.... hole diesen älteren Mann an einem eher häßlichen, tristen Ort in einer Siedlung ab. Er zittert, schafft es aber alleine und ohne meine Hilfe, einzusteigen - auf eigenen Wunsch nach meiner Nachfrage, ob er Hilfe bräuchte. War viele Wochen im Krankenhaus und ist gerade herausgekommen. Noch geschwächt. Nach meiner ersten, ressentiment-behafteten Zuordnung hätte er ein einsamer Alkoholiker sein können. Er trägt so einen etwas abgerissenen Stoffbeutel bei sich, seine Haare sind fast schulterlang und so wirkt er etwas zerzaust. Ich täusche mich - auf der ganzen Linie.
Er möchte zu seiner Frau, die in einem Pflegeheim lebt. Ist total aufgeregt - sie nun nach vielen Wochen wiederzusehen. Fast wie ein Frischverliebter. Mindestens dreimal läßt er mich - ne, sich selbst - wissen, wie aufgeregt er ist, sie nun endlich wiederzusehen, statt nur mit ihr zu telefonieren, von Krankenhaus zu Pflegeheim.
Meine Idee von ihm - war völlig daneben. Tatsächlich - sitzt ein ehemaliger Buchhändler von nun 86 Jahren neben mir, ein Intellektueller, ein mehr als wacher Geist, dem fast kein Haar ausgegangen ist trotz vieler Unbilden im Leben.
Ich sage zu ihm: Wenn die Männer das wüßten, daß viel Lesen die Haarwurzeln derart zusammenhält - sie würden Bücher fressen.
Seine rechte Hand ist zerstümmelt. Er erzählt mir - nachdem ich schon erfuhr, daß er einst eine gutgehende, alteingesessene Buchhandlung in der Innenstadt führte - daß diese ihm im zweiten Weltkrieg zerschossen wurde.
Er war mit 19 als Kanonenfutter und als deutscher Soldat in Rußland gelandet und hinter die Frontlinie geraten. Hat versucht, sich durchzuschlagen und wieder zurück in die eigenen Reihen zu gelangen, einige Tage. Viele russische Menschen hätten ihm dabei geholfen. Ihm beteuert, daß der "Kommunismus" Scheiße sei. Er hat´s nicht mehr geschafft - geriet in russische Gefangenschaft. Für zwei Jahre. Erzählt mir von russischen Ärzten, die ihm nach ihren Möglichkeiten bestens geholfen haben mit seiner zerschossenen Hand - aber es war manchmal einfach nicht möglich. Es gab i.d.R. kein Verbandsmaterial - die Russen haben ihre Materialien seinerzeit aus den abgworfenen Care-Paketen der Amis bezogen - und wenn nichts da war, war nichts da - und sie konnten entsprechend nichts weiter tun.
Er hat - sehr gute Erfahrungen gemacht mit den Menschen in Russland damals. Ich frage ihn, ob er denn auch im Arbeitslager war? Nein - die haben ihm die Lager-Bibliothek anvertraut. Ich darf wieder mal staunen - über das Leben. Er wendet ein - nur marxistische Literatur. Ich wende ein "Scheiß egal - trotzdem Glück im Unglück!"
Sage ihm, er möge bitte seine Geschichten den Jungen erzählen !!! Erzähle ihm kurz meine Impression - daß die Trennung zwischen den Menschen der Generationen in diesem Land seinerzeit stattfand, weil die Alten sich nach ihrer Nazizeit nicht mehr getraut haben, ihre oft sehr "unrühmlichen Geschichten" an die Jungen weiterzugeben. Ja, sagt er, da ist viel dran, so ist es wohl.
Ein erstaunlicher Typ - und ein geborener Erzähler! Hätte ihm maximal 76 gegeben - nie 86. Bei Frauen erlebe ich das oft - bei Männern selten. Hellwach dazu.
Und - wie gesagt - nach vielen vielen Jahrzehnten des Gemeinsam-Durchs-Leben-Gehens aufgeregt wie ein Frischverliebter, der seiner Geliebten zum ersten Mal entgegentritt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen