Am Morgen vernahm ich dieses laute, klare "Nein!" zu dem, was ist ... und fragte mich, was denn da los sei. Blieb entschieden im Bett bis zum Nachmittag und wechselte von Lesen zu Schlaf und wieder zurück. Direkt auf meine Frage an mich selbst - was das laut vernehmbare "Nein!" mir genau zu sagen hat und wo es bloß herkommt, traf ich auf die untenstehenden Worte vom C.G.J. - die den Kern trafen. Meine Seele benötigt dringend "Entschleunigung" und die Wiederaufnahme der Beschäftigung mit den Wurzeln. Ohne Lärm im Außen. Baute mir einen feinen Meditationsplatz, setzte mich nur 5 Minuten probeweise hin und beobachtete die sofortige Erleichterung, die durch Erinnerung in dieser Position kam: Das laute "Nein!" bedeutet schlicht - es gibt da draußen in der "tobenden Unkultur" keine echten Antworten und auch kein echtes Füllen der Seele mehr für mich. Zwar weiß ich dies schon längst - aber es brauchte "frischen Mut", mich endlich wieder konsequent in andere, lebendige Räume zurückzuziehen und die freien Tage wieder auf die sinnvollste Weise zu nutzen: Mit Nichtstun und Lauschen! Dem Alten, Uralten und Bewährtem lauschen - so wie der Herr Jung es sagt: " ... absichtlich mit halbgeschlossenen Augen und etwas tauben Ohren ...".
Aus C.G. Jung – Erinnerungen, Träume, Gedanken
Seite 239 ff. – aufgelegt in 1971:
"Sowohl unsere Seele wie der Körper bestehen aus Einzelteilen,
die alle schon in der Ahnenreihe vorhanden gewesen sind. Das „Neue“ in der
individuellen Seele ist eine endlos variierte Rekombination uralter Bestandteile,
Körper und Seele haben einen eminent historischen Charakter und finden im
Neuen, eben erst Entstandenen keine richtige Unterkunft, d.h. die anzestralen
Züge sind darin nur zum Teil zuhause. Wir sind mit Mittelalter und Antike und Primitivität noch längst nicht so fertig
geworden, wie es unsere Psyche erfordert. Wir sind stattdessen in einen
Katarakt des Fortschritts hineingestürzt, der mit umso wilderer Gewalt vorwärts
in die Zukunft drängt, je mehr er uns von unseren Wurzeln abreißt. Ist aber das
Alte einmal durchbrochen, dann ist es meist auch vernichtet, und es gibt
überhaupt kein Halten mehr. Es ist eben gerade der Verlust dieses Zusammenhangs,
die Wurzellosigkeit, die ein derartiges „Unbehagen in der Kultur“ und eine
solche Hast erzeugen, daß man mehr in der Zukunft und ihren chimärischen
Versprechen eines goldenen Zeitalters lebt, anstatt in der Gegenwart, bei
welcher unser ganzer entwicklungsgeschichtlicher Hintergrund noch nicht einmal
angelangt ist. Man stürzt sich hemmungslos ins Neue, getrieben von einem
zunehmenden Gefühl des Ungenügens, der Unzufriedenheit und Rastlosigkeit. Man lebt nicht mehr aus Besitz, sondern aus
Versprechen, nicht mehr im Lichte des gegenwärtigen Tages, sondern im Dunkel
der Zukunft, wo man den richtigen Sonnenaufgang erwartet. Man will es nicht
wahrhaben, daß alles Bessere durch ein Schlechteres erkauft wird. Die Hoffnung
auf größere Freiheit wird durch vermehrte Staatssklaverei zunichte gemacht,
nicht zu sprechen von den fürchterlichen Gefahren, denen uns die glänzendsten
Entdeckungen der Wissenschaft aussetzen. Je weniger wir verstehen, wonach unsere Väter
und Vorväter gesucht haben, desto weniger verstehen wir uns selbst, und helfen
mit allen Kräften, die Instinkt- und Wurzellosigkeit des Einzelmenschen zu
vermehren, so daß er als Massenpartikel nur noch dem „Geist der Schwere“ folgt.
Verbesserungen nach vorne, d.h. durch neue Methoden oder „gadgets“ sind
zwar unmittelbar überzeugend, aber auf die Dauer zweifelhaft und auf alle Fälle
teuer bezahlt. Keinesfalls erhöhen sie das Behagen, die Zufriedenheit oder das
Glück im großen und ganzen. Sie sind
meist hinfällige Versüßungen des Daseins, wie z.B. zeitverkürzende Maßnahmen,
die unangenehmerweise bloß das Tempo beschleunigen und uns somit weniger Zeit
lassen, als je zuvor. Omnis festinatio ex parte diaboli est – alle Eile ist des
Teufels – pflegten die alten Meister zu sagen.
Verbesserungen nach rückwärts indessen sind in der Regel
weniger kostspielig und dazu dauerhaft, denn sie kehren zu den einfacheren und
bewährten Wegen der Vergangenheit zurück und machen den sparsamsten Gebrauch
von Zeitungen, Radio, T.V. und allen anderen quasi zeitsparenden Neuerungen.
Ich spreche in diesem Buch viel über meine subjektive
Anschauung, die jedoch keine Erklügelung der Vernunft darstellt. Vielmehr ist
sie eine Schau, die sich ergibt, wenn man absichtlich mit halbgeschlossenen
Augen und etwas tauben Ohren Gestalt und Stimme des Seins zu sehen und zu hören
unternimmt. Sehen und hören wir zu deutlich, dann sind wir auf Stunde und
Minute des Heute eingeschränkt und spüren nichts davon, wie und ob unsere
anzestralen Seelen das Heute vernehmen und verstehen, oder mit anderen Worten,
wie das Unbewußte reagiert. So bleiben wir im Dunkel darüber, ob die Ahnenwelt
mit urtümlichem Behagen an unserem Leben teilnimmt , oder umgekehrt, ob sie
sich mit Abscheu davon abwendet. Unsere innere Ruhe und Zufriedenheit hängt in
hohem Maße davon ab, ob die historische Familie, welche durch das Individuum
personifiziert wird, mit den ephemeren Bedingungen unseres Heute übereinstimmt
oder nicht.
In meinem Haus in Bollingen lebt man wie vor vielen
Jahrhunderten. Es wird mich überleben
und weist durch Lage und Stil auf längst Vergangenes. Nur sehr wenig
erinnert an das Heute. Wenn ein Mann des 16. Jahrhunderts das Haus bezöge, so
wären ihm nur Petroleumlampe und Zündhölzchen
neu; mit allem anderen fände er sich ohne weiteres zurecht. Nichts stört die
Toten, kein elektrisches Licht und kein Telephon. Meine Ahnenseelen sind aber
auch unterhalten durch die geistige Atmosphäre des Hauses, denn ich gebe ihnen
Antwort auf Fragen, die ihr Leben einstmals hinterlassen hat, recht und
schlecht, wie es mir gelingen will. Es ist, wie wenn eine stille größere Familie,
die sich über Jahrhunderte erstreckt, das Haus bevölkerte. Ich lebe dort in der
„zweiten Person“ und sehe das Leben im Großen, das wird und vergeht."
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