Fand diese erstaunliche und erleichternde Erhellung - in einem schon länger im Besitz befindlichen, doch bisher noch ungelesenen Buch von Barbara Sher mit dem Titel "Du mußt Dich nicht entscheiden, wenn Du tausend Träume hast". Aufgrund von schon länger anhaltender "Ratgeber-Allergie" hatte ich mich bislang gescheut, nochmal hineinzuschauen, doch trifft es genau den Kern meiner Sache, meiner Suche und meiner Essenz. Sie nennt Menschen wie mich "Scanner". Das sind Menschen, die eine recht schnelle Auffassungsgabe haben und eine große Neu- und Wissbegier. Für die die schlimmste Strafe im Leben ist - nur eines tun zu sollen, sprich: "Die" Lebensaufgabe zu finden. Sich auf Eines zu spezialisieren oder festzulegen. Sich selbst innerhalb der Unendlichkeit einzuschränken. Menschen, die schon vieles begonnen haben - einiges durchgezogen haben, manches sogar exzessiv, Anderes weniger intensiv, weil es schnell abgehakt wurde und das Interesse verblasste, wieder Anderes angefangen aber sehr schnell wieder verworfen haben. Trial and Error. Menschen, die den Nektar aus dem Leben und seinen Erscheinungen saugen. Die manchmal wie Bienen von Blume zu Blume fliegen - aber nur solange bei einer Blume verweilen, bis der Nektar gesogen ist - und dann nicht länger auf dieser sitzenbleiben. Wofür auch?! Soweit - so kurz.
Sie beschreibt mir Bekanntes: Als Kinder - sind Scanner gerne gesehen, denn sie sollen ja möglichst viel lernen und aufnehmen. Wenn aber nach der Schule die gewichtige Frage auftaucht, was sie denn jetzt werden wollen (für immer und ewig) .... sind Scanner hoffnungsos verloren. Ein Scanner will nichts werden, was er/sie bleiben soll. Das Leben bietet viel zu viel an, was mensch erkunden kann solange er/sie lebendig ist.
Es gab mal Zeiten, in denen Scanner durchaus geschätzt waren - z.B. die Zeiten, in denen es noch Alchemisten gab, die sich mit allen möglichen Wissensgebieten, Geisteswissenschaften und den Musen beschäftigten.Das reicht bis ins Altertum - wurde aber irgendwann gekippt durch "Spezialisierung". Wäre ich bösartig - würde ich von Fachidiotie und Tunnelblick sprechen.
Tatsächlich - finde ich mich sehr gut wieder. Viele Jahre war es für mich das reine Grauen, wenn ich immer wieder gefragt wurde, was ich denn beruflich mache. Die Standardfrage in Deutschland - in anderen Ländern und Kulturen spielen ganz andere Dinge eine Rolle und folgt diese Frage erst sehr viel später.
Tatsache war - ich ging einem Broterwerb nach, meist mit zuvor exzellent durchlaufener Ausbildung - aber es interessierte mich nicht die Bohne. Ich hatte schon längst ganz andere, echte Interessen - die niemanden interessierten, weil sie nicht der äußerlichen Profilierung und dem Erwerb von Geld dienten. Und - weil sie von niemand Anderem bescheinigt waren. Alles - freiwillig erkundet. Und/oder teils bis zum Exzess betrieben. Aber eben kein "offiziell beglaubiges" Diplom an der Wand.
Oft stand ich mit einer Antwort auf die o.g. Standardfrage auf dem Schlauch - weil ich mich in einer erwartungsgerechten Antwort selbst verleugnet hätte. Ich hätte mir etwas zugesprochen - was nicht einmal einen Bruchteil meiner Interessen ausmachte. Noch mehr stand ich auf dem Schlauch bei dieser Frage, als mir die Götter eine Zeit schenkten, in der ich kein Brot erwerben mußte - es wurde mir einfach in den Mund geschenkt. Später erst hörte ich diesen amüsanten Begriff des "Privatiers", in den ich mich sofort verliebte.
Nein - ich mache die Übungen aus dem Buch nicht. Die - habe ich schon vor Jahren gemacht. Aber es klärt einiges und bringt viel Erleichterung, was diese unsinnige Idee eines Lebens-Sinnes betrifft. Bzw. - besser - des Sich-Festlegen-Sollens.
Was - im Himmel - sollte falsch daran sein, alles auszuschöpfen, was erfahren werden will? Und sicher ist absolut nichts falsch daran - manche Dinge in Windeseile zu erfassen, für die Andere vielleicht viel Schweiß und Mühe brauchen. Nur ein - unvergessenes Beispiel für mich ist mein völlig exzessives Erlernen von alten, traditionellen Rhythmus-Zyklen binnen sechs Wochen. Andere, die dafür viele Jahre gebraucht hatten - gemäß ihrer eigenen Aussage - um die Feinheiten zu erfassen und ins gemeinsame Spiel zu bringen - sprachen mir ab, daß das sein könne. Deshalb ist es für mich unvergessen - weil es mir scheinbar und sehr offensiv nicht gegönnt wurde von den Schwitzenden.
Mein Meister - war einfach nur begeistert und gab alles mit offener Hand. Sein Sohn, damit großgeworden, amüsierte und freute sich besonders über mein zügiges Erfassen einer Passage, für die er selbst sehr lange gebraucht hatte.
Allerdings - tat ich während dieser Zeit selten etwas Anderes und träumte sogar noch davon. Ich war quasi besessen - man könnte auch sagen kon-zentriert.
Wie albern von Menschen - die keinen Schimmer haben, wie schnell mensch etwas erfassen kann, wenn er an nichts Anderes denkt und sich auf eine geliebte Sache konzentriert, zu sagen "das gehe nicht".
Es geht noch viel mehr.
Natürlich - haben sie teilweise recht, denn ich hatte ja schon mein Leben lang allen möglichen Rhythmen gelauscht, dazu mein Herz schlagen lassen - und bin erst zu diesem Abenteuer aufgebrochen, nachdem ich zuvor bereits andere Rhythmen gespielt hatte. Ich ging es also erst in dem Moment an, als ich wußte, daß der nötige Boden vorbereitet war. Also - keinerlei Selbstüberschätzung, sondern sorgfältige Vorbereitung. Und so ist doch im Grunde mit allem - es ergibt sich Eines aus dem Anderen.
Heute - älter werdend - freue ich mich, nichts mehr erklären oder beweisen zu müssen. Keinerlei "Rechtfertigungsnot" mehr zu verspüren.
Und dennoch hat die Frau Sher mir die Augen und vielleicht die Schleusen wieder geöffnet, die ich tatsächlich in den letzten Jahren selbst verschlossen hatte - aus dem Gedanken heraus, es mache alles keinen Sinn.
Der Sinn ist also wiedergekehrt - es ist die pure Freude!
Und nun auch - hemmungslose Freude - ohne dummes Zeug von Außen.
Tausend Dank dafür.
Übrigens - der erste Broterwerb, bei dem ich nie eine Zögerlichkeit hatte, ihn auf Nachfrage ggf. auszusprechen, ist "Ich fahre Taxi." Vielleicht - weil keine Sau irgendetwas Weiteres erwartet. Es ist eben einfach - ein Broterwerb. Und für mich bislang der Ehrlichste und Vergesslichste.
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