Der platte Reifen ist in der Werkstatt um die Ecke. Zwei Dörfer weiter, keine 5 Kilometer weg. Der nette junge Mann schaut sich die Reifenwunde an - und meint "Prima, gar kein Problem", es würde aber ein bischen dauern mit der Reparatur- so etwa 25 Minuten. Ich denke - oh, das ist ja nicht einmal ein Augenaufschlag im Vergleich zu mancher Limousinen-Wartezeit - und sage ihm, daß ich überhaupt keine Eile habe - im Gegenteil, ich würde morgen wiederkommen. Was das in etwa kosten würde? So 25 Euro .... Ich bedanke mich erfreut. Meine noch - der Ersatzreifen ist doch nagelneu, oder? Ja - schon - aber aus dem Jahre 1994 .... wie das Auto vermutlich? Ne, das ist, ähhh ... aus 1996. Aber es läuft super! Wenn keine Schraube im Reifen steckt. Soweit - das Reale. Wunderbare, erfreuliche, hilfreiche und weit kostengünstigere Lösungen, als ich befürchtet hatte.
Das Irreale - war ein Albtraum. Eine Zeitreise durch sämtliche diffuse Überlebens-, Existenz- und Todesängste - ne, keine Zeitreise, sondern eine durch parallele Zeiten, durch Gleichzeitigkeit von allem, was mal war. Und was - real - nichts mit einem platten Reifen zu tun hat. Was aber auch existiert - anders eben. Und zum Glück nicht permanent, sondern dann, wenn es mal wieder an der Zeit ist, sich dran zu erinnern - hinzuschauen.
Ein tiefer Unwille, bei einem möglichen Verkehrsunfall zu sterben - als könne ich mir das aussuchen. Noch nicht jetzt - später .... und anders! "Ja, is klar" - meint der Schnitter dazu trocken - "wir fahren hier ein Wunschprogramm" - und lacht mich aus.
Bei den kundigen Astrologen ist die Rede von einem "rückläufigen Merkur" - heute morgen fällt dieser mir ein, als die elektronische Zahnbürste ihren Dienst versagt. Denke vorschnell: Ja, super - wird das eine Serie jetzt - erst der Reifen und jetzt die Zahnbürste? Wohlgemerkt, es gibt weit schlimmere Unbilden, das ist mir durchaus und real klar. Aber manchmal gehen die Pferde eben durch, wenn mensch allzu lange am seidenen Existenz-Fädchen hängt. Dieser "rückläufige Merkur" scheint gerade in einer "rückläufigen Generalprüfung" unterwegs zu sein ...
Zahnbürste nix kaputt - nur Akku leer - wie bei der gerade Tippenden. Akku lädt wieder - bei der Zahnbürste. Die Tippende - hat erst mal Urlaub und Gelegenheit, den eigenen Akku ebenfalls wieder aufzuladen. Zum Beispiel in ganzen Urwäldern voller "drüsentragendem Springkraut", die gerade lustig unaufhaltsam wachsen mit Blüten in einer ihrer Lieblingsfarben. Auf der Fahrt zur Reifenreparatur stellte ich eben wieder erfreut fest - daß ich in einem "Urlaubsgebiet" wohne - kein Grund zum Verreisen. Bei Bedarf - alles direkt vor der Tür. Und bei Nichtbedarf - einfach zuhause bleiben und endlich mal - nichts erreichen wollen/müssen. Also - vor allem - sich nicht ständig ums Überleben sorgen. Und mich möglichst einmal um mich selbst - und nicht um "Dinge" kümmern. Trotz nötiger Reifenrichtung - was mir aber auf sehr leichte und angenehme Weise zuflog am Morgen. Hallelujah!
Fuhr gestern zwei Damen, die eine 87, die andere 88 - beide klagten in gewisser Weise. Die 88-jährige über die Beschwerlichkeit des Einkaufen-Müssens .... ich fuhr sie für 5 Euro nach zwei Stunden Wartezeit in der brütenden Sonne mit ihrem Rollator und den Einkäufen nach Hause, zu ihrer eigenen Wohnung. Sie beschwerte sich darüber, daß die Kinder nicht mehr "hören" würden, daß sei doch so, oder etwa nicht?. Ich meinte - ich könne dazu nicht viel sagen, da ich keine hätte. Ob sie welche habe? Nein. "Na dann - können wir ja beide nicht wirklich etwas dazu sagen, oder? Und wozu auch?" "Ja - das glaube ich Ihnen gerne, daß mancher Einkauf für Sie ein echter Akt ist - andererseits ist es doch gut, daß sie auch nochmal vor die Tür und ins Leben hinaus müssen, oder?" Jaja - aber ....
Die andere holte ich von einer sehr sympathischen Osteopathin ab - sie war das erste Mal dort und die Behandlung hatte ihr gut getan. Sie schien auf den ersten Blick ein eher humorvolles Gemüt zu haben. Und sie trug kräftige Farben, ein schönes, lebendiges Türkis, war geschmückt mit hübschen Ohrringen u.a.. Sie berichtet, was sie schon alles ausprobiert habe wegen ihrer Malesten - und jetzt eben diese Behandlung. Sie würde es sich selbst am Ende nicht verzeihen können, wenn sie ebendies nicht täte - alles Erdenkliche auszuprobieren.
Als sie mir daraufhin eröffnet, daß sie 87 und Jahrgang 1925 ist - meine ich "Das - hätte ich jetzt nicht gedacht - Donnerwetter." Jaja ... und was bleibe nun? 45 Jahre gebuckelt - und nun in der Endstation gelandet, wo man doch nur auf den Tod warte - ich fahre sie auf das große Gelände eines städtischen Altenwohnheimes. Sie habe oft das Gefühl, sie gehöre gar nicht dahin, wenn sie sich mal die Mitbewohner ansehe. "Wenn ich ehrlich bin, denke ich oft: Es wäre auch nicht schlimm gewesen, wenn ich gar nicht hier gewesen wäre." Vermutlich könne ich das nicht verstehen, weil noch jung sei. Ich schweige ein wenig - und antworte grinsend "In dieser Form habe ich es zuvor noch nicht von jemandem vernommen. Doch - das verstehe ich gut. Ich denke oft Ähnliches und frage mich, was das hier eigentlich alles soll? - auch, wenn ich noch jünger bin" . Ich wünsche ihr zum Abschied dennoch viele weitere und gute Tage.
Ja - was soll das eigentlich hier - und wozu ist es gut? Und wozu ist es gut - sich auch noch ums unvermeidliche Ende zu sorgen? Ein Leben lang - ums Leben - und dann noch um den Tod?
Wie gesagt - ein äußerst günstiges 4-Tage-Seminar in Sachen diffuser
Überlebensängste bisher ... und im Grunde geht es weiter. Einer der
Seminarleiter gestern abend - war der Mond - der bei endlich mal klarem
Himmel mich sanft im Ruhesessel grüßte - bevor er hinterm Hügel wieder
verschwand.
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