War nach dem Umzug erstmals wieder in Kolonie mit der Limousine unterwegs. Schließe mich dem herrlichen Spruch in einer netten TV-Komödie gestern an, in der "Der Heiratsschwindler", gespielt vom wandelbaren Armin Rohde, jedesmal von der Arbeit nach Hause zu seiner Frau kam und mit den Worten in die Wohnung trat "Das muß ich alles nicht mehr haben, ne, das brauche ich nicht mehr". Doch auch er mußte dennoch wieder los, vorläufig, bis zum Happy End.
Freudige Begegnung gestern: Ich holte einen sehr freundlichen jungen Mann aus der JVA ab - er war gerade frisch entlassen nach zwei Jahren - und erleichtert. Hatte eigentlich vier Jahre, aber konnte nach zweien auf Bewährung raus. Freute mich mit ihm. Hielt auf seinen Wunsch an einem Kiosk auf dem Weg, wo er sich Zigaretten holte - und freute mich wieder mit über seine "Aufregung", nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder selbst irgendwo etwas einkaufen zu gehen, daß gab´s hinter Gittern nicht. Wieder so eine von ungezählten Welten in sich, die wir zum Glück nicht alle kennenlernen müssen. Fuhr ihn direkt von der Entlassung in die Freiheit zum Bewährungshelfer und dachte erst am Tor der JVA: Oh, wie schade, daß ihn niemand persönlich abholt. Als er später vom Kiosk zurückkam, teilte ich ihm noch einen Gedanken mit, der mir inwzischen gekommen war: Was für eine Probe - in dem Alter und in schönster Jugend - zwei Jahre ohne weibliche Gesellschaft verbringen zu müssen. Er kann mich beruhigen - seine Freundin ist ihm treu geblieben und hat ihn besucht. Das freut mich wieder. Sage nur noch - schlechte Karten, wer keine hatte, als er eingefahren ist.
Vorgestern holte ich einen älteren Mann aus dem Bordell ab. Er war ziemlich betrunken, doch ebenfalls sehr freundlich. Meinte, er müsse mich mal etwas fragen ... Oha - denkt es bei mir .... seine Frau sei schwer krank, er kümmere sich um sie und er liebe sie auch, aber sie sei ein ganz anderer Mensch geworden. Tagsüber müsse er sie jedesmal dazu bewegen, wenigstens etwas zu essen. Nachts um drei - würde sie dann wach und ihn wecken, hungrig. Er könne das alles nicht mehr schaffen - was ich wohl meine, was er tun sollte? Ich empfahl ihm - rein pragmatisch - ihr ein paar Stullen hinzustellen mit dem Hinweis, sie möge ihn schlafen lassen, er brauche schließlich auch seinen Schlaf. Er ist Berliner, wie ich schon hörte - und fragt nun, ob ich auch Berlinerin sei - wegen "Stullen"? Ne, sage ich, das ist ein geläufiger Begriff .... Ja, antwortet er auf den praktischen Tip, das habe er auch schon gesagt - aber sie wolle lieber - ihr Leibgericht gebracht bekommen. Irgendwas mit Quark und Marmelade ... und er bemühe sich wirklich, ihr zu helfen, aber er könne nicht mehr. Im Krankenhaus hätten sie ihm schon gesagt, er soll einen Pflegedienst holen.
Ja, sage ich - aber nur, weil er mich explizit drum gebeten hatte - ganz genau so ist es: Sie dürfen sich helfen lassen - und zwar, bevor sie selbst am Ende Ihrer Kräfte sind. Dann macht es nämlich für niemanden mehr Sinn. Man kann sich nur um jemand anders kümmern, wenn man zuerst an sich selbst denkt und seine Kräfte zusammenhält.
Ja, aber sie wolle das nicht. Sie wolle, daß er sich kümmert.
Das kenne ich, teile ihm mit. Aber darum - geht es nicht. Wenn Sie nicht mehr können, können Sie nicht mehr. Das ist menschlich. Und dann dürfen Sie sich helfen lassen. Besser früher - als zu spät.
Er scheint erleichtert über diese Antwort auf seine Frage.
Fragt noch: Das kennen Sie auch? Ich erzähle ihm keine Geschichte dazu - kannte es u.a. von meiner Mutter, die einen ganzen "Hilfsstab" um sich herum zur Verfügung hatte - und dennoch ab und an mit solchen Klöpsen kam - sie wolle, daß ich dies und das tue. Ich habe zu gegebener Zeit "Nein" gesagt. Denke, daß viele Menschen ihre Krankheiten auch dazu nutzen, Andere unter Kontrolle zu bekommen oder unter solcher zu halten. Und ich sage nicht einmal, daß sie das wissentlich oder gar bösartig tun - aber sie tun es - nicht selten. So wunderte ich mich einst über einen sehr einfühlsamen, klugen Arzt in einem der zahlreichen Krankenhäuser, in denen sie lag, der mir unter vier Augen mitteilte, daß es manchmal besser ist, sich aus dem Weg zu gehen, da diese alten Strukturen für beide Seiten nicht wirklich wohltuend seien. Ich war ihm dankbar - für seine Offenheit - und seinen klugen Zuspruch. So gab ich diesen gerne an den Fahrgast weiter - der sich ebenfalls bedankte. Er meinte "Also - am Montag zum Pflegedienst?" Ich antwortete "Ja! Auf jeden Fall. Oder aber zum Hausarzt, falls Ihre Frau einen guten hat - denn die können Ihnen sicher einen guten empfehlen und/oder bei der Organisation helfen." Was für zermürbender Gesellschafts-Kodex, daß Einer sich für den Anderen aufopfern soll. Oder gar Kinder für ihre Eltern. Und wieviel leichter kann es für alle sein, wenn mehrere helfende Hände da sind.
Es sind nicht solche Begegnungen, die ich nicht mehr brauche. Diese beiden haben mich sogar mal wieder angerührt. Ich rede von den sinnlosen Wartezeiten und der Hoffnung auf Arbeit und Geld, die mich manches Mal mürbe macht. Solange ich zu tun habe - bin ich eher zufrieden. Und wenn man sich noch im Moment begegnet, ist es fast wieder schön.
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