Sonntag, 10. Juni 2012

Vom Altwerden und -sein

Bekam einen Anruf gestern, als ich mitten in der City war - ob ich die Mutter der ehemals besten Freundin abholen könne, in Brühl. Ja, sicher, fliege sofort los. Nach etwa 20 Minuten war ich dort - und fand die einzige und enge Zufahrt zum Schloß nicht. Eigentlich war ich im ersten Anlauf genau richtig - aber ich wußte nicht, daß ich durch die Fußgängerzone und eine enge Altstadtgasse fahren mußte bzw. überhaupt konnte. Das dauerte nochmal, bis ich das raushatte. Fuhr also mit der Limousine nochmal auf die andere Seite vom schönen Lustschloß - kein Rankommen. Rief via Handy an und sagte, ich bin schon ganz in Ihrer Nähe, komme gleich - frage jetzt mal die Brühler Kollegen ... Die schickten mich über eine schmale Zufahrt durch eine Schranke, die geradewegs in den Schloßpark führte. Eine freundliche Schrankenwärterin machte mir sogar auf - via Gegensprechanlage sagte ich ihr, was mein Begehr sei.
Dann - fand ich mich mit der Limousine mitten auf dem Schloßparkgelände wieder und fuhr mal ganz vorsichtig auf die vielen geharkten Steinchen dort - Schotter überall. Dachte - ne, so wird das auch nix, kriegste nur Ärger. Also zurück und nochmal selbst gesucht. Zu Fuß. Gefunden! Hallelujah. Ganz einfach - wenn´s man´s weiß.
Die Mutter der Freundin hatte sich die Hüfte ausgerenkt, was ich gar nicht wußte, konnte also nicht mehr laufen und wurde von zwei Freundinnen gestützt. Die Freundinnen ließ ich in Köln am Weg raus - und fuhr die verletzte Dame nach Hause. Wir unterhielten uns ein wenig - sie kennt mich von klein auf, jetzt hatten wir uns Jahrzehnte nicht mehr gesehen.
Ob sie mich noch duzen dürfe? Ja - dieses Jahr noch. Werde erst nächstes Jahr 50 ... die Damen lachen sich einen.
Ich fragte sie, wie jung sie denn jetzt sei. 78. Aha - dachte, sie wäre schon über die 80er Schwelle gegangen. Sie wohnt mit ihrem Angetrauten - ein ganz lustiger, netter und interessanter Mensch - immer noch im gleichen Häuschen. Ich meine, daß ist ja gut, daß das geht. Diese Häuschen werden nämlich nach und nach alle verkauft, wenn jemand auszieht, aber sie haben Wohnrecht einstweilen. Sie meint - ne, sie wolle lieber ausziehen, aber ihr Mann wolle nicht. Die Treppen seien beschwerlich geworden. Sie - würde tatsächlich in ein Wohnheim ziehen, auch für den Fall, daß man eines Tages pflegebedürftig werde. Ich sage, daß ist aber selten, daß jemand so denkt. Die meisten wollen lieber zuhause bleiben. Nein, sie nicht - ihre Kinder hätten schließlich ihr eigens Leben und die wolle sie nicht in Anspruch nehmen in einem solchen Fall. Und dann - läge man ja den ganzen Tag zuhause alleine rum bis auf die Momente, wo ein Pflegedienst käme. Es sei nicht wirklich einfach, alt zu werden. Ihr Mann habe auch seine Malesten und gehe manchmal schon wie ein Neunzigjähriger, angeschlagen durch zahlreiche Fußball-Verletzungen aus der Vergangenheit.

Sie fragt mich, wie lange meine Mutter denn schon gestorben sei. Vier Jahre - und wenige, letzte Monate im Heim bzw. im Krankenhaus verbracht. Keine schönen letzten Jahre, viel Elend. Obwohl - sie ganz sicher auch ihre guten und zufriedenen Momente hatte, besonders mit sich in Ruhe allein in der eigenen Wohnung - wie könnte ich das von außen beurteilen? Eigentlich ein völliger Unsinn ... Reicht schon, daß die andere Tochter strohdumm war und das Leben der Mutter, einer sehr eigenwilligen Frau, knallhart als "nicht-lebenswert" bezeichnete. Wie einfach es doch ist - schnell mal einen Stab über Andere zu brechen -  statt in den eigenen Spiegel zu schauen.
Ja, meint die Dame, die ich fahre, es wäre sicher besser, wenn es hier wie in Holland oder der Schweiz geregelt wäre. Sie meint "Sterbehilfe". Da ist was dran - für solche, die nicht ewig weiterleiden wollen, weil sie künstlich "erhalten" werden. Erzähle ihr, daß meine Mutter sich am Ende selbst geholfen hat. Nach vielen Jahren des Leidens und vollgestopft mit Morphium gegen die Schmerzen. Das ich das im ersten Moment etwas überrascht aufgenommen habe - bis sich der erste, angelernte Schreck gelöst hatte. Dann fand ich es sehr mutig. Und mehr als legitim.
Dieser ganze Unsinn, der uns von den Religionen eingetrichtert wird, hindert sicher viele an so einem Schritt. Aber - wenn doch alles "von Gott kommt", ist schließlich auch eine solche Entscheidung göttlich. Das - erzähle ich aber nicht mehr.
Was ich noch erzähle, ist, daß ich mich gegen Ende - zunächst - auch auf einen menschlich-wohlgemeinten Gedankenanstoß eines behandelnden Arztes hin (der ebenfalls kurz vorm Ausrasten und sehr aufgelöst war, nachdem sie ihn getriezt hatte ...) zurückgezogen hatte, da die Mutter äußerst schwierig zu nehmen war. Jemandem, der sich helfen lassen will, kann man auch behilflich sein. Aber jemand, der mit quasi nichts einverstanden ist, ist schwierig. Erwähne noch, daß ich das nicht mehr persönlich nehmen mußte, es ging allen Beteiligten so, daß es sehr schwierig war und niemand etwas richtig machen konnte. Ich treffe völlig unerwartet auf vollstes Verständnis - die Mutter dieser Frau wurde gegen Ende mehr als garstig und dement dazu, ich erinnere mich wieder dunkel an diese Zeit, die ich damals noch am Rande mitbekommen hatte. Und sogar an die "kleine, garstige Oma".
Ich selbst - schätze mich ganz glücklich, da wir - trotz aller ehemaligen Differenzen - einen sehr freundlichen, gar liebevollen letzten gemeinsamen Moment hatten, mit einem Lächeln auf beiden Seiten, als wir uns das letzte Mal sahen und uns zum Abschied auch noch zuwinkten.  Habe das erst kurz darauf "verstanden", das sie wohl schon daran dachte, zu gehen.
Berichte der besagten Dame noch, daß es immer wieder erstaunlich ist, wie unterschiedlich die Menschen, die ich in der Limousine fahre, alt werden und ihr Schicksal nehmen - manche sind schon mit 70 völlig am Ende, körperlich und moralisch, Andere tragen ihre Gebrechen mit erstaunlichem "Selbst-Humor" und verlieren ihre Freude am Hiersein nicht.
Nein, einfach ist es vermutlich für die wenigsten. Aber etwas würdiger könnten wir das vielleicht gestalten?
Verfolge gerade öfter die Radiomeldungen bezüglich "Pflege (-zusatz) versicherungen", heftigst prophezeiter "Altersarmut" und neuerdings auch "Alters-Alkoholismus und -sucht" ***
(*** - mußte herzlich lachen über soviel Unsinn. Da werden diese Menschen jahrelang mit teuren Pharma-Drogen verseucht - sofern sie sie bereitwillig einwerfen - und dann sollen sie womöglich noch gegen Drogenmißbrauch therapiert werden?! ),
beabsichtigten Umschulungen von Drogeriemarkt-Kassierinnen zu Altenpflegerinnen .... und immer wieder geht es vorwiegend um "Finanzierbarkeit" - als handle es sich bei uns um Vieh (und selbst mit dem würde ich nicht so umgehen wollen). Von Würde und einem für die Betroffenen möglichst angenehm gestalteten Lebensabend/-ende - höre ich nichts. Kein Wunder, daß die meisten von uns einen Horror vor dem Altwerden haben. Mein Gedanke ist oft dieser: Die Alten - müssen sich selbst den verdienten Respekt zurückholen!
Sehne mich nach diesen Zeiten, in denen Alte noch in Würde sterben konnten - soll es mal gegeben haben.

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