Freitag, 25. Mai 2012

Unerwarteter Hitzelauf

Ne, da steckste nich drin, in dem Betrieb. Heute - erwartete ich schon mal nichts vom Tag. Außer brütende Hitze. Fing zwei Stunden später an, was ich mir selten herausnehme, und hörte dafür etwas früher wieder auf, mit weit besserem Tagesergebnis, als ich zu hoffen gewägt hätte.
Fuhr als erstes eine Dame mit ihren Einkaufstüten nach Hause um die Ecke. Als sie einstieg, klingelte auch das Telefon an der Rufsäule und außer mir war kein Kollege anwesend, also fragte ich die Einsteigende schnell nach ihrem Fahrziel und entschied, den Telefonauftrag anzunehmen, müßte prima zusammen klappen. Die Fahrgästin sagt noch "Ist leider nicht weit" und ich antworte "Das macht nichts. Habe mir erlaubt, per Telefon einen Folgeauftrag anzunehmen und gleich die Frau H. abzuholen - die hat´s auch nicht weit." Wir lachen.
Blieb dann zwar noch wegen kreuzender Strassenbahnen länger als gedacht hängen bei der nächsten Anfahrt, aber die Dame, die mich erwartete, kannte ich schon. Sie erinnert mich immer an eine ehemalige Tante von mir mit ihrem ungebrochen Humor trotz Altersgebrechen. So war es dann auch mit ihr - lustig. "Ach, Kind" sagt die zu mir - und tätschel tätschel .... meinen Arm und meine Hand. Die darf das. "Wir beide sind aber schon mal zusammen gefahren" sagt sie. "Ja" antworte ich "Schokolade kaufen". Sie lacht und erwidert "Die kaufe ich jetzt nicht mehr - ich muß abnehmen." Ob das nicht total schick aussehen würde, diese schlanke Dame dort - eine weitere Bewohnerin des großen, städtischen Seniorengeländes hält als Musterbeispiel für Schönheit her - und ich denke "Hört das denn nie auf? Auch nicht bei den Achtzigjährigen?!" Zum Abschied sage ich "Bis demnächst dann mal!" und hoffe, es gibt ein Wiedersehen. In dem Alter weiß mensch ja nie.
Immer wieder neu erstaunlich, wie meine Stimmung sich wandeln kann - gerade denke ich nur "Mach einfach wieder das Beste draus heute, war ja schon ein netter Start mit den Damen."
Der dritte Fahrgast ist ein Taxi-Vielfahrer mittleren Alters, der noch nie ein Auto besaß - weil er auch nie den Führerschein gemacht hat. Fährt manchmal bis zu 4, 5 Mal am Tag mit unserer Zunft und fragt gerne nach, wie es denn so läuft. Ich erzähle ihm meine Version der Dinge: Grundsätzlich rückläufig, das Geschäft. Manchmal sogar zu den ehemals besten Zeiten.  Die Kollegen würden teils Anderes berichten. Ja, klar, jeder erlebt es ja anders. Und er gehört zu denen, die glauben, das Taxifahren müsse sich lohnen, weil er schon manchmal einen dieser für uns eher raren Momente erlebte, daß er am Halteplatz kein Taxi vorfand. Erzählt mir von Halteplätzen, die "gut laufen" würden. Ich erzähle ihm von Wartezeiten, die ich auf diesen gut laufenden Plätzen schon zu Genüe erlebt habe. Und daß es keine "Regel" gibt sondern einfach nur jeden Tag wieder auf´s Neue ein reines Lottospiel ist. Errechne ihm einen Jahres-Durchschnitts-Stundelohn von etwa 6 Euro, mit mehr Glück kommen einige alte Hasen mit Stammkundschaft vielleicht auf 8 Euro, wenn sie gesegnet sind. Ob er das meine - mit gut laufen? Nein, sicher nicht. Ich bitte ihn, auch zu bedenken, wieviele Stunden wir runterreissen müssen. Und vor allem dieses: Es gibt nichts, was man von sich aus wirklich aktiv unternehmen kann - um die Lage zu verbessern. Ja - das wäre ihm auch ein Greuel. Erzähle ihm, daß ich mir jetzt einen neuen Beruf erfinden werde - weil ich dieses Nichtstun nicht mehr wirklich gut aushalte. Er lacht über´s "Erfinden", erwähnt dann aber ein paar gute Beispiele, die es geschafft haben und wünscht mir viel Glück dazu.
Der vierte heute ist wieder mein "Parkinson-Liebchen" - den fuhr ich auch schon öfter, manchmal sogar mit seiner Frau.  Ein erstaunlicher Mensch eigentlich - kann sich selbst nur sehr begrenzt bewegen und kümmert sich dennoch um diese. Dazu - hat er seinen Humor nicht verloren trotz aller Bürden - und kichert gerne. Er braucht recht lange für seinen Einkauf - ob ich schon mal Geld will vorher - ne, sie kommen ja wieder. Einmal gehe ich nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Die Uhr läuft - und mir ist eh alles wurscht inzwischen, was meine Kohle betrifft, bin nicht einmal ungeduldig. Als ich dann doch noch ein zweites Mal nach ihm schauen will - auch, um seinen Einkauf zu tragen - ruft es gleich zweimal "Hallo". Er selbst, ein paar Meter weiter am Strassenrand - und der obdachlose Zeitungsverkäufer, auf ihn deutend. Ah, gut! Da isser ja wieder. Ich trage seine Einkäufe und schirme ihn beim Überqueren der Strasse gegen ungeduldige Autofahrer ab. In die Apotheke muß er noch. Ob´s länger dauert? - ich stehe völlig verboten an einer Ampel und halb auf dem Fußgänger-Überweg .... nein, geht schnell. Er kommt zurück mit zwei Taschen voller Windeln für seine Frau. "Und jetzt? Nach Hause?" Ja. Ich bekomme ein üppiges Trinkgeld, wegen Pfingsten, sagt er. Danke - lache ich - und meine, hoffentlich wissen die Anderen heute auch, das Pfingsten ist. Hut ab - wie er seine eigene und die Krankheit seiner Frau meistert.
Den nächsten - ich erinnere mich selten an die einzelnen Leute und die Abfolge, aber heute waren es gleich viele hintereinander, die mich wieder was über´s Leben lehrten -  hole ich vom Krankenhaus ab, nach sechs Wochen nun, und er nennt den Namen eines Kölner Stadtteils. Ich frage: "Wohin denn da genau?" "Nein, nach Ehrenfeld in die Dingsstrasse" "Ach so" lache ich "Ihr Name ist Dings?" Ja - es ist sein Name. Das - habe ich wirklich absolut selten erlebt, daß sich jemand erst namentlich vorstellt, bevor er einsteigt. Ein echtes Restexemplar aus höflichen Zeiten. Interessanter Vormittag für mich - ich habe zwar keinen Bock mehr auf den Job - aber gerade jetzt schicken mir die Götter wieder solche Momente der zwischenmenschlichen Begegnungen und ich staune selbst, daß ich sie an diesem Vormittag sehr gerne erlebe.
Nach einer langen und viel zu warmen Wartezeit - kommt einer mit einer Fahrt, die sich für mich lohnt. Er kommt gerade aus Holland von einem Bootsurlaub zurück - und frischt meine Erinnerungen an den Bootsführerschein auf - was für ein Geschenk. Es kommt recht schnell wieder ins Gedächtnis durch seine Erzählung und ich frage noch dies und das nach, was ich mich in letzter Zeit schon selbst dazu gefragt hatte. Meine wichtigste an ihn war, ob sich denn inzwischen vieles geändert habe? Nein, im Grunde wenig. Auf den Wasserstrassen geht´s doch gemütlicher zu als auf denen für Autos. Will mir demnächst nochmal ein Anlegemanöver am Rhein genauer ansehen - zur Auffrischung.
Von da an läuft der Tag von selber weiter, auf angenehme Weise.
Die ehemalige Vermieterin in der Stadt hat Post für mich angenommen und benachrichtigt mich - ich schreibe ihr eine SMS, sie könne diese einfach auf die Briefkästen im Haus stellen, statt sie mir zu schicken - ich wäre eh mit dem Taxi unterwegs und könne mir die dann abholen kommen. Als ich nochmal vor dem Haus stehe und alle Klingeln drücke - komme ich nicht rein. Keiner da. Ich registriere - Erleichterung, daß ich nicht mehr dort lebe. Der einzig verrückte Gewohnheitsmechanismus, den ich öfter noch beobachte, ist - mal eben einzubremsen, um die santiären Anlagen zu benutzen. Aber das - geht ja jetzt nicht mehr. Kein echter Verlust - habe genügend Alternativen.
Am Nachmittag zweimal zum Flughafen raus, zweimal Menschen glücklich gemacht, die Termindruck hatten. Am Flughafen zum krönenden Abschluß völlig unerwartet im richtigen Moment - direkt bei der Rückkehr aus dem Sanitärbereich - noch eine Fahrt im Flug auf´s Display bekommen.
Es ist völlig verrückt - Du kannst weder etwas dafür oder dagegen tun - Du kannst weder etwas richtig noch falsch machen. Egal - wer was erzählt. Es gibt - keine Gebrauchsanweisung und keine Regeln.
Und dann nochmal mit dem Herz telefoniert, welches sich gerade um Taxi-Besetzung und Wagenschlüssel kümmert. Ob da ein Schlüssel in der Konsole wäre? Nein, leider kein Schlüssel. Ach Du Scheisse .... der nächtliche Aushilfsfahrer hatte diesen draußen am Auto deponiert - und ich wußte davon nichts, als ich am Morgen losfuhr. Gehe also am Abend nochmal zum Übernahmeort und will den Boden absuchen ... als der Schlüssel mir schon aus der Ferne entgegenblinkt. Hallelujah! Ich freue mich mit, denn so ein Verlust ist immer ein schlechtes Gefühl. Und so ein Wiederfinden - eine echte Freude.
Ja - manche Tage sind auch einfach schön - irgendwie.

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