Dienstag, 12. Juni 2012

Gedanken über die Alten ...

... finden statt. Über ihre Geschichten, darüber, was sie uns wohl zu sagen hätten, wenn sie einen Raum oder gar ein Forum bekämen. Viele Fragen liefen über den inneren Bildschirm, als ich drüber nachdachte. Heute abend denke ich:  Viel interessanter wäre es - die Alten zu fragen, welche Fragen ihnen geblieben sind.

Hatte noch keine Muße und Zeit, mal nachzusehen, ob´s sowas nicht längst schon gibt. Habe ein waches Auge und Ohr, wenn ich wieder mal welche von ihnen fahre - wie gestern, eine fast 90-jährige, echte Kölsche, sehr liebenswert und zuckersüß in ihrer kölschen Gelassenheit. Wache, funkelnde Augen - der Körper ist sehr müde geworden und als sie einsteigt, verheddert sie sich fast zwischen Handtasche, Stock und Sicherheitsgurt. Wir lachen - und ich sage "Das sortieren wir mal besser, bevor hier noch ein Unglück passiert." -  "Ja ... so ist das, wenn man nicht mehr kann ...". Als sie ausgestiegen ist - schön langsam - und sich justiert hat, geht sie alleine zur Tür. Ich frage meist nach - ob es denn geht oder ob sie Hilfe möchten ... dann weiß ich meistens, ob ich wieder so eine Kämpfernatur erwischt habe - wie diese, die tapfer alleine ihre Schritte macht, in ihre eigene Wohnung. Manchmal, wenn es mir geboten erscheint, bleibe ich noch stehen und schaue, ob sie auch gut anlanden.
Heute fahre ich einen Mann, dem ich etwa die gleiche Altersklasse zugestand, schätze ihn so auf 85 plus ... aber hellwach und schnell im Geiste, alles registrierend. Körperliche Malesten, aber sehr tapfer alleine und mit Gehwägelchen unterwegs, bis er mir dann, zunächst nach Luft japsend, in die Limousine fiel. Heute nachmittag allein unterwegs, sich später auf einen schönen Fußball-Abend freuend - im Seniorenwohnheim - und morgen fährt er mit seiner Tochter einkaufen - alles trotz vieler Malesten. Eine sehr sonore, volle Stimme für das fortgeschrittene Alter. Hut ab.
Am Mittag - meine bislang älteste Fahrgästin, die ich je fuhr - und die es vielleicht auch bleiben wird. Sehr schick angezogen, geradezu elegant. Sie beginnt von sich aus, zu erzählen, wie sich die Umgebung verändert hat in den letzten Jahrzehnten ... ob gerade Messe sei? Früher wußte sie darüber besser Bescheid ... und einiges mehr. Ich höre zu - und frage sie irgendwann, was sie denn für ein Jahrgang sei? Sie möchte, daß ich rate. Ich rate sehr höflich - denke "20er" und sage irgendwas um die "30er-Jahre". Sie lacht - und erstaunt mich dann doch. Sie ist 1911 geboren. Ich sage "Neee ... das ist ja ein Ding!" "Doch - es ist so. Ich bin über Hundert." Sie erzählt von schwierigen Zeiten einst - und von einem Kinderarzt, der immer noch ein paar Lebensmittel mit verordnete, für sie und ihren Bruder in den Wachstumsphasen, als es fast nichts gab. Und von der Mutter, die die Kinder alleine durchbrachte. Ich erzähle ihr von meiner Idee ... und diesem Gedanken, daß viele alte Menschen doch sehr viel zu erzählen hätten - den Jungen. Aber daß die Kommunikation untereinander fehlt. Ja - das sieht sie auch so. Sie könne ganze Bücher füllen, meint sie. Ihre Enkel hätten ihr schon gesagt, sie solle doch mal alles aufschreiben. Ich erzähle ihr von meiner Tante - gleicher Jahrgang - die einst tatsächlich etwa 8 Seiten zu Papier brachte, sehr komprimiert, aber eine Art Schatz für alle, die sie mal gekannt haben. Ermuntere sie nochmal, daß wirklich zu tun - oder ob sie etwa keine Zeit dafür hätte? Jetzt lacht sie .... doch, hat sie. Sie wird von einer netten Dame von vielleicht 60 in Empfang genommen zu einem Privat- und/oder Familienbesuch - und geht freihändig, ohne Stock und ohne Rollator. Ich bin ehrlich begeistert - und baff erstaunt - nicht nur, daß diese Dame immer noch in ihrer eigenen Wohnung lebt, sondern auch insbesondere darüber, daß diese Dame noch eigenständig Ausflüge macht. Genial!

Danach noch eine echte Schönheit - ich bemerke sie erst kaum, sie steigt hinten ein und fällt irgendwie jammernd in sich zusammen. So etwas - vertrage ich nicht wirklich gut und daher weckt sie auch zunächst nicht mein Interesse. Begleitet wird sie von zwei jüngeren Frauen, die wohl ihre Töchter sind - und mit der einen, die neben mir sitzt, komme ich in ein lebhaftes Gespräch. Frage diese noch anfangs, ob sie nicht ein bischen mit dem Sitz nach vorne rücken will - damit die Dame hinter ihr ein wenig mehr Platz hat? Ne ne, ist ja keine Weltreise. Ein bischen ruppig .... aber dafür kann mensch zweifelsohne seine guten Gründe haben.
Erst am Ende der Fahrt zum Abschied drehe ich meinen Kopf und sehe, wie dieses zuvor zusammengefallene Bündel Mensch mich plötzlich kurz vor dem Aussteigen anstrahlt - eine Schönheit! und exzellent geschminkt, sogar knallrote Lippen. Sie grinst und sagt "Ich - bin die Uroma!" Daraufhin streckt sie ein Bein zwischen Tür und Sitz in die Luft, gelenkig wie ein junger Hüpfer. Ich sage "Und sie sind Yoga-Königin?!" Eine der Begleiterinnen sagt: Nein - Ballett-Meisterin. Ich lache - und diese Schönheit streckt auch noch das andere Bein spitz in die Höhe. Ich zolle ihr meine Bewunderung und sage - "DAS - schaffe ICH nicht. Chapeau".

Denke - was wir alles verpassen, wenn wir uns diese Typen nicht gönnen.

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