Fuhr in der vergangenen Woche öfter einen Menschen, dem ich meine Handynummer gab und der sich auch tatsächlich wieder meldete. Jemand, der gut-situiert ist und in einem schicken Haus in guter Gegend wohnt mit Frau und Kind. Jemand, der angenehme, intelligente Konversation zu betreiben weiß - und der in seinem bisherigen Leben viel erarbeitet, gearbeitet und bewirkt hat.
Vor einem Jahr fiel er unglücklich und zog sich einen vierfachen Schädelbruch zu. Vergangene Woche fuhr ich ihn zur Klinik .... Herz-OP. Zäh ist er. Und willens, wieder richtig gut auf die Beine zu kommen. Die wichtigste Voraussetzung dafür, daß es klappt.
Wir unterhalten uns über diverse Gegebenheiten in der Kolonie - insbesondere, was die Verkehrsführung und kostspielige Ausgaben der Stadtkämmerer betrifft. Die meiste Zeit redet er - ich höre zu, es ist ganz interessant. Manchmal werfe ich etwas ein - aus meiner Perpektive auf den Straßen der Kolonie. Das Gespräch wird auch "politisch" - und dieser Mann hat eine Perspektive, die meiner gründlich entgegensteht. Genau das - ist manchmal das Interessanteste an dem Job - auf Menschen zu treffen, die Du sonst eher nicht treffen würdest. Mit Überzeugungen, die ich sicher nicht teile. Dennoch habe ich Respekt vor seinem Tun - er engagiert sich konkret und vor Ort für Veränderungen. Ist Anwalt - und hat Übung darin. Kennt eine Menge Leute in solchen Kreisen, in denen Entscheidungen getroffen werden.
Kurz fühle ich mich inspiriert - doch noch mal ein paar Schreiben aufzusetzen - z.B. an die Innung und an die Stadt - aus meiner Perspektive. Ich hätte da eine Menge zu sagen - und Vorschläge zu machen. Zur Zeit bricht der Verkehr in der Kolonie quasi vollends zusammen - und der eigene Verein tut nichts, um seine angeschlossenen Mitglieder wirklich zu unterstützen.
Ja - der Mann hat Recht - nur so geht´s - wenn man den eigenen Hintern hochkriegt und sich mit genügend Leuten zusammentut, um bestimmte Dinge vor Ort durch- und umzusetzen. Vermutlich eine der wenigen Übereinstimmungen, die wir teilen.
Trotz wenig Übereinstimmung finde ich ihn sympathisch. Obwohl er fast zornig behauptet, dieses Gerede über eine "Schere zwischen Arm und Reich" sei doch völliger Unsinn. Und solange es noch möglich sei - daß ein Arbeiterkind Kanzler würde (der, der jetzt sein Konterfei für Gasprom herhält ... ), sei im Lande alles in bester Ordnung.
Ich sage nicht viel dazu, denke mir meinen Teil. Irgendwann werfe ich aber doch ein - daß er als gut situierter Anwalt sicher recht unbeschadet sei von dieser Entwicklung - zu deutsch: nichts davon spürt, unsereiner aber schon.
Wenn er den Fahrpreis begleicht, zieht er jeweils ein dickes Bündel Geldscheine aus der Hosentasche, er benutzt kein Portemonnaie, welches mit einer Klammer zusammengehalten wird. Sicher soviel, wie ein Monatssalär meiner Person. Die Klammer geht kaputt neulich.
Neinnein - reich würde man nicht als Anwalt, meint er sofort. Ich denke am Abend noch darüber nach - wie relativ das alles ist. Und wie wenig Menschen ich bislang traf - die von sich selbst sagen, daß sie reich seien.
Ich selbst - bin schon reich - habe nur wenig Geld derzeit zur Verfügung.
Interessante Perspektive - denke ich noch - dem Mann geht es finanziell wirklich gut, eher erheblich besser. Und er leugnet die Tatsache, daß es Menschen im Lande nicht gut geht - finanziell gesehen. Erklärt die zunehmende finanzielle Kluft zwischen den Menschen einfach für ein wahltaktisches Gerücht.
Andererseits ist er gut informiert darüber, was unsere Zunft im Schnitt in der Stunde verdient - und das liegt deutlich unter dem wahlpropagierten Mindestlohn. Ich habe schon oft gelacht - wenn ich daran denke, wie das bitte gehen soll - den Mindestlohn für Taxi-Chauffeure einzuführen. Möglichkeiten gäbe es - aber dann müßte die Struktur an sich umgebaut werden. Wie überall .....
Er ist auch informiert darüber - von anderen Kollegen - daß die Innung nicht viel Brauchbares für ihre Leute tut. Er verstehe das nicht. Ich erzähle ihm kurz ein paar Takte dazu .... u.a. auch, daß ich den Eindruck habe, wirklich gute Fahrten kämen grundsätzlich nicht bis auf die Displays an den entsprechenden Halteplätzen. Aber solche lustigen Kindergarten-Meldungen kommen auf´s Display: "Sofort alle Autos waschen - die Aufsicht!!!"
Der angeschlagene Fahrgast, der nun seit etwa einem Jahr unsere Dienste in Anspruch nimmt, und nicht zu knapp, ist zufrieden mit "uns". Dieses ewige Genörgel über ungewaschene Autos und ortsunkundige FahrerInnen - teilt er nicht, im Gegenteil. Das freut mich - gerade bei jemand, der soviel Taxi fährt. Gibt´s aber auch - hier und da. Diese Spezialfälle finden sich wohl nur seltener an dem Halteplatz, der seine Gegend bedient. Und ich rechne ihm mal kurz vor, daß überschlagsmäßig etwa an die zehntausend verschiedenen Limousinenlenker unterwegs sind - alle Aushilfen mit eingerechnet. Da gibt es eben alles ... wie im richtigen Leben.
Beim "Politisieren" gestern - werfe ich hier und da meine diametral-entgegengesetzte Ansicht ein - die er gar nicht gelten lassen will. Sofort - erfolgt seinerseits eine "Argumentationskette" - die meinen Einwurf wiederlegen soll. Ein guter Rhetoriker ist er - muß er ja auch sein in seinem Beruf. Und hat viel Ahnung. Aber nicht wirklich .... weil sein Weltbild eher in Zement gemauert ist.
Ich verstehe das insofern - als daß er etwas zu behalten und zu verteidigen hat - bzw. es glaubt: Eine Menge Wohlstand und Reputation. Endlich gibt mal jemand offen zu - daß er überzeugter "FDP-Wähler" ist - schon seit je her. Ja - das paßt. Was sonst?
Ein Mensch - der zutiefst an technischen Fortschritt und an die Schulmedizin glaubt. An die "Wissenschaft" - und daran, das etwas tatsächlich unwiderruflich "wissenschaftlich-belegt" sei. "Esoterik" ist ein rotes Tuch für ihn.
Ein Mensch - der einerseits ein zementiertes Weltbild hat - und andererseits sehr freundliche, angenehme Züge. Ein interessanter Mensch - der viel reflektiert und sich informiert. Allerdings - das darf ich sagen als Zwillingssonne - nur in die Richtung, die ihm zusagt.
Ich fahre ja nicht oft die selben Menschen - nur, wenn mir mal jemand "zuläuft", der dann tatsächlich anruft. Und das ist selten, da ich bisher keinen Wert darauf gelegt habe - geht auch nicht wirklich zur Zeit mit meinen Schichten. Sonst würde ich mich vielleicht (wieder) mit Schulfahrten eindecken ... und meinen Spaß haben mit den Kinderchen. Oder mit Krankenfahrten - also alles, was regelmäßig bedient wird.
Dieser Zufalls-Gast .. zeigt mir etwas auf, was sich bei mir selbst verändert hat im Laufe der Zeit: Ich bin erheblich "toleranter" geworden, was meine Mitmenschen betrifft. Kann das einfach so lassen, wie es ist. Ich muß nicht mehr "Recht haben (wollen)" - und lerne gerne von Anderen dazu. Lasse mich sogar gerne von einem solchen Menschen wie dem Anwalt inspirieren - der er ja tatsächlich seine ihm wichtigen Projekte in Fakten umsetzt, mit viel Kleinarbeit und auch Geduld.
Ich verschwende nicht mehr meine kostbare Energie - um diesen von etwas überzeugen zu wollen, was ohnehin nicht in seinen Schädel passen würde. Und was auch überhaupt nicht seiner Lebensrealität entspricht.
Bemerke - wie wohltuend es ist, die Menschen einfach zu respektieren - und selbst auch respektiert zu werden. Jede(r) da - wo er gerade ist. Amüsiere mich gerne - über einige mehr als trockene Bemerkungen des Herrn Anwalt, mit denen er "sein Recht" zu verteidigen wünscht. Mein Recht - ist es nicht - denn ich würde Gesetze anders schreiben - bzw. neige mehr zur Selbstregulierung. Und zu "esoterischen Betrachtungen" - zuvorderst diese, daß ein vierfacher Schädelbruch wohl eine gewisse Symbolik beinhaltet .... was ich aber nicht laut sagte. Vielleicht, wenn wir uns nochmals sehen sollten.
Ein vierfacher Schädelbruch - scheint mir eine Art Aufforderung zu sein - sich mal ein wenig anderen Gedanken und Weltsichten zu öffnen - statt stur an einer zu hängen. Klug genug ist er ganz sicher.
Zu diesem Wort "Über-zeugung" fiel mir am Morgen ein - daß da wohl von Etwas zuviel vorhanden ist. Und - daß es mir nicht mitgegeben ist, übermäßig = zuviel an solchen zu hängen. Die "eigenen" haben sich schon mehrfach gewandelt im Laufe eines halben Jahrhunderts - und alle solchen Über-zeugungen zusammengenommen - wandeln sich ohnehin ständig im Laufe der Geschichte. Höchst erstaunlich eigentlich - daß die aktuellen "Über-Zeugungen" jeweils für die richtigen und/oder wahren gehalten werden.
Lauschte neulich noch einem plastischen Beispiel - jemand berichtete über seine erste Reise nach Indien und darüber, daß zu dieser Zeit Abtreibung streng verboten war und die Frauen, die sich nicht an diese "Gesetze" hielten, harte Strafen zu erwarten hatten. Als er zwei Jahre später wieder nach Indien kam - bekamen die Frauen Prämien vom Staat dafür, daß sie sich sterilisieren ließen.
Soviel - zu "Gesetzen" ...... und zu diesem immer wieder sinnfrei überbewertetem "gesellschaftlichen Tenor".
Ich merke auch wieder mal - wie eigentlich jeden Tag mit allen Menschen, denen ich so begegne - daß ich ganz froh um mein eigenes Päcklein bin - und mit niemand tauschen möchte.