Donnerstag, 5. Juli 2012

Von der Leichtigkeit, ein gutes Mahl zu bereiten

Nahm, was gerade wächst: Köstlichsten Fenchel, zart und bitter zugleich - und, na gut, schon eine Ganzjahres-Abweichung, ein paar gezüchtete Champignons. Dazu sollte etwas Süßes, also boten sich Birnen an. Das alles zusammen in der Pfanne geschmort, mit frischem Knoblauch, Salz und Pfeffer gewürzt, ein paar Kräuter drangeworfen,  .... kann mir nichts Köstlicheres denken.
Diese aufwändig zelebrierten Koch-Brimborien nach seitenlangen Rezepten mit absurd vielen Zutaten und Schischi - sind nichts für mich.  Denke, das, was gerade üppig von der Natur geschenkt wird - nährt am besten und auf allen Ebenen.
Muß mich aber selbst - auch nach Jahren und wider besseren Wissens - immer wieder neu dran erinnern. Bin,  wie die meisten Großstadtmenschen, schon mit denaturierter Nahrung aufgewachsen  und war lange Zeit dran gewöhnt. Die Mutter kochte zwar täglich, aber nicht immer mit frischen Zutaten. Es gab halt auch Fischstäbchen mit Instant-Curry-Sauce, was mir als Kind durchaus schmeckte, weil ja allerorten der Irrglaube vorherrscht, daß gehe schneller und einfacher. Trotz mehr als üppig Schätze abwerfendem Schrebergarten der Eltern - viel Arbeit und viel Genuß - nahm irgendwann diese "Supermarkt- Fertigkost" überhand. 
Sie war auch sicher keine Köchin aus Passion, sondern eher aus Notwendigkeit. Dennoch unvergessene Highlights: Königsberger Klopse und saure Nierchen. Selbst-Eingemachtes in Gläsern, von süß bis sauer. Alles wie bei der Oma und hier alles selbst-zubereitet. Vegetarisches eher selten(st). Das habe ich erst später für mich entdeckt, als Kind war ich Vielfleischfresser.
Instant-Soßen gibt´s nicht mehr wirklich. Nur noch mal ab und an, immer seltener, als Erinnerung ans Kinder-Lieblingsessen - Spaghetti mit Instant-Tomatensoße - besonders köstlich, weil selbst zubereitet und endlich mal zuhause von diesen Erziehern alleine und in Ruhe gelassen. Ja, manchmal schmeckt eine solche Sauerei einfach gut - und nach Freiheit.

Die einst tiefste Fallgrube für Kinder im Hause der Eltern: Ein immer prall gefüllter Schrank mit Chips, Flips, gesalzenen Erdnüssen, diversen Schokoladen, Pralinen ....  quasi ohne jegliche Zugangsbeschränkung. Eine Art Ersatzschrank - für echte Zuwendung in Form von Inter-esse und Austausch. Zusammensein gab es - aber nicht immer nach meinem Geschmack und oft sehr flach - ich wollte was wissen und lernen.
Ich habe mich oft genug  am Inhalt dieses Schrankes überfressen.  Heute - stelle ich fest, daß mein Verlangen nach Salzgebäck und Schokolade weitestgehendst von selbst verschwunden ist. Es macht die Seele nicht satt. Und war durchaus gut gemeint von den Erzeugern - die zwar wenig Geld für außerordentlichen Luxus zur Verfügung hatten, aber nie am Essen sparten. Und über Jahre großzügig und ohne je ein Wort darüber zu verlieren, meine mich manchmal zahlreich-besuchenden Kinder- und Jugend-Freundschaften gerne mit verköstigten. 
Die Freßorgien bei ehemals großen Verwandtschaftstreffen - nur am Rande erwähnt. All dies hatte sicher mit ihrer ehemaligen Not im und nach dem Krieg zu tun. Auch mit ihrer Seelen-Not.

Wissen allein - hilft nicht automatisch gegen Unvernunft.
Und auch mein ehemaliger Dogmatismus - hat nicht geholfen. Hier werden Gelüste nur unterdrückt mithilfe einer zwanghaften Vernunft. Schönheit, Einsicht und (spürbar natürlicher) Geschmack - sind hilfreich.
Von degenerierter Nahrung - wird mensch auch selten satt und zufrieden.
Rein pragmatisch gesehen - ist diese viel zu teuer. Nichts ist günstiger, als saisonales frisches Gemüse (schrub ich schon ...).
Aber aber aber - Wissen allein schützt nicht vor Torheit. So esse ich in der Limousine an manchen Tagen etwas, was man eigentlich nur "Fraß" nennen kann. Besonders, seit ich nicht mehr dogmatisch unterwegs bin. Als ich einst von Buddhistens zurückkehrte - hatte ich dazu eine akute Aversion, mich allzu viel mit Essens-Zubereitung und Nahrung zu beschäftigen. Keinen Bock mehr auf Küche, in der ich soviel Zeit verbrachte. Obwohl - es nicht ganz stimmt, denn im Nachgang habe ich mich mit verschiedenen Ernährungstheorien befaßt. Manchmal war ich schwer angenervt, daß sich für manche Menschen das Leben scheinbar nur ums Fressen dreht - sie redeten stundenlang darüber und über Rezepte und über "Ah, hmmhh, was ist denn das, daß ist aber lecker, wie machst Du das .....".  Der Star der Saison war mein Erzfeind - ein fader Koch, der auf dem Ayurveda-Trip war. Alle waren begeistert - und ich verstand nicht, wovon. Da hätten mal ein paar ordentliche, scharfe Gewürze drangehört. Egal - Hauptsache er erledigte diesen Job. Mir reichte es, die Morgen- und Abendmahlzeit für die Fast-Erleuchteten zu bereiten. Eine selbst-gewählte "Dienst-Zeit".  Ich eigne mich nicht wirklich für sowas - aber wollte die Erfahrung machen, wie es sich wohl anfühlt, sich selbst zurückzunehmen.  War zu früh - für eine natürliche, unbeschwerte Erfahrung, was das betrifft. Aber - ein erster Schritt - um zu sehen, daß es eben nicht künstlich-forciert funktioniert.

Die beste Mahlzeit dort habe ich mir dummerweise entgehen  lassen - ein wunderschöner, potentieller und sehr kraftvoller Liebhaber - ein akuter Nicht-Buddhist, den es nur aus Not angeschwemmt hatte und dem ich dummerweise eine Absage erteilte auf seine sehr direkte Einladung an mich. "Willst Du denn Nonne werden?" war die Prüfungsfrage.  Könnte mich heute noch selbst für soviel Dummheit in den eigenen Arsch beißen ....  zumal er schweigend aß. Wir saßen am Küchentisch und aßen - schweigend - uns beäugend - ein soooo .... schöner Mann. Und ich - so blöde, verblendet. Nein, es gibt nichts Kläglicheres im Leben, als aus Dummheit und Verblendung einem großen, sinnlichen Vergnügen ausgewichen zu sein. Nichts - habe ich mehr bereut, als diese - den Göttern sei Dank, wenigen - echten Dummheiten, mich nicht auf köstliche Dummheiten eingelassen zu haben.

Am Abend: Kreatives Suppen-Zaubern aus Mittagsresten. Das hat schon manchmal Spaß gemacht - Applaus durfte man aber nicht allzu oft erwarten, tat ich auch nicht, sondern versuchte immer, möglichst viel Liebe einzurühren - der saisonal-leuchtende Stern war halt dieser fade Erzfeind - mit dem ich mich fast geprügelt hätte in manchen, von anderen völlig unbemerkten Momenten, ganz buddhistisch-spirituell - weil ich seine Hinterfotzigkeit nicht hinnehmen konnte - und er nicht meine Gnadenlosigkeit gegenüber Blendern, die ihn nackt machte. Ich ging zuerst .... es war zu eng für mich dort geworden. Er blieb nicht viel länger, wie ich später hörte - und sein Sternenbonus war aufgebraucht. Manchmal dauert´s halt mit dem Bemerken bei den Mitmenschen - aber immerhin haben sie´s noch gerafft. Was mich besonders erzürnte, war sein hinterfotziger, doch offen gegenüber der Gesamt-Belegschaft erhobener Un-Vorwurf, ich würde "schlechte Energie" ins Essen bringen. Dabei habe ich abends immer - köstlich ungestört von vermeintlichen Koch-Stars - meine ganze Liebe in den Löffel fließen lassen, der die Suppe rührte. Und auch an jedem frühen Morgen - in jede Käsescheibe, die ich auf den hübsch dekorierten Teller plazierte. Lustig auch der Zen-Kurs, um 4 Uhr morgens aufstehen und dünne Wassersuppe bereiten ....

Hatte danach lange Jahre keine echte Küche mehr, nur ein Behelfskabuff mit den notwendigsten Geräten. Hatte die Schnauze eine Weile lang gestrichen voll von Küchen.
Jetzt - fange ich so langsam an, mal wieder nachzuspüren, was die Ernährung betrifft. Und bekomme langsam wieder Lust, mir Gutes zu bereiten. Was ich auch mithilfe des Kabuffs tat, wenn ich Zeit und Muße dazu hatte - aber viel mehr als eine halbe Stunde sollte es m.E. nicht dauern.  Natürlich aus Ungeduldigkeits-Gründen einer Zwillingssonnen-Natur - aber auch, weil spätestens hier die völlige Degenerierung der Zutaten einsetzt. Angeschmortes nochmal mit fetter Sahne, Eiern und Käse zu einem Auflauf vermengen beispielsweise .... pfui Deivel.

In Selbstversuchen in den vergangenen Jahren immer mal Diverses ausprobiert, vier Monate Rohkost beispielsweise - die mir sehr sehr gut getan haben, bevor meine Bequemlichkeit und die Gewohnheiten wieder einrissen.

Zynisch-realistisch würde ich sagen - das Leben dreht sich meist immer noch nur ums Fressen und Ficken (wer´s nicht so krass mag, kann es ja auch unlustiger "Fortpflanzungstrieb" nennen, was aber den Kern nicht exakt trifft ...). Ohne, daß wir es wissen, registrieren. Denke aber mittlerweile, daß das völlig in Ordnung ist. Die "Zivilisation" ist eben ein sich wandelndes Konstrukt, welches oft sehr merkwürdigen Ideen unterliegt - der Trieb aber nicht. Der Trieb im Menschen will ein lustvolles, genußvolles Leben. Und um Letzterem zu huldigen, esse ich am liebsten das, was die Erde selbst gerade verschwenderisch-triebhaft austreibt.

Und halte es, was das Reden darüber betrifft, meist mit Janosch:
"Geschäftsessen: Welch eine Unkultur! Jemanden zum Essen bitten, um ihn dann mit Gequassel beim Essen zu stören. Es gibt nichts Elenderes, als mit Leuten speisen zu müssen, die beim Essen reden."
Ergänzung Sati: "... die beim Essen über´s Essen reden."

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