Dienstag, 15. Mai 2012

Durchreflektierter Energiebolzen

Mein letzter Fahrgat gestern begrüßte mich mit einem sonoren "Servus!" A hochgewachsener, quietschlebendiger Bayer, der ein Gespräch eröffnete über ein Wahlplakat am Wegesrand. Ob ich gewählt hätte? Ja, sage ich. Und Sie? Ach so ... war ja regional, stimmt. Er wählt immer die SPD, obwohl er Bayer sei. Ich erkläre ihm, daß es keinen Unterschied macht, ob er SPDCDUCSUGRÜNEFDP wählt. Er antwortet mir darauf sehr reflektiert - allerdings wende ich ein, daß sein Standpunkt durchaus verständlich ist - jedoch in die 80er Jahre gehört, und die seien nicht mehr aktuell. Einer von den wertvollen  Menschen, mit dem es sich trefflich angenehm uneinig sein läßt. Jemand, der einen klaren Standpunkt hat, aber nicht überzeugen will. Jemand, bei dem ich bereit bin, gut zuzuhören und ggf. meinen eigenen Standpunkt zu überdenken. Am Ende - sind wir uns mehr als einig - das Politik von innen heraus geschieht, bei jedem einzelnen.
Er erläutert mir auf mein Argument, daß die 80er vorbei seinen und wir in einer globalisierten Welt leben, daß ihm das alles eine Nummer zu groß sei, was sein eigenes Leben betreffe. Er wolle ein gutes, friedliches Leben für sich und seine Familie bewirken. Dazu gehöre mal in erster Linie für ihn, daß er sich selbst um seine alten Eltern kümmere und diese Verantwortung nicht an eine Pflegeversicherung abgebe. Zunächst müsse er dafür sorgen, daß seine Familie von seiner Arbeit einigermaßen gut  leben kann. Zugegeben - habe er einen guten Job und verdiene gut. In Bayern und Baden-Württemberg gäbe es derzeit Vollbeschäftigung und man streite sich um solche Dinge, ob jemand auf dem Bau 15 oder 18 Euro die Stunde verdienen solle. Das höre ich gerne - in NRW gibt es andere Probleme. Über solche Dinge bräuchten wir uns sicher nicht streiten, da wäre ich dabei. Er sieht ein, daß kein Mensch für 4 Euro arbeiten sollte und daß es einen vernünftigen Mindestlohn bräuche. Gut. Zurück zu ihm - er kauft regional ein. Lebensmittel vom Nachbarhof, Fleisch beim Dorfmetzger seines Vertrauens usw. Er trägt ein Jacket von einer Firma namens "Omen" aus Hamburg, das hat 600 Euro gekostet und ist in Deutschland gefertigt. Er kauft sich etwa alle zwei Jahre ein neues.  Erzählt mir noch, wo er seine Hemden kauft - ebenfalls aus dem Lande und zu vernünftigen Konditionen hergestellt. Der gefällt mir! Ich ergänze noch, daß ich zwar gerade nicht wirklich eine Jacke für 600 Euro kaufen könne - nein nein, er wisse schon, daß er gut verdiene - aber daß ich denke, wenn mehr Leute diese Grundeinstellung und ein echtes Interesse hätten, würden die Dinge sicher auch wieder bezahlbarer. 
Recht hat er, von innen heraus geschehen die Dinge - freue mich, ihn zu treffen! Einer von denen, die bei sich selbst beginnen und eigenverantwortlich handeln. Wir sind uns völlig einig, daß es darum geht, "anständig" zu handeln - sprich, zum Beispiel Mitabeiter nicht auszubeuten, sondern gut zu entlohnen für ihre Arbeit. Nicht auf Konkurrenz, sondern auf Zusammenarbeit aufzubauen. Gegenseitig dafür zu sorgen, daß der Nachbar seinen Broterwerb behält.
Geht doch .... und ist gar nicht so schwer. Hat mich sehr gefreut, an diesem Tage gleich auf mehrere solche Menschen zu treffen! Servus.

Keine Kommentare: