Dienstag, 18. September 2012

Sonnige Sonntagsfahrt

Bekomme einen Auftrag im Industriegebiet. Gefährlicher Sonntags-Halteplatz, hätte auch daneben gehen können - hatte aber Glück und bekam einen Auftrag, nachdem ich in Ruhe gegessen hatte an diesem einsamen Halteplatz. Naja - nicht ganz in Ruhe - mitten in der Wallachei kam doch wieder einer und unterbrach mich mit einer Frage nach dem Weg beim Essen. Egal. Nicht egal ist es es mir inzwischen, wenn die Nachdemwegfrager ausgerechnet bei mir anklopfen, wenn ich gerade mal ein Trance-Schläfchen halte oder was esse - obwohl noch 4 oder 5 weitere Kollegen am Halteplatz ansprechbar sind.  Anderes Sujet.
Fahre also zur Adresse - aha: Ein großer "Königreichsaal" der Zeugen Jehovas - mitten im Industriegebiet, zurückversetzt von der Straße und somit unauffällig für Vorbeifahrende. Denke - na, dann wirst Du wohl gleich missioniert werden.
Eine alte Dame mit Rollator und Stock winkt mir von innen entgegen - aber ich kann ihr nicht helfen, denn die Tür geht nicht auf von außen. Viele Leute sind dort - sie feiern zusammen den Sonntag. So bekommt sie zügig Hilfe von innen - sie kann nur sehr langsam und mühsam gehen.  Hübsch angezogen ist sie, mit einem bodenlangen Rock. Strahlt mich freundlich an und stellt sich namentlich vor mit "Schwester soundso ...". Denke "Auha - auch noch Schwester, da wird ja gleich die Missionierungs-Lucy abgehen...."
Ich bin gerade nicht besonders geschwätzig und zu Höflichkeiten aufgelegt, prompt fragt sie mich, wie ich denn heißen würde? Ich antworte ihr kurz und wortkarg - aber ihre ehrliche Freundlichkeit ist sehr ansteckend. Sie hat mir schon ein Lächeln auf mein zuvor mürrisches Gesicht gezaubert. Eine interessante Person. Hatte wieder eines von diesen "bitteren Klageweibern" erwartet - das Gegenteil ist der Fall.  Sie ist hellwach und aufmerksam und äußerst gut gelaunt. Schaut mit offenen und staunenden Augen in die Welt - und mit echtem Interesse.
Die Atmosphäre dort beim "Königreichsaal" ist sehr angenehm und friedlich. Leute gehen ein und aus und alle begrüßen sich sehr freundlich, kommunizieren "bewußt" miteinander. Ein schöner Ort - der schönste für mich an diesem Sonntag - zu meiner eigenen Verwunderung. Dabei hatte ich aufdringlich-missionierende Wachturm-Vertreter erwartet - glasklar mein Vorurteil.
Die Besucher scheinen mulitkulturell gemischt zu sein. Ein großes Haus - mit vielen Klingeln an der Tür - Räume für alle Stadtteile der Kolonie. Aha! Wußte gar nicht, daß es soviele Jehovas in der Stadt gibt.
Wir fahren los - eine längere Tour von einem zum entgegengesetzen Ende der Kolonie. Fein. Ich warte gespannt darauf, endlich missioniert zu werden von der netten Dame - vergebens. Wir unterhalten uns über dies und das - aber nicht über Religion. Eine sehr angenehme Person und sehr eigen. Muß mal eine strahlende Schönheit gewesen sein - sie ist immer noch sehr schön, mit sehr lebendigen Augen.
Sie macht die Tour sonst immer mit dem Mitwagenunternehmen um die Ecke - mit denen hat sie einen Sonderpreis, denn sie fährt zweimal die Woche hin und zurück - das kostet. Denke - das wäre eine schöne, feste Tour für mich - unterlasse aber meinerseits auch jegliches Missionieren. Warne sie lediglich vor, daß es auch in der kommenden Woche zu Engpässen kommen kann, wegen einer anstehenden großen Messe - sie solle also rechtzeitig einen Wagen ordern bei dem Mietwagen-Unternehmen.
Wir reden über Pflanzen und Natur, sie versteht was davon ... und sie hat auch einen Garten am Haus. Als wir ankommen - kann ich einen Blick durch das Tor werfen und ich sehe schnell, es ist ein wilder, prachtvoller und schöner Garten. So einer, in dem die Pflanzen noch wachsen dürfen. So ein Garten - der für die Degenerierten äußerst befremdlich ist.
Ihr Sohn holt sie am Auto ab - der sieht auch sehr wild aus. Ich habe meine helle Freude an diesen Menschen - die ein etwas anderes Leben leben. Befremdlich halt - weil nicht alles in die gängigen Einheits-Schemen paßt - so wundert es mich auch nicht, daß die Nachbarin von gegenüber nicht grüßt.  Und auch ich habe ja anfangs erwartet - daß sie mich mit Jehova vollquatschen wollen wird. Wobei - ich die Gelegenheit diesmal durchaus genutzt hätte, um Näheres zu erfahren - aber es ergab sich gar nicht.
Der Vorgarten - verblüht. Muß ein wahres Blumenmeer gewesen sein noch vor wenigen Tagen .... Aber jetzt eben "unordentlich". Herrlich! Habe es also quasi mit den letzten "Individualisten" in der Kolonie zu tun.
Sie meint, sie würde sehr gerne wieder mit mir fahren, wenn sie keinen Mietwagen bekommt - ich gebe ihr gerne meine Nummer. Und würde mich aufrichtig freuen, wenn wir uns mal wieder treffen.
Eine schöne Ausnahmefahrt mit einem der raren Menschen, die präsent sind - in der Gegenwart - in dem, was gerade geschieht. "Das Göttliche" fuhr also mit .... egal, wie es sich nennt.  Es war einfach da, denn wir fuhren durch eine Art  Traum. Die Stadt so friedlich und leer wie selten, nette Augenblicke am Wegesrand.
Am Ende meinte sie noch - das sei doch ganz anders, mit einer Frau zu fahren. Frauen würden ganz anders in die Welt schauen, als Männer. Hätten viel mehr Blick für die Schönheit im Leben. Ich denke an einige nette Kollegen und erwidere - Och, es gibt auch ein paar Männer, die so schauen. Der Sohn meint - aber nur ganz wenige. Viel mehr Frauen. Aha. Nochwas gelernt. Vielleicht freuen sich die Fahrgäste deshalb oft im voraus, wenn sie mich antreffen und von sich geben "Ach, wie schön - eine Frau!"
Neulich sagte ich grinsend zu einer alten Dame "Das - können sie doch noch gar wissen - ob das schön ist mit mir."  Aber die blieb zuversichtlich. Auch das wurde eine sehr schöne und lebendige Fahrt. Ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung - in Windeseile erfuhr ich viel über ihr Schicksal - aber sie hatte immer noch den Hintern voll Feuer - mit 80! - was ich ihr auch so sagte. Ja - manchmal gibt es das, zum Glück, als wohltuendes Kontrastprogramm zu den vielen "Klageweibern", die ich treffe.  

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