Donnerstag, 19. April 2012

Dünnhäutig

Ließ mich doch noch verunsichern vom Nachbarn und seiner Anmerkung gestern abend, es sei eher zu früh, die Sachen für den Sperrmüll rauszustellen. Tatsächlich - wuchs der Haufen in Windeseile an. Kartons, Katzenkorb, Wäscheständer und ein sperriger Lattenrost. Auweia. Was steht da erst morgen früh alles? Die Mitnahme für einen Termin ist offziell auf 3 Kubikmeter begrenzt. Der vorherige, freudige Schwung beim Rausstellen ließ nach. Heute morgen gegen zehn schaute ich mal vorsichtig um die Ecke .... alles noch da. Aber der häßliche Lattenrost weg. Neue Kartons dazugekommen.
Dachte - hoffentlich war das nicht derart angewachsen über Nacht, daß die jetzt meine Sachen stehengelassen haben. Diffuse Ängste. Aufgrund von derzeitiger Dünnhäutigkeit. Rief bei der Stadt Köln an und fragte mal nach, ob ich mir jetzt Sorgen machen müsse? Die freundliche Frau sah nach - und beruhigte mich. Die sind bis 16 Uhr unterwegs. Danke.
Am Mittag war das ganze Zeug weg - kein Staubkörnchen mehr übrig. Danke danke danke - was für ein wunderbarer Service!

Wachte bereits sehr dünnhäutig auf.
Von außen betrachtet ist das alles sehr irrational - denn eigentlich ist längst alles gecheckt und geregelt. Dennoch - tauchen diese diffusen Befürchtungen immer mal wieder auf. Traf die Nachbarin seit längerer Zeit im Hausflur, wir unterhielten uns. Sie ist auch am Anschlag, kann nicht mehr. So ein Nichtgelittensein und Endlos-Baustellen können einem mit der Zeit gehörig an den Nerven zehren. Bei ihnen kommt noch erschwerend hinzu, daß sie auch nachts keine Ruhe finden - weil die Vermieterin drüber die ganze Nacht mit den Füssen scharrt und scheinbar Möbel rückt.
Ich sage "Ich kann hier nicht mehr. Drehe durch." Es geht ihr ebenso.
Für mich - das Ende in wenigen Stunden absehbar, wenn ich neue Schlüssel habe. Hallelujah. Wir lachen noch drüber, daß ich vermutlich nächste Woche erst mal eine Art "Ruheschock" bekommen werde im neuen Domizil. Es tut gut, mit einer "Wissenden" zu sprechen. Ich erzähle ihr, daß mein neues Domizil so gelegen ist, daß keinerlei Baustellen weit und breit in Sicht sind. Außer - wie ein Freund "aufbauend-scherzhaft" meinte - das Dach muß neu gemacht werden. Aber auch hier lachen wir nur - denn das wäre nach diesem jahrelangen Horrortrip eine leichte Übung. Ergänze, daß ich alleine auf der Etage sein werde - keine Nachbarn neben und über mir. 
Ich wünsche ihr und ihrem Gefährten von Herzen viel Glück bei ihrer weiteren Suche - und daß es schnell gehen möge.  Bin gewissermaßen beruhigt darüber, daß mein lange erreichter Anschlag nicht einfach an (m)einer subjektiven Überempfindlichkeit liegt - sondern schlicht menschlich ist.
Ja - es gibt weit Schlimmeres auf dem Planeten. Höchst bedauerlicherweise.
Aber - wenn man geschreddert ist, ist man halt geschreddert.
Wodurch auch immer - aus dem Lot geraten. Da, wo man gerade ist. Mit der eigenen Geschichte.
Bei der meinen ging es allzu oft um "Grenzüberschreitungen" und sinnlose Ausdauer, Ausharren in Lebenslagen, die nicht sonderlich fruchtbar sind. Zutiefst gedrillt durch das grausige Kindheitsmantra, welches die Erwachsenen mir immer wieder sungen, wenn ich mal empfindlich und nicht pflegeleicht daherkam : "Stell Dich nicht so an."
Anstelle von Zuspruch oder Trost gab es ein knallhartes "Das bist Du selbst schuld - Du hättest besser aufpassen müssen." Ich bin ihnen nicht böse - rein objektiv mögen sie recht gehabt haben. Es ist nur so - ich würde ein blutüberströmtes, unglücklich-verunfalltes Kind wohl erst mal in den Arm nehmen - bevor ich es auch noch gnadenlos auf seine Eigenverantwortung zurückwerfe. Manchmal denke ich - es war zweifelsohne eine gute Schule. Und manchmal - bin ich eben dennoch dünnhäutig.
Wie mensch es für sich selbst besser und weit tröstlicher macht - möchte ich gerne noch lernen. Eine Aufmerksamkeit, die beizeiten einsetzt, bevor die Batterie allzu sehr angezapft ist. Sich selbst in gesunder Harmonie halten. Inmitten dieser Welt und dem Toben. Eine uralte, tiefe Sehnsucht nach Frieden. Der mich glücklicherweise mehrmals am Tag ereilt - trotz allem. Ich habe Glück - denn ich vergesse, besser: selektiere schnell. (Anders: Ich vergesse ich nie auch nur irgendetwas in meinem Elefantengedächtnis  - aber es sortiert sich von selbst aus, nicht alles wird gleichzeitig erinnert). Gerade jetzt - ist es sehr friedlich hier. Und ich habe Glück - denn ich schlafe meistens gut. Mit oder ohne Albträume. Nach einem möglichen Albtraum - drehe ich mich einfach wieder um und schlafe weiter. Bestenfalls traumlos.
In den vergangenen Monaten bin ich mir allerdings nicht mehr ganz sicher - ob der jeweils nach dem Aufwachen erlebte Tag nicht auch einfach nur ein Traum ist. Einer mit Fortsetzungs-Faden.
Wie man diesen Faden loslässt - möchte ich gerne wissen.
Und - wenn er dann für Momente tatsächlich verloren ist - kommen wieder diffuse Ängste, die ihn erneut aufgreifen.
Ein verrückter Traum, dieses Leben.
Inmitten von allem Chaos gibt es eine Art Insel, die ruhig vor sich im Meer der Erscheinungen hindümpelt. Eine unberührte Zuflucht, die zutiefst weiß, daß alles zur rechten Zeit und am rechten Ort geschieht. Die weiß, daß das Timing absolut und perfekt orchestriert ist.
Es ist wahrhaft schön, so eine Insel zu kennen.

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