof und danach quer durch die Stadt zu einer Verabredung.
Mit einer weiteren "Läuferin". Genauer - mit einer Frau, die ich gestern schon fuhr - sie war dem Krankenhaus entlaufen und wollte mal eben nach Hause und wieder zurück. Wir waren für heute wieder verabredet - gerade, als ich am Krankenhaus ankomme, ruft sie mich auf dem Handy an und sagt ab. Sie sei zu angespannt. Ok ... ich fahre zum nächsten Halteplatz - und wer sitzt dort? Genau - sie sitzt auf einer Mauer in der Sonne und raucht ein Zigarillo. Dann kommt sie zu mir - und meint "Haben wir nicht eben telefoniert?" Ja - haben wir. Gut - jetzt will sie doch fahren, aber nicht so schnell. Es ist eine feine 30 Euro-Tour, ich fahre hübsch moderat. Sie ist ebenfalls eine "Läuferin" - manchmal hellwach und hier - manchmal wirr. Ich frage mich, wieviel Personen ich da gerade genau fahre - vermutlich mindestens zwei.
Ob sie ihren Pulli im Auto lassen könne? - ??? - Ob sie denn auch wieder zurückfahren wolle - und wann? - Na, so eine Stunde wolle sie mit ihrem Sohn spazierengehen. - Ich meine, dann nehmen sie den Pulli besser mit, und wenn sie zurück wollen, klingeln sie mich einfach kurz auf dem Handy an. - Gut. - Am Ziel frage ich nochmal nach. Nein nein, sie bleibt nur eine Viertelstunde, und ihren Pulli läßt sie solange im Auto. - Gut, meine ich. Ich gehe ein bischen spazieren und bin dann gleich wieder hier am Auto.
Sie kommt tatsächlich nach etwa einer Viertelstunde wieder und ich fahre sie zurück. Inzwischen habe ich in dem Viertel ganz neue, noch nie gesehene Bäume voller kleiner, praller, roter Früchte gesichtet - aber die Leute im Garten können mir leider nicht sagen, was das für Bäume sind. Da es türkische Leute waren - dachte ich, es wäre vielleicht ein Baum aus der Türkei? Nein - die Bäume wären schon da gewesen, als sie einzogen ins Haus. Ich probiere eine Frucht - köstlich und gehaltvoll. Werde es rauskriegen.
Ein verrückter Tag - und ein Tag voller vermeintlich Verrückter - die aber alle sehr harmlos sind.
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