Dienstag, 16. Oktober 2012

Klärt sich alles - und bleibt unklar

Überwand den temporären Festhänger auf den allerletzen Seiten und fand es sehr amüsant, daß ausgerechnet dieser "Hänger" auf die "Archetypen" hinauslief, die ich mir als nächstes zuführen möchte. Es bleiben noch - Auszüge aus Briefen, die bei einem warmem Bade ein Genuß sein werden - und aus Zeiten künden, in denen Menschen noch Briefe schruben und sich derart anders ausdrückten, als  unsereiner heute mal eben über das Eintippen in eine Tastatur - und Verfügung über eine Löschtaste.
Was mich immer wieder zutiefst beeindruckt hat während der genüßlichen Lektüre: Hier spricht ein "berühmter Mann  mit studiertem und dekoriertem Hintergrund" immer wieder offen und ehrlich darüber, daß er nichts mit Bestimmtheit (zu sagen) weiß - sich aber durchaus auf das Nicht-Greifbare bezieht. Da gehört viel Größe dazu, Mut, sich ggf. von der Mehrheit der Ignoranten verlachen zu lassen. Also das Fehlen einer Profilneurose und von Geltungssucht. Jemand - der für sich selbst die Dinge ergründen wollte - und wie er beschreibt, auch mußte. Jemand, der über sich selbst sagt, nach einem intensiv forschenden Leben, er habe höchstens einen Hut voll Wasser aus dem unergründlichen Fluß schöpfen können. Noch ein paar unerhörte Zeilen hier aus einem erstaunlichen Lebensbericht, der meinerseits über den Solarplexus und nicht über den Verstand aufgenommen wurde, wird.

„…. Je älter ich wurde, desto weniger verstand oder erkannte ich mich.
Ich bin über mich erstaunt, enttäuscht, erfreut. Ich bin betrübt, niedergeschlagen, enthusiastisch. Ich bin das alles auch und kann die Summe nicht ziehen. Ich bin außerstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen,  ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von nichts.  Ich weiß nur, daß ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne. Trotz all der Unsicherheit fühle ich eine Solidität des Bestehenden und eine Kontinuität meines Seins.
Die Welt, in die wir hineingeboren wurden, ist roh und grausam und zugleich von göttlicher Schönheit. Es ist Temperamentssache zu glauben, was überwiegt: die Sinnlosigkeit oder der Sinn. ( …….. ) Wahrscheinlich ist, wie bei allen metaphysischen Fragen beides wahr: das Leben ist Sinn und Unsinn, oder es hat Sinn und Unsinn.  Ich habe die ängstliche Hoffnung, der Sinn werde überwiegen und die Schlacht gewinnen.
Wenn Lao-Tse sagt: „Alle sind klar, nur ich allein bin trübe“, so ist es das, was ich in meinem hohen Alter fühle.  Lao-Tse ist das Beispiel für einen Mann mit superiorer Einsicht, der Wert und Unwert gesehen und erfahren hat, und der am Ende des Lebens in sein eigenes Sein zurückkehren möchte, in den ewigen, unerkennbaren Sinn. Der Archetypus des alten Menschen, der genug gesehen hat, ist ewig wahr. Auf jeder Stufe der Intelligenz erscheint dieser Typus und ist sich selber identisch, ob es ein alter Bauer sei, oder ein großer Philosoph wie Lao-Tse. So ist das Alter – eine Beschränkung. Und doch gibt es so viel, was mich erfüllt: die Pflanzen, die Tiere, die Wolken, Tag und Nacht und das Ewige in den Menschen.
Je unsicherer ich über mich selber wurde, desto mehr wuchs ein Gefühl der Verwandtschaft mit allen Dingen. Ja, es kommt mir vor, als ob jene Fremdheit, die mich von der Welt solange getrennt hatte, in meine Innenwelt übergesiedelt wäre und mir eine unerwartete Unbekanntheit mit mir selbst offenbart hätte.“

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