Als 16-jährige hatte ich meine ersten Ferienjobs. Ich ging zur Studenten-Jobvermittlung und arbeitete tageweise irgendwo. Im Kaufhof-Restaurant an der Spülmaschine, wo es ganz schön zur Sache ging. Fließbandarbeit quasi. Das Geschirr, das aus der Maschine kam, mußte gepackt und schnell wieder einsortiert werden. Es war noch ziemlich heiß, als es rauskam, und einmal ließ ich aufgrund eines motorischen Fehlers einen ganzen Stapel Teller fallen. In Windeseile kamen alle Arbeitenden angelaufen, kehrten die Scherben zusammen und bedeuteten mir, das nichts geschehen sei. Die Arbeit ging weiter. Ich freute mich sehr über diese Unterstützung mir fremder Menschen, die mir derart zur Seite standen. Hätte sonst völlig umsonst gearbeitet - in einem Knochenjob, in dem manche schon seit vielen Jahren für wenig Geld schufteten. Mein Job dauerte hier schlappe zwei Tage - und ich war hingerissen von dieser Szene - und darüber, daß sie mich außerdem auch noch liebevoll mit gutem Essen versorgten während der Mittagspause. Die Belegschaft bereits Ende der Siebziger multinational, Italiener, Jugoslawen (gab´s da noch), Deutsche. Ein - ehemaliger - Bilderbuch-Koch mit dickem Bauch, Schürze drüber und breitem, wohlwollendem Grinsen.
Im Krankenhaus drei Wochen in der Wäscherei im Keller. OP-Laken und Anderes in die Mangel geben nach der Wäsche, oft fanden sich noch abgeschnittene Schamhaare, Blut und Eiter darin, das wurde natürlich erneut in die Wäsche gegeben. Eine persönlichkeitsstarke Italienerin stand dort schon seit Jahrzehnten tagein tagaus und schuftete - für wenig Geld. Sie imponierte mir, ihre Zähigkeit faszinierte mich, und ich arbeitete gerne mit ihr in ihrem unerschütterlichem, gleichförmigen Rhythmus. Mir tat, obwohl ich damals jung, energiegeladen und fit war, an den ersten beiden Abenden jeder einzelne Knochen weh und ich fiel todmüde ins Bett. Nicht mal pinkeln gehen konnte mensch außerhalb der offiziellen Pausen. Fast alle "Kollegen" - bis auf die üblichen Verbitterten, die mensch überall antrifft - waren sehr freundlich zu mir. Manchmal mußten wir nur federleichte Trockentüchlein hineingeben oder herausnehmen und falten - das war dann quasi das Wellness-Programm. In der Kantine saß ich mit den Alteingesessenen zusammen, sie hatten mich adoptiert. Eine Frau aß einen Pudding zum Nachtisch - und spuckte den eben in den Mund geschobenen Löffel überm Tisch wieder aus. Sie war trockene Alkoholikerin und in dem Pudding war Rum. Sie sagte es schlicht, wie es war, ohne Verstellung - und es war gut so. Die Ärzte hatten einen abgetrennten Essensbereich und saßen nicht mit dem restlichen Personal zusammen. Auf meine Verwunderung über solche Hierarchien erklärte mir jemand - das sei wohl ganz recht so. Die würden manchmal seltsame Witze über ihr Metier reißen, das könne manchen verstören, der zarter besaitet sei. Naja ....
Mittendrin ein Ausflug in die Leichen-Abteilung, ebenfalls im Keller. Auf Einladung des dortigen, etwas suspekt anmutenden Mitarbeiters, der mir lächelnd davon erzählte, wie er manchmal ein paar Eingeweide im Ausguss wegflutschen lasse.
Irgendwann noch ein Job im Krankenhaus - Gardinen aufhängen auf der Männerstation. Sehr spaßig. Und zur höchsten Erbauung der vermeintlich Brachliegenden - die sich in ihrem Enthusiasmus über soviel jugendliche Schönheit zu übertrumpfen versuchen. Ein Machtwort genügt, um sie wieder auf ihre Lagerstättten zu werfen.
Einige Wochen arbeitete ich in einem schön gelegenen Nobel-Restaurant der Kolonie, meist wieder im Spülbetrieb aber auch als "Mädchen für alles", wenn irgendwo Arbeit anstand. Fenster putzen mutete gegen den Spülbetrieb sehr erholsam an. Auch hier wieder vorwiegend freundliche Menschen, die mich Küken durchaus kollegial aufnahmen.Wieder solche, die schon seit Jahrzehnten anderer Leuts Dreck wegmachten und teils lange Anreise zum Job hatten - alles für wenig Geld.
Dort hat sich ein Mann in mein Hirn eingebrannt als Sinnbild für Unverhältnismäßigkeit der Mittelverteilung. Er war der Topfspüler und saß tagein tagaus in einem gekachelten, kühlen Raum, wo er die Töpfe per Hand reinigte, da dies maschinell nicht möglich war. Ich setzte mich manchmal zu ihm und wir unterhielten uns. Er kratzte diese Töpfe oft mit seinen Fingernägeln aus, wenn auch die Bürsten nichts mehr bewirkten, weil alles so angeranzt und eingebrannt war. Ein Alleinstehender, der in einem Männerheim untergekommen war. Trostlose Existenz. Dennoch war der gut drauf und freundlich. Er verdiente am wenigsten von allen.
Damals war ich sehr zornig auf die Welt und ihre Unverhältnismäßigkeiten. Noch bei der Mutter wohnend, machte ich abends einen weiteren, sinnlosen Versuch, mit ihr darüber und über die Welt zu sprechen. Wie gewohnt stieß ich - hätte es wissen können, war aber noch unerschütterlich - auf Granit mit meiner Frage "Was ist denn das für eine Welt? Wieso bekommst Du in deinem verhältnismäßig bequemen Bürojob (den sie erst seit wenigen Jahren ausübte, zunächst unentgeltlich, um meinen damals überforderten Vater zu unterstützen und nach seinem Tode ganztags gegen reguläres Salär) doppelt soviel Kohle wie dieser Mann?" Irgendwas erschien mir offensichtlich nicht gerecht. Meine Fragestellung war sicher ungestüm, aber sie hätte auch sonst die gleiche Antwort gegeben: "Ach, laß´ mich doch in Ruhe." Das sie mindestens doppelt soviel bekommen mußte, war mir irgendwie klar, obwohl sie zu Lebzeiten nie gesagt hatte, wie hoch ihr Einkommen war.
Das war Ende der 70er Jahre - als die meisten Menschen trotz ersichtlicher Unverhältnismäißigkeiten noch mit ihrem Job über die Runden kamen. Damals dachte und wünschte ich, daß diejenigen, die den Dreck der Anderen wegwischen, doch wenigstens ordentlich dafür entlohnt werden sollten. Ein frommer Wunsch - der zur Zeit weltweit komplett ausgehöhlt ist. Aber alte Träume halten sich. Sollen auch nicht aufgegeben werden. Kinder und Jugendliche haben schließlich noch recht unverdorbene Instinkte, wie es vielleicht sein könnte.
Dieser Topfauskratzer und all die anderen Menschen kamen mir heute morgen äußerst lebendig, nach so vielen Jahren, wieder in den Sinn und ich war erstaunt, wie sich dieser kindlich-jugendliche Weltschmerz doch manches Mal wieder seinen Raum nimmt - obwohl ich ihn lange vergessen glaubte.
Ein Blumenstrauss für die lange vergessenen Menschen.
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