Ein verrückter Tag gestern, der mich nochmal weit in längst Vergangenes zurückkatapultierte. Erst die Dame mit ihrem Beziehungsdrama, dann der Anruf eines lange vergessenen Bekannten. Gibt ja keine Zufälle - also sollte ich wohl nochmal zeitreisen.
Schon vor dem Anruf des wieder-Auftauchenden war ich zu dem Schluß gekommen, daß das irgendwie eine "Scheiß-Jugend" war, die wir da verbracht hatten. Wildes Chaos. Aber so wollten wir es ja. Und manchmal hat es ja Spaß gemacht. Innerhalb von großen Cliquen scheint es immer eine Art zentrale Figur zu geben, die viele Leute anzieht. In diesem Fall war es ein Ex - der Hundertschaften um sich herum anzog. Ich saß oft mittendrin und staunte nur über soviel Chaos. Habe in diesem Chaos für´s Abitur gelernt ... gerade soviel, wie nötig, um den Schein zu kriegen. Der erste Videorekorder war aufgetaucht und der Geliebte kaufte einen - für satte 1.200 DM damals. Diese Kiste lief dann 24 Stunden mit 20 bis 40 Zuschauern im Salon - ein Taubenschlag - und stumpfeste, blödeste Filme. Dazu passend schlechte Musik ...
Brauchte immer wieder meine Rückzugsräume, eigne mich nicht dazu, permanent von Menschen umgeben zu sein. Manchmal zog ich aus - mit ein paar Plastiktüten im Gepäck - hatte meine eigene Wohnung behalten und wußte gut, warum. Heute würde ich durchdrehen! Aber wenn man jung ist, geht vieles. Die Wohnungstür stand immer offen und die Leute gingen alle ein und aus - auch, wenn wir im Bett lagen. Bedienten sich am Kühlschrank ohne zu fragen und lachten nur - wenn es auch ihm mal zuviel wurde. Manche brachten was mit. Andere nutzten einfach die günstige Gelegenheit aus. So - lernt man Leute gut kennen. Jahre später kamen zwei Frauen zu mir, mit denen er nach mir zusammen war, und unabhängig voneinander berichteten sie mir "Das - wollten sie nie wieder im Leben erleben!"
Ne - ich auch nicht. Dazulernen durch Ausschlußverfahren - geht auch.
Auch der Anrufer gestern hat schlechte Erfahrungen seinerzeit mit ihm gemacht. Ich denke, das macht den Ex wertvoll - er hat viele Leute ent-täuscht. Und Ent-täuschungen sind auch wichtige Erfahrungen. Er hat aber auch einiges auf die Beine gestellt, große Projekte. Und die liefen gut. Jemand, an dem man sich gehörig reiben konnte. Niemand war schließlich gezwungen, ihn auszuhalten.
Gestern sagte dann der Mensch am Telefon noch - es hat alles genauso sein sollen. Ja. So ist es wohl. Heute - bin ich froh, daß das alles lange vorbei ist und ich nicht mehr zwanzig bin.
Manchmal, wenn ich wie gestern erinnert werde, wundere ich mich - über die vielen verschiedenen Leben, die so in (m)ein Leben gewebt sind. Und wie fremd einem die Vergangenheit ist. Mir jedenfalls - manche erinnern sich ja gerne und durchaus nostalgisch. Ich sehne mich eher nach einer rückstandslosen Komplett-Verdauung von allem, was mal war. Fühle also nochmal in den Körper, was so alles übrig ist von dem alten Schmodder. Und bin immer noch überrascht über diese kmprimierte Erinnerung, die mir das Leben gestern vorbeischickte. Da gibt es wohl noch was zu sortieren.
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