Donnerstag, 5. April 2012

Nochmal auf dem Weg: Danke an Hector, meine Meister-Amme - und an alle Anderen ....

... in Santiago de Cuba. Ein durchaus Machismo-programmierter Meister, der jedoch mehr mütterlich-nährende Qualitäten besitzt, als er vermutlich selbst je wissen wird. Wie ich schon schrub - besaß er diesen dortigen Luxus eines kleinen "Häuschens". Drei winzige Zimmerchen, aneinandergereiht ohne Türen, alles in simpelster Betonbauweise, keine Tapeten oder sowas, nur alles grau in grau und ohne Fenster. Dennoch - fast eine Art Luxus. Ganz am Ende ein winzig kleiner Hof, in dem öfter mal ein Schwein herangezogen wurde, welches zu gegebener Stunde viel zur kräftigenden Ernährung beitrug. Der Schweinefraß - übelst stinkend. Manchmal ein paar Hühner, durchaus geliebt und gehätschelt zu ihren kurzen Lebenszeiten. Sogar betrauert, wie "Kike", der verkümmert und zurückgeblieben, sehr schwach und nach Tod riechend, den ganzen Tag auf allen Menschenhänden saß und liebevoll  gestreichelt wurde. Als ich eines Morgens wiederkam, war Kike verstorben - und viele traurig darüber. Auch ich. Kleine, dürre Hunde ... ebenso. Nicht alle kamen durch. Das Erstaunliche war - man konnte es vorher riechen. Und: Die gemeinsame Zeit - auch mit den Tieren - war intensiv.
Die Toilette - ein dunkles Betonloch ohne Licht, in dem man mit einem Eimer Wasser nachspülen konnte. Das Wasser - jede Woche mit dem Tanklaster geliefert und teuer bezahlt - stand in zwei rostigen Sammeltonnen in der winzigen Küche - es mußte zum Kochen und zum Waschen reichen. Ein Paradies für Mückenlarven, die mühelos ihren Weg durch die splittrigen Holzabdeckungen fanden. Nach wenigen Wochen begann ich voosichtig, es ebenfalls zu trinken, nachdem der Magen sich schon etwas umgewöhnt hatte. Einmal züchtete meine Meister-Amme im dunklen Klo- und Duschkabuff den Hahn für das kommende Fest des Changó heran - ungewohnte Gesellschaft für unsereiner. Inmitten all dieser sehr liebenswerten Menschen - hatte ich Einiges zu tun, um meine angelernten Vorstellungen fallen zu lassen. Einfach - ein ganz anderes Leben. Für unsereins vielleicht unvorstellbar - zunächst - doch dennoch funktionerte alles. Und sicher - erfuhren die der Schlachtung und dem Ritual geweihten Tiere oft weitaus mehr Liebe und Kontakt zu ihren zukünftigen Schlächtern in kurzen Lebzieten, als es in unseen Breiten noch der Fall ist.
Ich habe das seinerzeit nicht wirklich "verstandesmäßig" erfassen können, aber gefühlt - daher war mir - trotz meinem gelebten und von allen dort akzeptierten Vegetarismus - klar, das hier etwas Anderes geschieht, als in unserer "Massenschlachtkultur". So - war es für mich, zu meinem eigenen Erstaunen, ein sehr natürlicher Vorgang, bei einem Ritual - ebenso so wie die anderen Anwesenden - von dem noch zuckenden, flügelschlagenden und im Übergang befindlichen Vogel, dem man zuvor die Kehle durchtrennt und den Kopf abgeschnitten hatte, gereinigt zu werden.  Es hat sogar gutgetan. Auf welche Weise - vermag ich nicht, zu beschreiben. Natürlich - wurde das Fleisch anschließend gebraten und verzehrt.
All das - brachte mich irgendwie zurück - auf den Boden und in den Kreislauf von Werden und Vergehen, der dort auch noch mit bloßem Auge sichtbar ist.
Das eine vermeintlich zivilisierte Welt, die in ihrer Essenz weit brutaler ist, als diese an den Händen abzählbaren Rituale, solche Vorgänge zutiefst tabuisiert und als "Voodoo" bezeichnet - ist ein makaberer Witz. Soviel - habe ich schon seinerzeit wohl erkannt.
Als ich ging, haben mein Meister und seine Familie ein vegetarisches Festbuffet zu meinem Abschied bereitet. Das - war nicht nur unbeschreiblich üppig, köstlich und gut, sondern auch selten respektvoll! Wie sehr viele Begegnungen und Momente dort mit den Menschen.
Für mich auch immer faszinierend: Die Menschen sind sehr stolz - und wenn sie ausgehen, sind ihre Kleider mehr als akkurat. Es gibt weit und breit keine Waschmaschinen - aber weißere Wäsche, als mit "Meister Propper" machbar.
Interessant auch die Erfahrung, mal als "Weißhäutiges" unter "Schwarzen" zu sein. Wie schon gesagt - die meisten Menschen liebenswert und äußerst respektvoll im Umgang an sich bzw. untereinander, neugierig und wirklich interessiert. Manche - manchmal nicht wenige - besonders in der "City" versuchten natürlich auch, aus mir eine "Melkkuh" zu machen. Ich antwortete meist dies: Schau mal - ich habe hier schon meine Leute und eine Familie, mit denen ich zusammen bin und denen ich mich verbunden und auch ein wenig verpflichtet fühle - und ich kann wirklich nicht die ganze Stadt freihalten. Das - haben sie immer sofort akzeptiert. Den wenigen Penetranten gegenüber erklärte ich dies nicht, sondern fluchte einfach aus tiefstem Herzen - auf kubanisch.
Das einzige, was mir je "gestohlen wurde", war ein Wörterbuch aus einem Rucksack, den ich überflüssigerweise in die Comparsa mitgenommen hatte. Die Jungs dachten wohl, sie würden ein Portemonnaie erwischen. Ansonsten - haben alle Einheimischen auf mich aufgepaßt und - wie ich auch schon mal vor Jahren "schrub" - mir sogar den Reißverschluß meiner Westentasche zugezogen, statt mir etwas herausnehmen zu wollen.
Entgegen aller "Warnungen" von Deutschen, die zuvor nach Cuba gereist waren und mir soviel über Gefahren berichtet hatten - war ich dort so sicher und geborgen, ja sogar verhätschelt, wie man es nur sein kann.
Die Meister-Amme kochte mittags ein köstliches Mahl - wenn seine Kinder aus der Schule zurückkamen - und wir aßen es mit unseren Tellern in der Hand, auf Hockern und irgendwelchen Behelfskisten sitzend - einen Tisch gab es nicht. Dennoch - war es ein vorzügliches, gemeinsames Speisen. Und es fand Kommunikation statt. Völlig unvergleichlich zu hiesigen Gewohnheiten.Des Abends wurde ich nochmals bekocht, von meiner "Wirtin", mit der ich unzählige Stunden kommunizierte. Die mir - wie die Anderen - im Sprechen selbst die Sprache beibrachte und mich vieles andere über diese Insel lehrte.
Ebendiese Kommunikation der Menschen, die ich dort traf - war eine ganz andere, als ich sie von hier kenne. Ich kann nur sagen: Eine ganz andere Form von Inter-esse.  Ich sprach auch viel mit Menschen über die politische Situation vor Ort - erstaunlich offene und ehrliche Gespräche, trotz Stasi an allen Ecken.
Kann einfach nur dankbar sein - für all diese Erlebnisse und Erfahrungen inmitten einer mir bis dahin fremden Welt und Kultur. Und für die ergött-z-liche Offenheit, die ich jedesmal auf meinen Reisen erfuhr.
Heute danke ich meinem Meister, also meiner "Meister-Amme" (gut, daß er das nicht liest ...) - auch noch für seine unerschöpfliche Geduld, mir an zwei Nachmittagen all diese Lieder und Texte der Comparsa in Engelsgeduld zum Mitschreiben memoriert zu haben. Irgendwo in einem der bereits fertig-gepackten Kartons befindet sich dieser Fundus, den ich noch sortieren will.  Wozu auch immer ... vielleicht als Würdigung für die vielen vielen Geschenke, die mir dort zuteil wurden. 
Und auch nochmal ein explizities Danke an den Zwillingsbruder - Raffael (gibt keinen Zufall, auch nicht bei Namen) - der mir eine Corneta China besorgte und mir beibrachte, wie man Töne aus dieser herausbekommt - sowie neue  Mundstücke anfertigt.

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