Dienstag, 24. Dezember 2013

Erstmals Halt im Hochhausghetto - und endlich "zurückgeschnorrt" ...

... nach über neun Jahren. Gestern stellte ich mich an diesen Halteplatz in diesem "Hardcore-Hochhaus-Ghetto" am südlichen Rande der Kolonie, von seelenlosen Architekten in den 70ern für die Arbeitssklaven erbaut. Da kann mensch eine Wohnung für nicht mal 30.000 Euro erwerben, habe ich mir einige Male von meinen Gästen berichten lassen. Ja - da will ja auch keiner wirklich hin. Ich wollte da auch nicht wirklich hin gestern, aber da eh schon nichts mehr lief, war es egal, wo man auf Godot wartet.

So stand ich also eine Weile dort und schaute mir einfach das rege Treiben auf den Straßen an. Zuvor fragte ich eine Frau, ob sie mir sagen könne, wo eigentlich der Taxihalteplatz genau ist in diesem Viertel? Hatte nur eine vage Erinnerung. Da hinten - ein paar Meter weiter. Ahja - danke. Freundliche Antwort und ein Lächeln - auf einem Gesicht, welches zuvor noch ziemlich verhärtet schien.
Die Menschen, die dort wohnen (müssen sollen ... sicher eine Menge Hartz-IV-Bezieher, die zwangszugewiesen sind), sehen anders aus als in anderen Stadtteilen.
Teils ärmlich und kaputtgearbeitet oder anders kaputt von einem Leben mit reichlich - auch und vielleicht besonders materiellen - Hindernissen. Und vermutlich 80 % der Leute nicht-deutscher Herkunft, also alle Nationalitäten unterwegs und alle Hautfarben.

Ich betrachte also das rege Treiben auf der Straße zwischen den Hochhausschluchten und schaue mal zu den vielen Fenstern dieser trostlosen Unterkünfte hinauf. Eines sticht auffallend hervor unter vielleicht zwanzig Etagen: Da wohnt eine, die dringend etwas "Heimeligkeit" braucht. Der kleine Balkon über und über mit Blumen bestückt und am Fenster hübsch drapierte Spitzengardinchen, die den Blick in den weiten Himmel da oben freilassen. Da werden ganz sicher auch köstliche Weihnachtsplätzchen gebacken. Die anderen Fenster zum großen Teil schmucklos, dieses sticht hervor unter den vielen.

Schaue einfach und bemerke meine eigenen Vorurteile. Alles - "gelerntes Zeugs". Lege das beiseite und frage mich, ob es hier wirklich so "schlimm" ist, wie es allerorten heißt? Die wenigen Male, die mich hierhin gefährt hatten - waren nicht "schlimm", also auch nicht die Gäste. Wie immer ist es auch eine Frage, wie man einen anderen Menschen anspricht. Und diese hier haben oft einen sehr guten Instinkt, einen guten Riecher dafür - ob Du ihnen mit dem ganz normalen Respekt begegnest oder halt mit zahlreichen Vorurteilen. Letzteres kann zügig zu Ärger führen.
Im Moment aber - ist hier alles friedlich - und ich sehe halt nur "Menschen auf Straßen".
Frage mich kurz, was hier wohl im Sommer los ist?! Der Bär ....

Es dauert keine fünf Minuten, da kommt eine sehr dünne und etwas gebückte "Schwester" auf mich zu - ich sitze halb draußen in der offenen Türe - deren Alter ich schlecht schätzen kann. Vermutlich ist sie jünger, als sie aussieht. Hat viele Flecken im Gesicht und sieht klapprig aus. Erster Gedankenblitz: Heroinabhängig. Bzw. - auf Methadon umgetuned - eigenes Thema!

"Liebes" sagt sie zu mir (süß ....) "ich möchte Dich nicht stören - aber hast Du vielleicht mal 50 Cent für mich - ich muß dringend telefonieren?!
Ich sage - freundlich aber bestimmt - "Nein - ich hab nix, kann selbst gut Geld brauchen." Sie geht runter auf zwanzig Cent.
Ich bleibe bei nein und halte meine Hand auf. "Weißt Du, ich kann selbst ein paar Euros brauchen."
Jetzt ist sie ein bischen beleidigt und meint grummelig "Ich habe nicht von Euros gesprochen." Ich lache kurz und sage - aber ich.

So - das war also meine erste und gelungene praktische Übung in dieser Angelegenheit - hatte mir das ja schon eine Weile vorgenommen, wenn mich mal wieder jemand nach Geld fragt. War nicht sonderlich "weihnachtlich-großzügig", aber es war komplett ehrlich. Und hat mir ganz gut getan. Hätte ihr auch ihre 50 Cent geben können und es sicher überlebt, aber es wäre eher eine Art "Automatismus" gewesen. Sie wird es auch überleben - und so hat sie vielleicht was dazugelernt über "Taxileute-Einkommen". Alles in freundlicher Redart - aggressionsfrei frisch von der Seele.
Sie zieht von dannen - und ich auch bald. Nach zwanzig Minuten ohne Auftrag beschließe ich, nicht länger hier zu bleiben. Zu gefährlich - allerdings nur, was die Option auf eine Fahrt betrifft.
Und ansonsten - zu "hektisch" - all diese "nervös Umherirrenden", besonders Männer.

Ein wenig betrübt bin ich - weil ich mich an diesen "Bericht" neulich in den Medien erinnere - über Hartzler, die nicht nur keinen Anspruch haben auf irgendeinen "Weihnachtsbonus" oder "Urlaub" oder sowas - sondern auch noch mögliche Geldgeschenke und auch größere Sachgeschenke beim Amt in Verrechnung bringen müssen. Wird ihnen vom Gnadengeld abgezogen. Auch die Geschenke der Kinder - so sie denn überhaupt welche bekommen. Als ich das hörte, dachte ich an die Tausenden Umherirrenden in den Einkaufsstraßen und Kaufhäusern der letzten Wochen, deren größtes Problem ja oft ist, was sie nun kaufen wollen sollen ....

Und natürlich gibt´s hier im Ghetto nicht nur arme Leute. Auch ganz normale "Arbeitende" - vermutlich meist hart Arbeitende für lächerliches Salär. Und sicher auch ein paar Trickster, die ein sehr dickes Bündel Scheine in der Hosentasche haben. Alles wird´s hier geben.

Es ist ein komplett anderer "Planet".
Ein "Planet" der Ausgegrenzten. Der vermeintlich Gescheiterten - in den Augen einer durchgeknallten "Leistungsgesellschaft", die es sich leistet, immer mehr Menschen unter ein würdiges = durchschnittlich-entspanntes Auskommen fallen zu lassen.

Diese vielen Menschen hier mit all ihren verschiedenen Wurzeln aus sovielen fernen Ländern - leben in einer ganz anderen Welt, als die, die gerade in der Stadt und auf den Weihnachtsmärkten herumlaufen.
Diese hier leben tatsächlich komplett "multikulturell" ... unter sich. Da reicht ein kurzer Aufenthalt auf der mittigen Ghetto-Straße, um das zu "blicken".
Und vermutlich wird vielen von diesen das ewig-gleiche Gelaber über "Integration" komplett am Arsch vorbeigehen. Es ist - ein ganz anders Leben. Und vermutlich bis sicher gibt es hier eine Menge "Subkulturen", die nicht im Traum dran denken, sich in irgendetwas zu integrieren, was sie nicht interessiert. Und was sie dazu noch für völlig verrückt halten. Aus ihrer Perpektive - menschlich und durchaus verständlich! Sog I ...

Die anteilsmäßig geringer vertretenen "Deutschen", besonders solche, die schon seit vielen Jahren dort wohnen - werden teilweise fleißig herumnörgeln, wie sich alles verändert hat. Solche habe ich schon oft zu Gast gehabt. "Übriggebliebene" aus diesen 70er-Jahren, als auch die Hochhaus-Ghettos noch "viel ordentlicher" waren. Solche, die im Laufe der Zeit "überwohnt" wurden von diesen vielen Fremden, die damals noch gar nicht in Sicht waren. Und auch ihre Perpektive ist menschlich und verständlich - aber sie haben schon lange verloren und die Lösung würde heißen: Ortswechsel - oder Akzeptanz der Jetztzeit. Nostalgie hilft hier nicht.

Schon damals habe ich bei mir gedacht - solche Architekten und Erbauer sollten mal ein paar Praxis-Wohnjahre in ihren eigenen Erfindungen verleben - damit sie mal fühlen können, was sie da angerichtet haben.
Sicher - es geht vieles - der Mensch ist zäh. Und auch hier - gibt es wohl eine Heizung und Strom und Wasser - so es noch bezahlt werden kann. Aber "schön" ist das nicht. Und menschenfreundlich sicher nicht. Dennoch - dachte ich auch kurz - so übel ist es hier nicht, wie es immer heißt. Das sind meistens Vorurteile - gegen die Menschen in solchen Ghettos.

Ein weites Feld - und ein ergiebiges Thema - welches immer wieder nur von den gleichen Pappnasen auf gleich-stumpfe Art in den ÖR-Medien "diskutiert" wird - ohne echten Willen zur positiven Veränderung. Von solchen Pappnasen, die ebenfalls mal dort "lernwohnen" oder sich zumindest dort aufhalten sollten - dürfen müssen - für eine angemessene Praktikumszeit.

Allzuviele solche Hochhaus-Ghettos gibt´s nicht in der Kolonie. Spontan fällt mir nur ein anderes ein - und das ist vergleichsweise harmlos und geradezu "zivilisiert". Sogenannter "Ausländeranteil" allerdings ebenfalls um die 80 % - geschätzt. Vielleicht auch 90%? Davon vermutlich längst die Hälfte mit deutschem "PERSONAL-Ausweis!.

Fast ironisch - um beide Hochhaus-Ghettos wurden auch eine Menge "Einfamilien-Reihenhäuser" gebaut. Mit Aussicht auf die Betonbunker - na prima! Übrigens heißen "Reihenhäuser" nicht mehr so im Neusprech - die heißen jetzt "Kettenhäuser". So ein Wort -  darf man sich mal im Hirn zerschmelzen lassen.

Ich wünsche jetzt allen Menschen, die in solchen Betonwüsten wohnen, ein gesegnetes Weihnachtsfest und geruhsame, besinnliche Tage - ob sie nun dieses Fest interessiert oder nicht.
Und den vielen Kindern, die in die Röhre gucken dürfen müssen, ein besonders schönes Weihnachtsfest - vielleicht gibt es ja doch noch Wunder und Überraschungen. Bin selbst erstaunt, daß sich das so "eingebrannt" hat neulich bei mir .... wie asozial eine übersättigte "Leistungsgesellschaft" mit ihren Herausgefallenen und/oder Ausgesetzten umgeht ....

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