Montag, 30. Januar 2012

Traum?

Wieder Traumbrei, von Wohnungen. In der alten Wohnung in der M.-Strasse steht die Tür mal wieder offen, rastet nur leicht ein. Ein Windhauch vermag sie aufzustoßen. Vor der Tür steht ein stattlicher junger Nachbar, verwundert und kritisch äugend über die offene Tür der  leerstehenden Wohnung. Ich sage "Guten Tag" von innen - er geht beruhigt weiter. Hat nicht gleich gesehen, daß ich nur ein Geist bin. Hol endlich Deinen Geist zurück, spricht es in mir. Nein nein - nur nichts zurückholen. Hol endlich Deinen Geist zu Dir. Ja, so ist es besser.
Im Hinterhof-Labyrinth in der Innenstadt auf einer fremden Terrasse gelandet. Wie "bei mir" liegt sie tiefer als der Wohungsboden - "bei mir" muß ich sogar aus dem Fenster klettern, um auf diese zu gelangen. Ich habe hier nichts verloren,  weiß nicht einmal, was ich hier tue. Jemand Anderes wohnt dort. Er duschte gerade und schaut mich überrascht, noch splitternackt und nass, von innen aus seiner Terrassentür heraus an. Kommt derart raus, erstaunt aber nicht unfreundlich, geht wieder rein, zieht sich etwas an - steht ihm auch gut - steht dann wieder auf der Terrasse vor mir und fragt nicht einmal, was ich dort verloren habe. Habe gar nichts verloren, suche etwas ... eine neue Bleibe.
Ein Riesengelände, brachliegend. Zahlreiche, dickbauchige alte Tongefässe darauf lagernd. Aus manchen erklingt tanzendes Wasser, sie haben offensichtlich eine Quelle in sich. Wildes wucherndes Grün auf dem Gelände, hier könnte mensch einen Paradiesgarten anlegen. Dunkel zur Rechten und von vorne, überall von alten, feuchten, viel zu hohen dunkelblutrotziegeligen Altbau-Mauern umgeben. Von links kommt etwas Licht und manchmal Sonne. 
Lärm von Maschinen, das kenne ich. War schon mal lauter, schlimmer, durch Mark und (B)ein dringend. Ich suche eine Abkürzung. Jetzt ist es Musik aus dem Radio, die da über die viel zu hohen Mauern herüberfällt. Eine Frau ist aufgetaucht, Nachbarin, Hinterhofstädterin. Nein danke, ich möchte nicht so wohnen.
Noch mehr Wohungen. Alle in der Stadt. Packe Kisten, trage sie in neue Bleiben, in denen ich nicht bleiben will.
Bahne mir den lebensgefährlichen Weg über die Strassenbahngleise am W.-Platz. Ein ständiges Springen von hier nach da und schnell nach dort ist überlebenswichtig, immer gerade nur so viel freier Raum, um nicht von den unablässig kreuzenden Strassenbahnen überrollt und totgefahren zu werden. Auf einer Länge von mehreren Hundert Metern geht es so weiter, kein Platz für Menschen auf zwei Beinen. Welches beseelte Sein will hier schon bleiben?

Erwachen ... im Echtzeit-Traum. Immer wieder dieser Schmutz unter den Fingernägeln am Morgen, wie kommt der bloß jedesmal dorthin?
Die 16-jährige ist leer. Eine leere Hülle. Kurzer Schreck. Ist das Kind noch da? Auch nicht da. Und jetzt? Ist vielleicht eine Frau Ende Vierzig da? Keine da. Erschrockenes, leeres Wesen. Erschrockener Verstand, der sich erfolglos zu orientieren sucht. Identität? Was? Niemand zu finden. Alles Blasen, Bilderblasen. Nichts von Bestand, nur Fragmente. Wenn der Faden, der diese Bilder bisher aufreihen wollte, wegfällt - ist nichts da. Alles leer. Alles nur ein Traum, viele Träume.

Wieso der Schreck?
War es nicht das, was gesucht wurde in den Bildern - die Leere?
Ja, schon, aber ...
Ja?
Doch nicht so.
Schallendes Lachen.
Wie denn?

Nachspüren in den leeren Hüllen. Ist es wirklich so schlimm - oder ist es gerade gut so? Auch die Leere wird wohl wieder verschwinden - und mit noch mehr Unsinn gefüllt werden, womöglich noch mit der Erkenntnis von Leere. Was für ein Witz!
Es tut gut, gestorben zu sein. Wobei ich bei der 16-jährigen gar denke, sie hat nicht mal selbst (... - ???) gelebt. Und wie sieht die 25-jährige, die 35-jährige aus?
Will ich das wirklich erinnern?
Was erinnere ich?
Bilder. Bilderblasen. Lauter leere Hüllen, die mit Inhalt nicht zu füllen sind.

Bilder, Träume, Taumen, Psychosen ... und nicht mal die gehören mir.
Schon von den Alten nur übernommen, im Ätherleib aufgesaugt und angesammelt, angeklebt, geteert und gefedert schon vor der Zeugung, alte Ansammlungen und Formen, längst verbraucht, nichts Frisches dabei. Modrige, wabernde, spinnwebige, klebrige und leere Bilderblasen-Gebilde. Der vermoderte Faden löst sich von selbst ab. Zerfall. 

Gar nicht übel, leer zu sein.
Wirklich. Nach dem ersten großen Schrecken.
Irgendwie leicht.
Erschreckend leicht.

Ob ich mich jetzt wieder zusammenbauen soll, zu einer Person mit Lebenslauf? Ich meine ja nur - sagt der verzagte Verstand, auch nur eine leere Blase - wie soll es denn sonst weitergehen - und mit wem?
Nein, Nein, Nein !!! Klare Antwort. Das nicht!
Laß sie um Himmels willen leer, diese Bildhüllen. Laß ihre längst verrotteten Inhalte im Äther verschwinden, von sie kamen, aus dem sie auftauchten.
Der erste Schreck ist längst verschwunden.
Wandelt sich langsam in Genuss.
Auch die  Angst - nur eine Blase.
Nie zuvor war es so leicht wie mit diesen leeren Bildhüllen, befreit von den uralten Geist-Gespenstern, die zu niemandem gehören und immer ein Wirtstier und einen Faden brauchen, um zu überleben.
Danke.

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