Mittwoch, 26. September 2012

Zügige tröstliche Antworten ... auf das laute "Nein!"

... heute beim Lesen und Mitgehen mit C.G. Jung durch sein Er-Leben. Nach einem für mich etwas zähen Kapitel, in dem er über seine zahlreichen Bücher berichtete, geht es sehr lebendig weiter.  Über die Entstehung und den Bau eines "ursprünglichen Hauses" in Bollingen am See, welches eine große, sehr alte Sehnsucht bei mir weckte - und anschließend mit auf seine Reisen in ferne Länder und Kulturen, die etwas spiegeln, was die Europäer sich aus ihren "so fortschrittlichen Herzen" gerissen haben (sage ich einfach mal so in Kürze ... und denke u.a. kurz an das große, neue Herzzentrum in der Kolonie und die zunehmenden Herzerkrankungen ....).
Am Morgen vernahm ich dieses laute, klare "Nein!" zu dem, was ist ... und fragte mich, was denn da los sei. Blieb entschieden im Bett bis zum Nachmittag und wechselte von Lesen zu Schlaf und wieder zurück. Direkt auf meine Frage an mich selbst - was das laut vernehmbare "Nein!" mir genau zu sagen hat und wo es bloß herkommt, traf ich auf die untenstehenden Worte vom C.G.J. - die den Kern trafen. Meine Seele benötigt dringend "Entschleunigung" und die Wiederaufnahme der Beschäftigung mit den Wurzeln. Ohne Lärm im Außen. Baute mir einen feinen Meditationsplatz, setzte mich nur 5 Minuten probeweise hin und beobachtete die sofortige Erleichterung, die durch Erinnerung in dieser Position kam: Das laute "Nein!" bedeutet schlicht - es gibt da draußen in der "tobenden Unkultur" keine echten Antworten und auch kein echtes Füllen der Seele mehr für mich. Zwar weiß ich dies schon längst - aber es brauchte "frischen Mut", mich endlich wieder konsequent in andere, lebendige Räume zurückzuziehen und die freien Tage wieder auf die sinnvollste Weise zu nutzen: Mit Nichtstun und Lauschen! Dem Alten, Uralten und Bewährtem lauschen - so wie der Herr Jung es sagt: " ... absichtlich mit halbgeschlossenen Augen und etwas tauben Ohren ...".


Aus C.G. Jung – Erinnerungen, Träume, Gedanken
Seite 239 ff. – aufgelegt in 1971:
 "Sowohl unsere Seele wie der Körper bestehen aus Einzelteilen, die alle schon in der Ahnenreihe vorhanden gewesen sind. Das „Neue“ in der individuellen Seele ist eine endlos variierte Rekombination uralter Bestandteile, Körper und Seele haben einen eminent historischen Charakter und finden im Neuen, eben erst Entstandenen keine richtige Unterkunft, d.h. die anzestralen Züge sind darin nur zum Teil zuhause.  Wir sind mit Mittelalter und Antike und Primitivität noch längst nicht so fertig geworden, wie es unsere Psyche erfordert. Wir sind stattdessen in einen Katarakt des Fortschritts hineingestürzt, der mit umso wilderer Gewalt vorwärts in die Zukunft drängt, je mehr er uns von unseren Wurzeln abreißt. Ist aber das Alte einmal durchbrochen, dann ist es meist auch vernichtet, und es gibt überhaupt kein Halten mehr. Es ist eben gerade der Verlust dieses Zusammenhangs, die Wurzellosigkeit, die ein derartiges „Unbehagen in der Kultur“ und eine solche Hast erzeugen, daß man mehr in der Zukunft und ihren chimärischen Versprechen eines goldenen Zeitalters lebt, anstatt in der Gegenwart, bei welcher unser ganzer entwicklungsgeschichtlicher Hintergrund noch nicht einmal angelangt ist. Man stürzt sich hemmungslos ins Neue, getrieben von einem zunehmenden Gefühl des Ungenügens, der Unzufriedenheit und Rastlosigkeit.  Man lebt nicht mehr aus Besitz, sondern aus Versprechen, nicht mehr im Lichte des gegenwärtigen Tages, sondern im Dunkel der Zukunft, wo man den richtigen Sonnenaufgang erwartet. Man will es nicht wahrhaben, daß alles Bessere durch ein Schlechteres erkauft wird. Die Hoffnung auf größere Freiheit wird durch vermehrte Staatssklaverei zunichte gemacht, nicht zu sprechen von den fürchterlichen Gefahren, denen uns die glänzendsten Entdeckungen der Wissenschaft aussetzen.  Je weniger wir verstehen, wonach unsere Väter und Vorväter gesucht haben, desto weniger verstehen wir uns selbst, und helfen mit allen Kräften, die Instinkt- und Wurzellosigkeit des Einzelmenschen zu vermehren, so daß er als Massenpartikel nur noch dem „Geist der Schwere“ folgt.
Verbesserungen nach vorne, d.h. durch neue Methoden oder „gadgets“ sind zwar unmittelbar überzeugend, aber auf die Dauer zweifelhaft und auf alle Fälle teuer bezahlt. Keinesfalls erhöhen sie das Behagen, die Zufriedenheit oder das Glück im großen und ganzen.  Sie sind meist hinfällige Versüßungen des Daseins, wie z.B. zeitverkürzende Maßnahmen, die unangenehmerweise bloß das Tempo beschleunigen und uns somit weniger Zeit lassen, als je zuvor. Omnis festinatio ex parte diaboli est – alle Eile ist des Teufels – pflegten die alten Meister zu sagen.
Verbesserungen nach rückwärts indessen sind in der Regel weniger kostspielig und dazu dauerhaft, denn sie kehren zu den einfacheren und bewährten Wegen der Vergangenheit zurück und machen den sparsamsten Gebrauch von Zeitungen, Radio, T.V. und allen anderen quasi zeitsparenden Neuerungen.
Ich spreche in diesem Buch viel über meine subjektive Anschauung, die jedoch keine Erklügelung der Vernunft darstellt. Vielmehr ist sie eine Schau, die sich ergibt, wenn man absichtlich mit halbgeschlossenen Augen und etwas tauben Ohren Gestalt und Stimme des Seins zu sehen und zu hören unternimmt. Sehen und hören wir zu deutlich, dann sind wir auf Stunde und Minute des Heute eingeschränkt und spüren nichts davon, wie und ob unsere anzestralen Seelen das Heute vernehmen und verstehen, oder mit anderen Worten, wie das Unbewußte reagiert. So bleiben wir im Dunkel darüber, ob die Ahnenwelt mit urtümlichem Behagen an unserem Leben teilnimmt , oder umgekehrt, ob sie sich mit Abscheu davon abwendet. Unsere innere Ruhe und Zufriedenheit hängt in hohem Maße davon ab, ob die historische Familie, welche durch das Individuum personifiziert wird, mit den ephemeren Bedingungen unseres Heute übereinstimmt oder nicht.
In meinem Haus in Bollingen lebt man wie vor vielen Jahrhunderten. Es wird mich überleben  und weist durch Lage und Stil auf längst Vergangenes. Nur sehr wenig erinnert an das Heute. Wenn ein Mann des 16. Jahrhunderts das Haus bezöge, so wären ihm nur Petroleumlampe und  Zündhölzchen neu; mit allem anderen fände er sich ohne weiteres zurecht. Nichts stört die Toten, kein elektrisches Licht und kein Telephon. Meine Ahnenseelen sind aber auch unterhalten durch die geistige Atmosphäre des Hauses, denn ich gebe ihnen Antwort auf Fragen, die ihr Leben einstmals hinterlassen hat, recht und schlecht, wie es mir gelingen will. Es ist, wie wenn eine stille größere Familie, die sich über Jahrhunderte erstreckt, das Haus bevölkerte. Ich lebe dort in der „zweiten Person“ und sehe das Leben im Großen, das wird und vergeht."

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