.... just, bevor ich zehn Tage lang lieber gar nicht mehr ans Limousinenlenken denke. Habe mir einen Schichtblock freigenommen, schon vor drei oder vier Wochen - trotzdem es im Grunde gerade finanziell alles Andere als vernünftig ist. Aber für die Seele ist es gerade gut. Und zum Sortieren. Erst später stellte ich fest - daß es wunderbar abgestimmt ist, denn heute fingen die Herbstferien an und damit eine Flaute.
Ironie der Götter: Als ich eben noch mit dem Unternehmer abrechne - sprechen wir drüber, daß es jetzt konkret wird mit der Abgabe bzw. Neusortierung des Geschäftes. Für den Sohn war schon alles klar - für mich klang es noch etwas hypothetisch neulich, als er mich fragte, ob ich eventuell mit einem Tag weniger leben könne. Ich sagte spontan "Ja - im Prinzip gerne" und dachte bei mir "Gut - dann komme ich in Zugzwang und muß was Neues kreieren - denn dann reicht es wirklich nicht mehr zur Lebensunterhaltung". Eben also erfuhr ich, daß es jetzt konkret wird - wie auch immer - es wird noch mit mehreren potentiellen Käufern verhandelt. Mir insofern in den Einzelheiten wurscht, da das nicht meine Angelegenheit ist - und die eine Limousine werde ich wohl mitbesetzen im Team. Vermutlich werden eh alle festen Leute mit übernommen - denn es sind gute Leute und gute Teams. Für mich wieder wunderschön - daß derjenige, der sich nun völlig rausziehen möchte, noch darum besorgt ist, daß es allen damit gut geht, obwohl er weiß, daß es ihn im Grunde nichts mehr angeht. Und auch der Sohn bedenkt all dies selbstverständlich mit - was überhaupt nicht selbstverständlich ist. Feine Menschen - und KollegInnen - schrub ich ja schon öfter.
Dann gings plötzlich nochmal überraschend ans "Eingemachte" - ich fand mich mit dem, der sich zurückziehen wird von allzuviel Arbeit für viel zu wenig Geld, im Gespräch über Grundsätzliches. Vom Umsatz her kamen wir heute drauf - nicht zum ersten Mal kamen wir überhaupt drauf: Er, der eigentlich nie gefahren ist, behauptet gerne felsenfest, der Umsatz hätte was mit der Grundeinstellung zu tun. Wenn einer richtig Lust hätte auf den Job, dann würde es auch gut klappen. Ich protestiere - und erläutere ihm, daß es nicht lediglich um Lust und Laune geht, denn ich könne ja schließlich nur sehr wenig tun und niemand hineinzerren - und daß es einfach irgendwann mürbe macht, jedesmal motiviert den Tag zu beginnen und dann wieder ausgebremst zu werden. Ich will ja fahren und Kohle machen - wozu würde ich wohl sonst morgens aufstehen und einen solch geistlosen Job machen?
Ja, das sei aber auch anstrengend, wenn man dann den ganzen Tag fahren würde - sagt er jetzt. Das ist vielleicht eine Type .... ich ergänze - den ganzen Tag fahren ist in Ordnung, das wollen wir ja alle, dafür stehen wir ja auf! Aber sinnlos warten, das macht mürbe auf Dauer. Und überhaupt - was er mir da wieder erzählen wolle, er sei doch selbst nie gefahren?!!!
Dooo-och .... (ich muß grinsen, er behauptet es immer wieder - vielleicht mal drei Wochen oder drei Monate - vor 30 oder 40 Jahren?)
Ich sage also mal wieder - es ist recht sinnlos, daß wir beide uns darüber unterhalten, wie es funktioniert. Und das, was ich Dir hier erzähle - kann Dir auch jemand erzählen, der schon dreißig Jahre fährt.
Höre ihm dann aber doch noch zu - irgendwas klingt in mir an - vielleicht ist ja ein Quäntchen Wahrheit dran - von wegen Grundeinstellung. Wobei - wenn dem wirklich so wäre - sollte es ihm persönlich doch ebenfalls finanziell erheblich besser ausgekommen sein, denn er hat ja eine gute Grundeinstellung ....
Besonders fasziniert mich aber, sowas von ihm zu hören, den ich schon ewig kenne - und der früher nie derart "Irrationales" von sich gab - vielleicht wird er ja noch zum Mystiker? Lebensklug ist er schon.
"Du findest Taxifahren Scheiße - und geistlos" - sagt er also, und ich gebe zu, ich hatte es gerade eben genauso formuliert - "aber in dieser Preisklasse gibt es keinen anderen Job, in dem man soviel Zeit hat. Und in dem man selbst entscheiden kann, wo man als nächstes hinfährt - und wann man Pause macht. Außerdem kannst Du Dich mit den Leuten unterhalten, wenn Du Lust hast - und wenn nicht, kannst Du es auch lassen." Ja - das stimmt, da kann ich ihm sofort recht geben. Meine also "Ja - das stimmt - und ich weiß durchaus um die Vorteile." Als ich gehe - hat er mich nochmal durcheinandergewirbelt ... bzw. die Gedanken über das Für und Wider. Dabei wollte ich gerade freudig in eine kurze Auszeit gehen.
Tatsächlich ist es so: Ich finde den Job im Grunde nur dann völlig unerträglich - wenn er mich nicht arbeiten läßt, obwohl ich ja genau das will, besser gesagt: Geld einfahren - und ich daher meine Lebenszeit sinn- und geistlos mit Warten verschwende. Dazu kommt neuerdings - daß meine Lust am Lenken von Maschinen stark nachgelassen hat. Bis vor wenigen Monden machte mit das rein gar nichts aus und öfter sogar auch noch irgendwie Spaß. Weiterhin kommt dazu - die Übersättigung von der Kolonie. All das - wäre nicht so präsent, wenn Kiste und Rubel wenigstens rollen würden.
Gestern morgen - traf ich noch auf einen Kollegen, der auch
schon lange fährt, an einem Halteplatz vor einem Hotel - keine Sau
wollte fahren, trotz Messe - ich hatte bereits über 80 Warteminuten als
Tagesstart - er berichtete mir von seinem Start: Zweieinhalb Stunden am
Bahnhof. Und dann - glaubte er, noch Glück gehabt zu haben, denn es ging
für 20 Euro weiter .... davon bekommt er vermutlich 45 %. Ich glaubte ebenfalls, Glück gehabt zu haben, denn ich fuhr eine Ladung sehr gut gelaunter, freundlicher Holländer.
Was die Vorteile betrifft - die gibt es zweifelsohne, und das ist auch exakt das, was mich noch hält - ich bin meine eigene "Herrin". Allerdings bin ich keine echte Taxifahrerin - so mit Leib und Seele. Nur mit Leib. Mein Ehrgeiz, alle Straßen jederzeit parat zu haben hält sich in überschaubaren Grenzen - es lernt sich automatisch und mit Routine, aber nicht aus vitalem Interesse. Die vermeintliche Zeit - ist nicht wirklich die meine, denn Du sitzt im Hexenkessel, reagierst ständig auf äußere Bewegungen - könnte ja ein Fahrgast sein - und zahleiche Vorbeigehende glotzen Dich reflektiv an, als seist Du ein Zootier. Während Du in körper-ungerechter Position hängst über Stunden - wirst Du steif und unbeweglich, Malesten stellen sich ein. Ich erkenne alte Hasen von weitem, ohne sie zu kennen, an ihrer schiefen Körperhaltung, in der sie über Jahre gesessen haben. Adios, Kreislauf .... ohne guten Kreislauf aber - arbeitet auch das Hirn nicht mehr vital - und so kannst Du das Lesen in der reichlichen "freien Zeit" auch vergessen. Chronische Schmerzen stellen sich zwangsläufig ein durch die üble Sitzerei.
Dennoch gibt es nicht wenige Exemplare - die diesen Job irgendwie zu lieben scheinen. Bei mir ist es von je her eine Haß-Liebe. Und bei denen, von denen ich einst dachte, es wäre einfach Liebe - stellte sich Gleiches heraus.
Ja - der Vorteil ist die selbständige Form der Arbeit, ganz klar. Aber da muß sich auch noch was Anderes finden lassen. Immerhin - bringe ich ja die Grundbereitschaft für lange Arbeitstage durchaus mit. Eigentlich schon immer. Nur - es ist eben erquicklicher, wenn es wenigstens hier und da mal Früchte trägt.
Die wilde Gans meinte "Dein Beruf knallt Dich voll ins Schreiben....vielleicht nicht so richtig mit Geld aufzuwiegen?" - ich denke, ich weiß ganz gut, was gemeint ist. Und eine Weile war es sicher auch leicht inspirierend. Aber "voll reinknallen" - geht anders. Und ehrlich gesagt - gibt es kaum etwas Langweiligeres, als Taxigeschichten ... jedenfalls für mich inzwischen. Und das - obwohl mich diese sinnlose 12-Stunden-Präsenz bis in die Träume verfolgt.
Es ist sehr einfach: Das, was zu lernen war - ist gelernt. Eine zeitlang hatte ich das Gefühl, noch nicht ganz fertig damit zu sein. Dieses Gefühl ist inzwischen verschwunden. Ebenso wie jegliche Sehnsucht nach der Kolonie.
Die paar Kröten - müssen doch auch anderweitig auf selbständiger Basis zu erwirtschaften sein ... dafür habe ich mir freigenommen, um das alles nochmal zu sortieren. Und um in Ruhe zu arbeiten. An was Anderem.
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