... bekomme einen Auftrag für´s Krankenhaus um die Ecke vom Halteplatz. Sehe schon oben auf der engen Zufahrt eine alte Dame im Pelzmantel, die mich ins Visier nimmt. Als ich ansetze, um auf die Rampe zu rangieren, kommt ein junger, frühlicher Mann zur Limousine gelaufen und möchte einsteigen. Ich frage ihn, ob er denn ein Taxi bestellt habe? Ja, hat er. Einer von diesen rareren Momenten, wo gleich zwei von uns bestellt sind. Ich sage: "Gut, steigen Sie ein!" und freue mich, daß ich inzwischen einiges dazugelernt habe.
Der Pelzmantel da oben am Eingang - hatte nämlich nichts Gutes verheißen. Schon von weitem riecht es nach Mottenkugeln und säuerlicher Gestimmtheit. Dieser hier - ist jung und fröhlich und es verspricht, etwas lustiger zu sein.
Ich fahre also mit ihm über die Rampe oben und der Pelzmantel-Fresen spuckt bereits Gift und Galle vor unnötiger Empörung - und "typisch seniler Ungeduld". Ich lasse nur kurz das Fenster runter und frage sie gespielt-ahnungslos, ob sie denn auch einen Wagen bestellt hätte? Und der würde sicher sofort kommen.
"Unverschämtheit" höre ich, ohne mich zu wundern - war fest einkalkuliert. Der junge Mann neben mir ist aber deutlich verunsichert, weil gut erzogen, und will schon aussteigen, um dem Fresen das Taxi zu überlassen. Ich sage zu ihm, er soll bitte die Tür wieder zumachen - und fahre los. Jetzt hat er ein schlechtes Gewissen. Ich nicht - ich lache mir eins über die gute Wahl. An dr Ecke kommt auch schon der Kollege angebraust, der nun den Fresen auflesen wird.
"Sehen Sie - da ist ja schon der Wagen für die Dame - machen Sie sich also keine Gedanken, es ist alles in bester Ordnung."
Dann erzähle ich ihm mal was aus dem Nähkästchen zu alten Menschen, wie verschieden die seien. Und erkläre ihm, daß diese hier sehr giftig war. Finde es wirklich sehr korrekt von ihm, daß er ihr das Taxi überlassen wollte - sei aber überhaupt nicht nötig gewesen in diesem Fall, wie er ja gesehen hat - wir ständen gleich um die Ecke und der Kollege war ja direkt da. Sein schlechtes Gewissen löst sich in Luft auf und ich bin zufrieden.
Er hätte ein "Problem mit den Frauen". Weil er so gut erzogen ist. Neunzehn ist er. Sehr verliebt, wie ich noch erfahre. Aber die Angebetete läßt ihn zappeln. Nun hat er beschlossen, sich für eine Weile auf sich selbst zu besinnen und es ihr zu überlassen, ob sie zu ihm finden möchte - statt sich weiter an der Nase herumführen zu lassen. Sehr klug!
Ene für ihn stimmige Weisheit läßt er noch verlauten: "Ein Mann - ein Wort. Eine Frau - ein Wörterbruch." Ich muß lachen .....
Ich wüßte ja nicht, was er in den letzten Tagen durchgemacht habe. Er spricht in Hyroglyphen .... und sehr wirr. Also frage ich mal, ob er vielleicht in diesen letzten Tagen zuviele Drogen zu sich genommen hat? Nein - lacht er - mit Drogen hat er nichts am Hut. Es geht ums Verliebtsein - was ja auch eine Art Droge ist, denke ich bei mir.
Und er habe sich gefragt, ob er eigentlich weiß oder schwarz sei .... er ist ein Mulato, der Vater kommt aus Ghana. Ich meine - Mensch würde wohl reichen, der Rest sei eher wurscht. Und wir einigen uns darauf, daß er einfach reich ist, weil er zwei Kulturen in sich trägt. Eine "Entscheidung" ist hier gar nicht geboten.
Gläubig ist er - und "unschuldig". Eine reine, frische Seele, die das Leben, Gott, Jesus und seine Eltern aufrichtig liebt. Seltenheitswert! Aufgewachsen ist er dort, wo wir gerade hinfahren - ein teils berüchtigtes Pflaster. Und er sei froh, daß er einen guten Weg gefunden habe. Ja, meine ich, hier kann man auch gut abschmieren ....
Er erzählt mir, was sein Name bedeutet. Gott kommt vor - und "seine Aufgabe". Ich revanchiere mich mit meinem Geburtsnamen - Gott kommt vor und "meine Aufgabe". Sehr schöne Namen haben wir bekommen von unseren Erzeugern. Es gibt übrigens viele Menschen, die keinen Schimmer haben, was ihr Name bedeutet ... ich frage die Leute gerne nach der Bedeutung ihrer manchmal klangvollen Namen.
Der junge Mann - nachdem er seinen Verliebtheitsschmerz berichtet und vorläufig ad acta gelegt hat - schwärmt lebhaft davon, wie schön das Leben sei. Und von Gott und Jesus. Er versichert mir, daß auch ich sehr geliebt werden von diesen. Ich nehme es gerne zur Kenntnis und meine - das sei ja mal eine gute Nachricht an diesem Tage. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, ich habe ein sehr fröhliches Wesen neben mir, welches seine jugendliche Begeisterung großzügig versprüht ... ja, da kann ich gerne zustimmen, daß das Leben ganz schön ist. Und ich freue mich immer noch, daß der bittere Kelch des nach Mottenkugeln riechenden Pelzmantels zuvor so wunderbar an mir vorbegereicht wurde - um mir einen von diesen raren glücklichen und zufriedenen Menschen in die Limousine zu wehen. Samt Schmunzeln und gemeinsamem Lachen.
Ja - das Leben ist schön manchmal. Oft. Oft ist es - eine Frage der Betrachtung. Und wohltuend diese Momente, in denen Menschen die Freude gemeinsam erkennen. "Teilen" - möchte ich hier nicht sagen, daß gefiel mir noch nie. Etwas Ganzes - braucht nicht geteilt zu werden.
Es sei wichtig, im Moment zu leben, erzählt mir der kluge, junge Mann noch. So ist es. Ich freue mich, daß er es mit neunzehn schon weiß. Und die vielen bitter-bärbeißigen, hetzenden Gesichter der Menschen an den Straßenrändern fallen gerade nicht weiter auf.
Ob ich wisse, daß ein Lächeln viel weniger Muskelanspannung beanspruche als ein "ernstes Gesicht"? Ja, weiß ich. Zu einer gewissen jugendlichen Unsicherheit über "Fehler" teile ich ihm noch mit, daß ich neulich an einem Tag die meinen gebührlich gefeiert habe. Das verwundert ihn kurz - aber dann lacht er und meint, daß sei wirklich "lebensfroh".
Heute morgen erinnere mich wieder an den - und merke, der wirkt nach, wie gute Medizin. Er ist ein eher seltenes Ausnahme-Exemplar unter sovielen "über Unsinn klagenden" Menschen. Und einer der eher wenigen "Präsenten" (da gibt es ja einige Ableitungen vom Worte - die auf ein Geschenk hinweisen ....).
Ich wünsche ihm ein wirklich gutes Leben. Und natürlich auch viel Glück mit "den Frauen" (hahaha ....).
Wobei - gestern hatte ich eh viel Glück mit den Gästen.
Da kamen gleich mehrere, die guter Dinge waren und sich mit mir zusammen über einen schönen Tag freuten. Unter milder, lichter Dezembersonne.
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