Heute morgen hätte ich den Schlüsseltermin fast verschlafen - hatte statt der Weckzeit die Uhrzeit verstellt. Wurde rechtzeitig noch von alleine wach. Und war plötzlich sehr aufgeregt. Hatte die neue Wohnung vor fast zwei Monaten nur einmal besichtigt, und hier in meinem Stadtkabuff, wo mir die Decke immer mehr auf den Kopf fiel, schrumpfte auch die neue Wohnung in der Vorstellung, wurde immer kleiner und enger und die Decken schienen ebenfalls niedriger zu werden. Außerdem wurde sie im Geiste immer dunkler, so wie diese Hütte hier. Heute morgen dachte ich dann: Auweia - wo wirst Du jetzt wohl landen. Kämpfte erst gar nicht erfolglos gegen die Aufregung an und ging trotzdem los. Holte mein Auto und lud es schon mal voll mit nützlichen und weniger nützlichen, dafür schönen Dingen, also doch sehr nützlich. Fuhr noch neue Eimer und Putzmittel holen. Und dann endlich los. Es regnete. Den Regen - hatte ich bestellt, denn ich wollte gerne mal hören, wie er auf den beiden Dachschrägen klingt, wenn er drauftanzt.
Je weiter ich mich aus der Kolonie entfernte, desto ruhiger wurde ich wieder. Hatte noch ein wenig Zeit, mich im Dorf ins Samstagsmorgens-Einkaufstreiben zu begeben und die Örtlichkeiten nochmal zu checken. Dann ging ich noch ein paar Schritte auf der Strasse - und wurde prompt sehr freundlich von einem mich überholenden jungen Mann gegrüßt, der in der gleichen Strasse wohnt. Anderer Ort - andere Sitten. Registrierte den örtlichen Postmenschen. Lotete die Zufahrt für den Umzugstag aus - reichlich Platz.
Dann ging ich zu den neuen Vermietern und bekam die Schlüssel. Sie ging nochmal mit rüber, ich hatte sie drum gebeten, wegen Übergabe der Wohnung und Zählerstandsablesung.
Im Haus trafen wir niemanden, was mir heute sehr recht war, denn ich hatte keine Lust, mich heute "ordnungsgemäß vorzustellen". Wollte einfach mal dort ankommen und nachspüren.
Wir gingen erstmal in den Kellerraum, der weit heller und geräumiger ist, als ich hier in meinem andauernden Stadt-Albtraum dachte. Er ist mindestens so hell, wie die dunkle Hütte, die ich jetzt verlassen darf. Und tip top in Schuß.
Oben dann - fiel mir ein Stein vom Herzen. Weit heller, größer, weiter - als ich traumatisiert hatte in meinen letzten Tagen hier. Und - ebenfalls tip top in Schuss, der Vormieter hat alles prima blankgeputzt für mich hinterlassen.
Ich lud noch das Auto aus, sortierte ein paar Sachen oben - und machte mir hungrig die mitgebrachte Pizza im Backofen - ein wichtiges Ritual. Lief immer mal von Fenster zu Fenster und schaute raus .... wer das gewohnt ist, findet wohl nichts Besonderes dran - für mich war es erstaunlich heute, den weiten Himmel mit den dunklen und dann wieder hellen, fliegenden Wolken zu sehen und die vielen schönen Bäume, vorm Haus und in der Weite. Dazu kam echtes Wetter. Das gibt es nicht im Hinterhof der Kolonie, umzingelt von 4-5 stöckigen düsteren Altbauten und/oder häßlichen 60-er Jahre Mietbunkern.
Es regnete, stürmte, ein kleines Gewitter sogar, dann ging der Himmel wieder auf und die Sonne kam. Aprilwetter, wie es sich gehört. Verzog mich wieder in die Herzküche, da ist es ein klein wenig dunkler als im Salon, wo ich fast geblendet war vom Tageslicht. Lachte über die begehbare Geheimkammer hinter der Einbauschrank-Fassade im geräumigen Flur. Genial! Was man da alles hineinstopfen könnte, wenn man wollte. Ich will ja nicht mehr.
Apropos hineinstopfen: Habe meine Einweihungspizza nicht geschafft, obwohl ich nichts gefrühstückt hatte, es schon eins war und ich Hunger verspürte. Ein gutes Zeichen! Vermutlich die ungewohnte Lichtnahrung zuvor. War ehrlich erstaunt, daß nichts mehr hineinging ... hier im Dunkelland hätte ich die locker weggeputzt. Landluft und -licht machen also hoffentlich wieder schlank. Vielleicht auch noch ein wenig Energie vom netten Vormieter - ein manischer Sportler.
Gutes Leitungswasser hat es dort auch - schmeckt prima und frisch.
Schräg vorm Salonfenster ein schöner, hoher Lebensbaum bis zum Dach - mit Vögeln drin wohnend - und eine schöne Fernsicht gen Hügel, Tal und weiten Himmel. Vorm Schlafzimmerfenster gleich viele schöne Bäume und der Blick in den fliegenden Himmel, vom Bett aus. Jede Menge Platz drin.
Aus der Herzküche geht der Blick in die Weite des Waldes und auf eine obengelegene Lichtung. Drüber fliegen die Wolken. Zur Begrüßung flog wieder ein kleiner Raubvogel über mir und piepte.
Ein bischen viel Autorauschen von der Hauptstrasse - Samstags-Einkaufs-Verkehr - aber es störte mich nicht wirklich. Hätte sofort dabei einschlafen können. Hat eine erheblich neutralere Qualität als die vielen unruhigen Geister und Stimmen hier in der Großstadt bzw. an meinen (jetzt: ehemaligen!) Fenstern, wo mensch ungewollt jede Unterhaltung und jedes Telefonat mithört und die Menschen rein von der Akkustik fast in der eigenen Wohnung wähnt.
Ein Bad - gibt´s erst Dienstag abend. Salz und Öl sind schon bereitgestellt. Dann geht´s auch erst mal nicht mehr zurück in die Kolonie - außer für den Umzugstag. An diesem stelle ich mal lieber zwei Wecker ... das war echt ein Ding heute morgen. Seit Jahren ist mir sowas höchstens einmal passiert.
Kein Spaziergang heute wegen Regen und Wind ... und Unruhe ob der Restaufgaben in der Kolonie.
Dennoch - zutiefst gereinigt, irgendwie. Weiß nicht genau, wie. Aber merke es deutlich. Und weiß auf dem Rückweg auch sehr sehr gut, wovon.
Schon auf der Einfahrt in die Kolonie - bis an ihren Rand fahre ich nur an Wäldern entlang - prallt mir auf dem Rückweg der viele Beton quasi vor die Stirn. Dazu kommen immer mehr Plakate, Werbung, bewegliche Konsum-Animation, die niemand wirklich braucht. Die Aufmerksamkeit - wird zwangsläufig auf diesen ganzen Mist gezogen und allzu viel ins nicht-freiwillige Außen. Aktuell u.a. wieder fussballtorgroße Plakate einer Regierungspartei mit 1,2 Prozent Wählerstimmen bei der letzten Wahl und einem Kandidaten, dessen ungebrochene Arroganz mir fast Bewunderung abverlangt. Eine SPD-Mutti. Mama´s Liebling von der CDU mit Standard-Hemd und Krawatte. Aufgestellt direkt an den Fahrbahnrändern - Wegschauen nicht möglich. Was der ganze Schrott wohl (wieder) kostet ?! Als ich wenig später in die engen Schleusen der Innenstadtstrassen einbiege - heiß begehrte, hohe Altbauten für teure Mieten zu beiden Seiten und unten auf der Strasse wenig Licht - fühle ich mich gar wie vor den Kopf geschlagen. Und im Hinterhof dann - ehemals! - halb begraben, inmitten von ewigen Baustellen und Schutt.
Die vielen Leute auf den Strassen der Stadt - ein Menschengewirr, Ausweichmanöver zu Fuß, mit Rädern und Autos. Bei mir auch manchmal - bei Bedarf - ein hitziger Zusammenprall wie noch gestern abend auf dem Rückweg von der Limousine .... Ein junger Muselmane im schwarzen BMW kommt mir entgegen, als ich hier wieder mal meine Runden drehe, um doch noch einen Parkplatz zu finden. Er denkt nicht dran, genügend zur Seite zu ziehen, damit wir locker aneinandervorbeifahren können in der engen Strasse - und macht mich auch noch blöde an, wie ich denn Auto fahren würde. Hoffentlich hat er sich erschrocken über meinen spontanen Zornesausbruch und darüber, daß ich ihn übelst beschimpfte und ihm zurief, er solle bloß seine blöde Schnauze halten! Ich fahre seit 30 Jahren unfallfrei und manchen Tag bin ich 12 Stunden auf den Strassen, seit Jahren. Der kam mir gerade noch gelegen. Zuvor verbrachte ich eine Stunde an einem Halteplatz, an dem sich eine Gang von jungen Männern versammelte und mit dem Kampfhund eines Kumpels spielte. Nach einer Stunde fiel mir dann ein total dichtgesoffener Typ ins Auto und wollte für 5 Euro um die Ecke zum Polizeipräsidium. Fragte mich - ob ich mich überhaupt auskennen würde in der Stadt. Ich hielt gerade noch an mich, da ich meine und seine Aggressionen schon gut riechen konnte. Habe gestern rechtzeitig aufgepasst, mir nicht von all den Köpfen die verbliebene Energie rauben zu lassen, immerhin. Alles "Gesellschaft", die ich mir ohne den aktuellen Job nicht zumuten würde.
Dennoch lachte ich heute bei der Rückfahrt in diesen Irrsinn, den ja viele sehr lieben, wie sie sagen. Den ich ja selbst lange für völlig normal hielt. Weil ich weiß, daß ich in Kürze eine Zuflucht habe. Und - nie wieder völlig bescheuerten Parkplatz-Stress. Und - einen herrlichen Wald vor der Tür. Und und und .... und weil einfach Freude in den Zellen zu spüren war.
Jetzt - bin ich sehr müde. Ich glaube,. vorwiegend aus sich endlich einstellender Erleichterung. Akuter Spannungsabfall. Ein bischen Anspannung brauche ich noch, für die Restarbeiten. Aber heute ist nichts mehr drin hier - die Erleichterung will schließlich auch genossen werden, wenn sie sich schon mal einstellt.
Gleich gibt´s noch ein Stück Pizza zum Abendessen - von zuhause.
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