Neulich sehe ich ein Kind am öffentlichen Mülleimer in der Kolonie - und bin fast schon erleichtert, daß es etwas hinein-wirft. Die meisten Leute, und es werden immer mehr, sehr viel mehr, versuchen, etwas aus diesen heraus-zufischen. Endlich sehe ich überhaupt mal wieder jemanden, der etwas hinein-gibt. In der nächsten halben Stunde werden etwa Zehne kommen - und schauen, ob´s was herauszuholen gibt.
Was für ein Armuts-Zeugnis - im Wortsinn - für dieses reiche Land. Aber ein besonderes Armutszeugnis für unsere Ein-Stellungen, Programmierungen im Geiste und in den Herzen. Kein Wunder, daß es soviele Herzinfarkte gibt - und so schicke neue "Herzzentren" - ganz ohne Herz und mit bzw. für viel Kohle - gebaut werden.
Die Schamgrenzen sind rapide gefallen in den vergangenen Jahren - es ist quasi ein "ganz normaler Job" geworden, im Müll herumzustochern. Und es interessiert im Grunde niemanden - im "Normalbetrieb".
Die Müllsammler wachsen analog zu den Heuschrecken - über die sich ja auch niemand wundert im "Normalbetrieb". Beide Seiten ergänzen sich formidabel. Die Einen gäbe es gar nicht - ohne die Anderen.
Mich befremden immer noch - beide Seiten. Die, denen es am Arsch vorbeigeht, wenn der "Nächste" im Müll wühlt - und die, die sich herablassen, vom Müll der Anderen zu leben. Eine gesunde Mitte kann ich - noch - nicht erkennen. Die Menschheit - hat ein echtes Verteilungsproblem. Hier - wäre ein langer Text durchaus angebracht - vielleicht schreibe ich mal einen dazu - über "die mühelos heilende Kraft eines gesunden Ausgleiches/Gleichgewichtes" oder sowas. Simpel. Sehr simpel. Doch - je "komplexer und komplizierter" All-Es von den beschränkten Geistern gekauft wird - desto mehr Kontrast wird erzeugt, gebraucht - um mal wieder mit den Füßen den Boden zu berühren.
Heute morgen stehe ich am einstigen Hexentanzplatz der Kolonie - "Neumarkt" heißt dieser" - wir sind zu drei Limousinen am Platz. Eine recht schicke Dame schaut nach uns - ich sehe von Weitem, daß sie nicht etwa fahren will, sondern etwas fragen. Wie oftmals - geht sie an meinem Kollegen vorne vorbei, nachdem sie mich erspäht hat - sie kommt lieber zu mir, weil ich eine Frau bin. Viele Leute scheinen so zu denken - "lieber zu der Frau, die ist freundlicher". Sanfter? Manchmal täuschen sie sich.
Die Dame redet etwas gebrochen Deutsch. Sie wolle telefonieren - aber da sei ein Mann in der Telefonzelle. Ich frage nochmal nach, sage ihr - sie möge nochmal wiederholen, was sie genau möchte. Sie spreche leider nur schlecht deutsch ... Ja, kein Problem - also, was möchten Sie genau? Der Mann in der Telefonzelle - der würde gar nicht telefonieren - aber sie müßte dringend ein Gespräch führen. Sehr gebrochenes Deutsch spricht sie .... ich frage also nochmal nach: Und was soll ich jetzt bitte tun? Nicht gut deutsch .... Sie möchten also, daß ich ihm das mitteile? Ja - genau, das ist ihr Begehr!
Ich steige also bei Null Grad aus und begleite sie zu besagter Telefonzelle. Soll bloß niemand sagen, "die Deutschen" wären nicht hilfsbereit oder gar unfreundlich. Sie ist erleichtert und bedankt sich mit ebensolcher Bezeugung - daß ich sehr freundlich wäre. Manchmal - stimmt das sogar.
Als ich zur Telefonzelle gehe - muß ich innerlich grinsen. Da steht der Wilde drin! Diesen - sehe ich immer mal wieder in der Stadt - und hatte gerade wenige Minuten zuvor noch gedacht: "Er sieht aus, wie ein Wilder. So ein Wilder, den diese Welt gut gebrauchen könnte - wenn er vital wäre." Der Wilde ist aber nicht vital - nur zäh. Ausgelaugt - aber zäh. Obdachlos, abgerissen, schmutzig ... und zäh. Hat lange, zerzauste Haare auf dem Kopf, von solchem Wuchs können so manche jugendliche Männer nur träumen. Sah ihn zuvor die Straße queren mit seinem schmutzigen, schwarzen Rucksack und dachte noch sowas wie "Was für ein Leben. Inmitten all der stets frisch-geduschten Verrückten."
Scheiß-kalt ist es in Windeseile geworden. Härtezeiten für die Obdachlosen.
Ich klopfe also höflich an die Tür der Telefonzelle - zweimal - und öffne einen Spalt. Jaja - er kommt jetzt raus. Ich sage ihm noch, daß die Dame gerne telefonieren wolle. Er - steht dort und hat sich den Hörer rücklings über die Schulter geworfen, sein Kleingeld liegt oben auf dem Apparat und mit den Händen bearbeitet er ein Stück Alufolie mit einem Feuerzeug .... sieht mir mal ganz danach aus, als wolle er sich gerade in bestmöglichster "Ruhe" einen Cocktail zubereiten. Finde seine Reaktion geradezu höflich für die Situation - und für seine Lebenslage.
Mein "Job" ist hiermit erledigt und ich gehe zurück gen Limousine.
Der Kollege an der Spitze, ein alter Hase, hat sein Fenster runtergelassen und informiert mich erzürnt: Das sei so ein Dreckschwein, dieser Typ. Der würde in die Telefonzelle pissen und scheißen. Wie oft den schon die Polizei da rausgeholt hätte ..... Ich erwidere nur: Nun, es ist arschkalt geworden. Wenn ich keine Wohnung hätte - ich würde mich wohl auch manchmal in so eine Telefonzelle stellen.
Frage mich kurz im Nachgang - wieso jemand, der nichts mehr zu verlieren hat, sich ernstlich noch an allzu viele blödsinnige und geisteskranke Regeln einer Gesellschaft halten sollte, woher nehmen all diese "normalen Menschen" - denen er völlig am Arsch vorbeigeht, eine solche Erwartungshaltung. Denke - es ist kein Wunder, wenn ihm diese seinerseits an solchem ebenso vorbeigeht.
Und wie gesagt - ich fand seine Reaktion ausgesprochen "höflich" - und sehr unaufgeregt. Manch Anderer hätte vermutlich geschimpft oder geflucht.
Sehe die Dame zügig weggehen und bin nicht sicher, ob sie ihr wichtiges Telefonat überhaupt geführt hat. Vielleicht war´s ja zu schmutzig da drin?
Vor wenig mehr Tagen kam ein anderer "Abgerissener" zu mir, als ich am Halteplatz in einem recht ungemütlichen Vorort eingebremst hatte - er sprach sehr leise und fragte mich, ob er mich etwas fragen dürfe. Ja, sicher, was möchten Sie denn wissen? Nun, er sei bettelarm und wolle mich fragen, ob ich vielleicht etwas Geld übrig hätte, er würde sich gerne in der Bäckerei gegenüber zwei Brötchen holen. Ein alter Mann - nur Haut und Knochen. Die Finger dunkelgelb vom Rauchen und die Nägel schon lange nicht mehr von einer Schere besucht.
Ich gab ihm kurzerhand die 1,50 - die ich als Kleingeld eben im mitgeführten Privat-Portemonnaie hatte. Er nahm sie gerne - und ich fand mich sehr geizig - weil ich gesehen hatte, daß er tatsächlich bettelarm war. Gerade wollte ich ihm noch etwas mehr geben aus anderer Kasse, als ich einen Auftrag bekam ....
Eigentlich war ich dann ganz froh, daß ich derart wegkam - denn ich kann mit meinem Salär in der Tat niemanden mit-auffangen, es hält gerade mein eigenes, dünnes Seilchen. Aber ich kann - wenigstens den "Outlaws" als Mensch begegnen - das ist ja auch schon mal was.
Wer Kohle hat - dem sei empfohlen, dem Nächsten, der ihn anbettelt, ein Fest auszurichten.
Einfach - so.
Womöglich - wird er/sie dazu eingeladen.
In "Echt" ... das ist so ein Land irgendwo .......
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