Die letzte Tour - ich fahre Mutter und Tochter von der City in einen Vorort. Die Tochter ist knapp über 50 und füllt jeden Zentimeter des Beifahrerraumes aus, weil sie ungeheuer dick ist. Die Mutter sitzt hinter ihr. Alle zwei Minuten klingelt ein Handy, die beiden Söhne der Tochter rufen an und wollen irgendetwas wissen. Wie man die Spülmaschine anwirft zum Beispiel. Die Söhne sind Anfang bzw. Mitte 20 - und lernen dies nun. Die Unterhaltung der beiden Frauen macht mich zunächst ein wenig kirre ... sie füllt den Innenraum auf laute und äußerst nervöse Weise und ich bin erleichtert, daß ich derlei Gesprächen privat schon seit Äonen nicht mehr ausgeliefert bin. Immer wieder auch eine Erleichterung für mich, keine Mutter mehr zu haben, die mich ebenso "klein" be-halten will und sinnfreie Kontroll-Fragen stellt. Sorry, Martha ... aber so ist es. Es gibt soviele Mütter mit Kontroll-Tendenzen auf diesem Planeten.
Die sehr sehr dicke Frau neben mir weist einen ihrer Söhne telefonisch an, schon mal den Grill anzuwerfen, sie sei gleich da. Sie war zuvor beim Arzt, von Mutti begleitet, und die beiden erzählen von ihrer Krankheit ... lustige Wortverdrehungen von ärztlich-angeordneten Symptom-Bezeichnungen flappern durch die warme Luft.
Ich denke, daß ich gleich froh sein werde, wieder alleine sein zu können.
Die Mutter steigt als erste aus, ich fahre mit der Tochter ein Stück weiter. Sicher herzensgute Menschen, aber nicht meine Welt, diese Welt des übermäßigen Betuttelns von vermeintlich "Zugehörigen". Die sehr sehr dicke Frau erzählt mir sofort unaufgefordert von ihrer Krankheit und daß sie im vergangenen Jahr 40 Kilo zugenommen habe, obwohl sie auch vorher schon sehr dick gewesen sei. Das plättet mich kurz - 40 Kilo in einem Jahr ist schlicht ein Albtraum und nicht wirklich zu bewältigen. Trotz ärztlicher "Begleitung".
Diese gestaltet sich so, daß sie sich in Kürze einer OP unterziehen wird, irgendwas mit dem Magen, der wird wohl verkleinert und eine Sonde gelegt. Ich höre nicht wirklich aufmerksam zu - aber das, was ich höre, reicht mir mal wieder, um bei meiner Entscheidung zu bleiben, nur in absoluten Notfällen je wieder ärztlichen Rat einzuholen. Glücklicherweise brauche ich das bislang auch nicht. Ein Kommentar entfährt meinen Stimmbändern "Ob das mal alles so richtig ist?!"
Doch doch, sie ist sehr froh darum, daß es nun so sein wird. Ich schweige. Und es gruselt mich ein wenig vor unserem "medizinischen Fortschritt". So wie vor ein paar Wochen, als ich einen Mann zu Uniklinik fuhr, dem man den Hals quasi ausgehöhlt hatte - sein Gesicht hing schief in alle Richtungen - und der mir sein Fahrziel auf einem Zettel aufgeschrieben herüberreichte, weil er nur noch schwach krächzen konnte. Zutiefst einschneidende Erlebnisse - fällt mir nur dazu ein.
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