Das erholsame und wohltuende Schweigen in der Limousine dauert an. Jedenfalls, was mich betrifft. Die meiste Zeit - bis auf ein paar eher sachliche und kurze Antworten, falls echte Fragen kommen. Sofern es den mitreisenden Fahrgästen nur um eine Bestätigung ihrer Sicht der sie gerade beschäftigenden Dinge geht - genügt auch eine schweigende Kopfbewegung meinerseits, von oben nach unten und wieder nach oben. Das deuten sie als Zustimmung und sind zufrieden.
Heute riss es wieder ein wenig ein mit meinem Schweigen - dafür gab es auch akzentuierten Spaß.
Die erste, die mich gnadenlos vollquatschte, war eine ältere Dame, die ich zum Augenarzt fuhr. Sie lamentierte laut und temperamentvoll, daß sie seit ihrer OP vor sieben Tagen nun noch schlechter sieht, alles verschwommen und der Kopf würde nur noch brummen. Kaum Luft holend - erläutert sie diverse Einzelheiten, ich höre nur am Rande irgendwas von "hineingestochen" und es entweicht mir ein "Pfui Deivel." Kurz danach - entschuldigt sie sich, daß sie mir ihre Horrorgeschichten erzählt hat. Immerhin, merkt sie noch etwas. Ich bin in diesen Tagen recht wonanders mit mir - so prallt das eh alles ab an meinem Kokon. Dann entschuldigt sie sich für die nur kurze Fahrt, das täte ihr ja oft so leid für unsereins, aber sie würde das immer durch ein gutes Trinkgeld ausgleichen. Ich erwidere, sie sei Kundin und brauche sich darüber keinerlei Gedanken machen. Ja, aber .... Ne, sage ich, alles ist gut. Hauptsache - es rollt. Sie erzählt noch ein wenig Unsinn, was die Vorstellungen von unserem Gewerbe betrifft. Habe sie letzte Woche im Fernsehen gehört. Ob ich denn auch richtig gut verdient hätte beim Streik der öffentlichen Verkehrsmittel? Nein - ich hatte frei, dieser Kelch ist an mir vorübergegangen. Eh Schmarrn - obwohl ich wenig später noch - wider ohnehin besseren Wissens und der puren Neugier wegen - einen Kollegen nach seinem Umsatz an diesem Tag fragte. Ja, ein wenig besser schon, klar. Wir reden hier von vielleicht 20, 30 oder mit Glück 40 Euro bei Schichtende - was für ein pralles, ausgelassens Fest! Ich mag diese etwas anstrengende Frau dennoch - denn sie hat unerhört viel Pfeffer im Hintern und traut sich auch bei derart schlechter Sicht ohne ihren Rollator raus. Ich erfahre am Ende, daß sie bereits 80 Jahre auf dem Planeten weilt und freue mich über soviel Temperament und Tatendrang.Stelle ihr gerne noch eine Quittung aus, die sie bei ihrer letzten Fahrt mit einem Kollegen vergessen hatte.
Auf einem meiner Wege zum nächsten Halteplatz winkt mir am Markt ein Kneipier freundlich zu, als ich langsam um die Ecke biege. Ein großer, männlicher Kneipengast kommt um die Limousine herum, öffnet die Tür und läßt sich erleichtert in den Sitz fallen, während ich noch das Fenster herunterlasse und den Gastwirt frage, ob er ein Taxi gerufen hätte? Ja, hat er. Ich sage - das bin ich dann nicht, da kommt ein anderer Kollege, dem will ich seine Fahrt nicht stehlen. Wiederhole das gegenüber dem Mann, der bereits neben mir sitzt. Er reagiert freundlich und friedlich und steigt wieder aus, während er scherzhaft anmerkt: "Da hat man man endlich eine schöne Frau gefunden - und schon ist man(n) sie wieder los." Wir lachen alle drei - das nenne ich einen guten Lauf!
Den nächsten Fahrgast fahre ich zum Puff, gegen Mittag, eher etwas früher. Denke zunächst "Auweia - die armen Damen." aber ändere meine Meinung während der Fahrt. Er ist alt und nicht wirklich schön - aber hat eine angenehme und selten offene Art, die alles andere als schlüpfrig oder anzüglich ist. Als wir losfahren, hupe ich den Kollegen an, der gerade auf dem Weg in ein Telecafé ist - um ihm zu signalisieren, daß er jetzt die Spitze hat. Dieser Kollege- trägt einen langen schwarzen Rauschebart und ein verziertes Käppchen der muselmanischen Art auf dem Haupt. Er sieht aus wie ein Taliban - und hat den nötigen Humor, um sich derart bei Gelegenheit auch über sich selbst lustig zu machen. Pakistani, glaube ich. Der Fahrgast auf dem Weg zum Mittagsvergnügen im Bordell merkt dies an - ich sage nur, denn es ist mir ein Bedürfnis: "Das ist ein sehr liebenswerter Kollege, mit außerordentlich guten Umgangsformen, immer freundlich und gut gelaunt." Tatsächlich traf ich ihn auch gestern und freute mich wieder einmal über seine freundliche und humorvolle, optimistische Art. Oder soll ich sagen: Ausgeglichen?! Dachte heute mehr als kurz daran, wie sich das wohl anfühlt, wenn Dich jeder für einen radikalen Taliban hält? Oder zumindestens für einen "Schläfer".
Der zahlende und bekennende Beischläfer neben mir staunt über die Technik in der Limousine und eröffnet mir während der Fahrt, daß er Jahrgang 1939 sei - da hätte es sowas noch nicht gegeben. Ja, sage ich, das ist wohl wahr. Wir unterhalten uns ein wenig über die Entwicklung der Technik allein in den vergangenen Jahren. Er sagt, er braucht das alles nicht mehr und fängt es es auch erst gar nicht mehr an. Aber von schönen Frauen könne er immer noch nicht lassen. Er berichtet sehr kurz über die - für ihn - positive Entwicklung des horizontalen Gewerbes, wohlwissend, daß es für die Frauen nicht einfacher geworden ist. .
Ich laste ihm sein Laster nicht an - denke inzwischen sogar einen diametral-entgegengesetzten Gedanken zu meinem allerersten (s.o.): Scheint eher angenehm zu sein. Nicht machtlüstern, sondern dem körperlichen Vergnügen und dem Genuss verfallen. Das hat sicher nochmal eine ganz andere Qualität als so manches Arschloch, welches da aufschlägt. Er wird erst mal einen Kaffee trinken und "schauen, was heute so los ist".
Das ist die beste Lektion in meinen Limousinenjahren - dieses Leben ist wild, verrückt, unberechenbar, oft ungerecht auf den ersten Blick, manchmal elend und verdorben, allzu oft kriegen die Dümmsten die dicksten Kartoffeln und so weiter ..... aber welcher Mensch wäre dazu befähigt, auch nur irgendetwas für einen Anderen zu entscheiden? Oder gar darüber zu richten? Jeder muß genau das tun, was er/sie tut.
Und ehrlich gesagt - habe ich das auch nicht neu gelernt, sondern "wieder" - durch das Geworfensein auf den Strassen, inmitten all dieser Menschen, die ich mir nicht aussuche, sondern die mir das Leben hereinreicht.
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