Was mich immer wieder zutiefst beeindruckt hat während der genüßlichen Lektüre: Hier spricht ein "berühmter Mann mit studiertem und dekoriertem Hintergrund" immer wieder offen und ehrlich darüber, daß er nichts mit Bestimmtheit (zu sagen) weiß - sich aber durchaus auf das Nicht-Greifbare bezieht. Da gehört viel Größe dazu, Mut, sich ggf. von der Mehrheit der Ignoranten verlachen zu lassen. Also das Fehlen einer Profilneurose und von Geltungssucht. Jemand - der für sich selbst die Dinge ergründen wollte - und wie er beschreibt, auch mußte. Jemand, der über sich selbst sagt, nach einem intensiv forschenden Leben, er habe höchstens einen Hut voll Wasser aus dem unergründlichen Fluß schöpfen können. Noch ein paar unerhörte Zeilen hier aus einem erstaunlichen Lebensbericht, der meinerseits über den Solarplexus und nicht über den Verstand aufgenommen wurde, wird.
Aus C.G. Jung – Erinnerungen, Träume, Gedanken - Seite 360
ff.
„…. Je älter ich wurde, desto weniger verstand oder erkannte
ich mich.
Ich bin über mich erstaunt,
enttäuscht, erfreut. Ich bin betrübt, niedergeschlagen, enthusiastisch. Ich bin
das alles auch und kann die Summe nicht ziehen. Ich bin außerstande, einen
definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben.
In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung –
eigentlich von nichts. Ich weiß nur, daß
ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich
existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne. Trotz all der
Unsicherheit fühle ich eine Solidität des Bestehenden und eine Kontinuität
meines Seins.
Die Welt, in die wir hineingeboren wurden, ist roh und
grausam und zugleich von göttlicher Schönheit. Es ist Temperamentssache zu
glauben, was überwiegt: die Sinnlosigkeit oder der Sinn. ( …….. )
Wahrscheinlich ist, wie bei allen metaphysischen Fragen beides wahr: das Leben
ist Sinn und Unsinn, oder es hat Sinn und Unsinn. Ich habe die ängstliche Hoffnung, der Sinn
werde überwiegen und die Schlacht gewinnen.
Wenn Lao-Tse sagt: „Alle sind klar, nur ich allein bin trübe“,
so ist es das, was ich in meinem hohen Alter fühle. Lao-Tse ist das Beispiel für einen Mann mit
superiorer Einsicht, der Wert und Unwert gesehen und erfahren hat, und der am
Ende des Lebens in sein eigenes Sein zurückkehren möchte, in den ewigen, unerkennbaren
Sinn. Der Archetypus des alten Menschen, der genug gesehen hat, ist ewig wahr.
Auf jeder Stufe der Intelligenz erscheint dieser Typus und ist sich selber
identisch, ob es ein alter Bauer sei, oder ein großer Philosoph wie Lao-Tse. So
ist das Alter – eine Beschränkung. Und doch gibt es so viel, was mich erfüllt:
die Pflanzen, die Tiere, die Wolken, Tag und Nacht und das Ewige in den
Menschen.
Je unsicherer ich über mich selber wurde, desto mehr wuchs
ein Gefühl der Verwandtschaft mit allen Dingen. Ja, es kommt mir vor, als ob
jene Fremdheit, die mich von der Welt solange getrennt hatte, in meine
Innenwelt übergesiedelt wäre und mir eine unerwartete Unbekanntheit mit mir
selbst offenbart hätte.“
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