Dienstag, 2. Oktober 2012

Keine neuen Krücken ....

Lustig ist das nicht, aber es ist nun einmal: Ich habe nichts gelernt im Leben. Also nichts von Bedeutung. Zwar gab es immer mal solche Zeiten, in denen ich in der netten Illusion verweilte - jetzt würde ich bald den Stein der Weisen finden - oder Zeiten, in denen mir das Lernen und Üben ungeheuren Spaß machte - aber heute mußte ich mal wieder sehr ernüchtert feststellen: Das ist alles bedeutungslos.
Oder ist das etwa doch lustig? Mit einem kleinen, mühelosen Perspektivwechsel - kann das durchaus lustig sein. Da hast Du gelernt und gestrampelt und wieder gestrampelt und gelernt - und jetzt, nach knapp einem halben Jahrhundert, wachst Du auf und stellst fest: War nix, hilft nix, hat keine Substanz. Alles - leer. Und auch kein echter, ehrlicher Impuls, nach neuen Krücken zu greifen. Letzteres ist zu lernen - und es scheint in der Erinnerung einfacher, nach neuen Krücken zu greifen, als ohne solche zu sein. Aber keine neuen Krücken weit und breit.
Mensch, wie abgedroschen und doch so wahr: "Ich weiß, daß ich nichts weiß". Das ist alles, was ich weiß. Wer hat denn das nochmal gesagt? Muß ein kluger Mensch gewesen sein.
Lese weiter im C.G.Jung - habe nun etwa dreiviertel seiner "Erinnerungen, Träume, Gedanken" gelesen - stieß auf geniale und berührende Passagen, bewunderte seinen Scharfsinn, seinen Forschergeist und die gesunde Mischung aus Erdung und freiem Geistflug ... und staunte dann doch immer wieder, daß auch er nichts wirklich Greifbares gefunden hat - obwohl er der Welt soviel hinterlassen hat. Jedenfalls mein subjektiver Eindruck - ungeachtet der Wertschätzung für sein unermüdliches Suchen und beherztes Ausformulieren auch von sehr intimen Erlebnissen.
Der heilige Gral ist eben nicht aus Ton oder Kupfer geschmiedet - er bleibt eine Art Idee, aus Geist gefertigt und nicht auffindbar bzw. greifbar. Allerhöchstens kann man ihn mal in einem kurzen Moment der scheinbaren Erhellung "sichten" - aber anfassen oder gar in die Vitrine stellen läßt er sich nicht.
Natürlich kann ein Leben mit Lernen und Aktionismus (oft: Missionieren) gefüllt werden - aber wenn Du in zwei- dreihundert Jahren wiederkommst, wird nichts mehr davon wahr sein - es dient also lediglich Unterhaltungszwecken und dem Zeitvertreib. Irgendwas muß mensch ja tun hier auf der Reise. Das Alte, Bewährte - hält sich etwas länger und enthält Hinweise von anderer Qualität als beispielsweise ein Handbuch zur Bedienung eines Gerätes, welches es bald nicht mehr geben wird. 
Aber dennoch - lerne ich nicht wirklich etwas von "bleibender Substanz" - sondern immer nur, mich durch die Unwägbarkeiten des Seins zu hangeln - anhand von möglichen Orientierungsmarken. 
So blieb nur die Erinnerung - und diese ist wertvoll - daß das hier ein Geschenk ist. Das Leben - ist einfach ein Geschenk. Nehme ich das an? Naja - klar - was sollte ich sonst tun? Andere Frage: Wie - nehme ich das an? Da muß wieder jeder bei sich selbst schauen. 
Ein unendlicher Spielplatz - auf dem es unendlich viel zu erfahren und auszuprobieren gibt - aber nichts davon ist von Substanz und nichts davon wird bleiben. So kann jegliches Lernen nur reinen "Unterhaltungszwecken" dienen. Um das Wort "Unterhaltung" nicht allzu flach schmecken zu lassen - da steckt der "Unterhalt" drin, also auch das, was mich hält. Und nicht etwa im Sinne der heutigen "Unterhaltungsindustrie" gemeint -  sondern mehr in dem Sinne,   jeden Tag von neuem nach dem eigenen "Unterhalt" zu schauen. Ob das gerade das Erwirtschaften des Lebensunterhaltes ist - oder Sinnsuche - oder vieles Andere mehr. Ich könnte auch sagen: Was ist es - was mich hält und mir scheinbar Sinn gibt? Dazu gibt es unzählige Antworten und Varianten.

Das ewige göttliche Spiel - mit sich selbst. Vermutlich irgendwann aus göttlicher Einsamkeit und Langweile begonnen - planlos und uferlos - immer neue Ideen auf´s Spielbrett bringend. Aber - es bleibt - die göttliche Einsamkeit, in der im Grunde nichts weiter geschieht. Zugegeben - es ist schon eine geniale Spielform - die Figuren mit vermeintlichem Bewußtsein zu versehen und einer Idee von einem freien Willen, die dafür sorgt, daß sie glauben - sie seien die Urheber in diesem Spiel. Das ist raffiniert.
Aber es bleibt eine Art einsamer Gott am Spieltisch - der als Initiator seines eigenen Spieles nie wirklich vergessen kann, daß es keine echten Mitspieler gibt und daß er die Figuren zieht.
In jungen Jahren hatte ich mal eine sehr lebendige Vision von solchem Spielbrett - und sah deutlich vor mir, wie Gott und der Teufel am Tisch sitzen und mit den Figuren - also der Welt - spielen. Ich war eine Figur.
Heute müßte ich hinzufügen - daß beide - Gott und Teufel - auch nur zwei bereits vom einsamen Göttlichen geschaffene Figuren waren - damit überhaupt Spieler vorhanden sind.
Anders gesagt - die Vielschichtigkeit und Mehrdimensionalität war zwar durchaus einen Versuch wert - doch der ursprüngliche Erfinder der Spiele - bleibt ein-sam. Und der Schnitter ist demnach auch nur eine weitere erfundene Spielfigur - die die oft unangenehme Arbeit übernehmen muß.
Bis auf Weiteres - habe ich als Figur in diesem Spiel lediglich die nebulöse Instruktion, keine  neuen Krücken zu ergreifen - und herumzudümpeln. Ob mir das gefällt oder nicht. 

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