Dienstag, 19. Juni 2012

Süße, selig umhüllende Langeweile

Aus einem mehr als reichhaltigen Fundus ....... herausgefischt - weil´s gerade mein vorwiegendes Thema ist:
"Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit." (Aldous Huxley) 

Den Weg zu diesem Fundus fand ich über einen weiteren Post der Wildgans - merci und freundliches Gänsezischen!

Recht hat er, der Herr Huxley. Schon seit einigen Monden frage ich mich, was dieses ewige Gezerre an der Welt, wie sie ist, eigentlich bewirkt - und wozu es genau gut sein soll. Er sagt es, es zieht einfach aus der Gegenwart. Und er sagt es noch weit trefflicher - setzt noch einen drauf - indem er sagt, daß die ersehnte Freiheit ja gerade hier ist.

In diesem Sinnieren genau darüber - fällt es mir seit geraumer Zeit recht schwer, "neue Ziele zu setzen".  Oder andersrum: Es fällt mir leicht, keine zu setzen. Und so soll es gerade sein. Besonders nachdem ich wieder einmal erleben durfte, wie leicht Veränderungen quasi von selbst geschehen, wenn es denn an der Zeit ist. Seit ich hier bin und einen recht ruhigen, geräumigen und freundlichen Ort zum Sinnieren über diese Fragen habe - mehr nebenbei, in dem Sinne, daß ich mich erst mal freue, jetzt hier zu sein! -  bemerke ich mal wieder, daß dieses Zielsetzen aus einer tiefen Unersättlichkeit rührt. Statt also einfach mal in aller Ruhe mein Hiersein zu geniessen, taucht ab und an die Frage auf "Und was jetzt? Was kommt als nächstes? Was willst du tun". Eine reine Verstandesfrage zur Zeit - über lange Jahre so gelernt, andressiert. Keine echte Antwort - weil es ja auch gar keine "echte Frage" ist. Echte Fragen - verlangen von selbst nach Lösungen.

Von einem anderen Menschen, der mich in Teilen kennt, ehrlich interessiert gefragt, womit ich mich denn gerade so beschäftige - sagte ich: Hmmmhh .... im Moment mit "Leerwerden". Doch doch, diese und jene Dinge interessieren mich schon noch, nach wie vor, aber es geht auch ums Leerwerden. Ums Abgeben von so vielen unnützen Ideen. Etwas Neues - taucht dann schon von selbst auf, wenn genügend Raum da ist.

Der Verstand erzählt mir gerne - daß ich sehr langweilig geworden bin, so ohne Wißbe- und Neu-Gier. Ich antworte ihm - das ist ja gerade das Neue. Einfach mal so ein völlig unspektakuläres, recht zufriedenes Dasein führen, glücklich darüber, daß kaum jemand mehr daran zieht, nicht einmal ich selbst. Dieser Hochgenuß - langweilig sein zu dürfen und nichts erreichen zu wollen. Langeweile ... endlich als echtes, göttergegebenes Geschenk zu empfangen, als Form von Muße. Sanft eingehüllt - in Langeweile. Süße, umhüllende Langeweile. Nichts mehr, was mich wirklich vom Hocker reißt. Ein richtig satter  Luxus, diese Langeweile! Vor einigen Monden noch - als solcher völlig unerkannt. Und ein recht großer Horror. Inzwischen - ganz anders - ein Segen. Ein Füllhorn. Überfließend. Dankbar - die momentane Langeweile genießend. Ein Geschenk der Götter!
Die Kühe beim Grasen bewundern. Tag für Tag - tun die nicht besonders viel Anderes. Den wilden, ungestümen Flug und das Fiepen der Schwalben geniessend, mich freuend, daß sie noch hier sind. Die Elstern bewundernd, wenn sie auf´s Dach hochschießen und mit einem deutlich hörbaren "Klack" irgendwo landen. Über die uralte, mächtige Buche oben auf dem Hügel staunen - die steht da schon seit weit über Hundert Jahren.
Mich an meine langweilig-glücklichsten Tage erinnernd, als ich einen großen Hof mit Hühnern auf einem Berg in der schönsten Toskana hütete für die ausgeflogenen Besitzer - der Tag war mehr als reich an- und ausgefüllt mit Hühner versorgen, ein paar anderen nötigen Handgriffen, am Tage ins weite Tal und des Nachts in den phantastischen Sternenhimmel blickend.
Ne - ich hätte vor wenigen Monden wirklich nicht geglaubt, daß ich dieses Geschenk der Langeweile derart schätzen könne.

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