Heute extrem geschehen beim Beobachten von Foto-Gesichtern bei diesem Kurs in Sachen "TCM-Gesichtsdiagnostik" Ich hätte mich manches Mal übergeben können ob der vielen Vor-Ur-Teile, die anhand gezeigter Fotos kamen.
Die erste Übung war, einfach mal ohne Vorwissen verschiedene an die Wand projizierte Fotos von Gesichtern zu betrachten und einzuschätzen, was das wohl für ein Mensch sein könne. Zum Teil erschütternde, knallharte Aussagen wie "Auweia, der arme Mensch" (harmlose Variante) oder "Igittigitt". Ich bemerkte für mich, daß ich - obwohl oft ungeduldig - mir lieber die Zeit nehme, um etwas länger bzw. sorgfältiger zu beobachten und dann schaue, welche interessanten Seiten so ein Mensch wohl haben kann, statt mich einfach allzu vorschneller Urteile zu bedienen. Stellte zufrieden fest, daß die mehrjährige Lehrzeit in Sachen fremder Menschen in der Limousine irgendwo gefruchtet hat. Freute mich, daß ich jedem Gesicht - mit Ausnahme eines stark retuschierten der aktuellen deutschen Kanzlerin (sie ist mir einfach nicht geheuer) und eines Kunstgesichtes eines Hollywood-Stars - viele interessante Eigenschaften entnehmen konnte. Rein subjektiv und ohne Vorkenntnis diverser "Zuordnungs-Systeme". Die knallharte Wertung mancher Kollegin schockte mich insofern, daß sie vielen Gesichtern so gar nichts "Bezauberndes" abgewinnen konnten, zunächst. Die nächste Aufgabe war, das relativ glatte und auf den ersten Blick dadurch unmarkante und etwas undurchsichtig scheinende Gesicht eines etwa 35 bis 40 jährigen Mannes zu beschreiben - jede für sich und schriftlich. Während ich diesem viel Gutes abgewinnen konnte - wurde er allgemein eher für unsympathisch gehalten und durch den Reisswolf gedreht. Im Laufe des Tages - erschien dieser immer wieder als Beispiel für die TCM-Diagnostik von Charakteren - und die übelste Richterin war über sich selbst erschrocken. Gut so!
Obwohl die Limousine für mich doch nur ein derzeit notwendiger Broterwerb ist, war ich ganz dankbar für die Begegnung mit so vielen Menschen und immer wieder mit meinen eigenen Vor-Ur-Teilen, bei denen immer lernen darf und muß, wieviele verschiedene Menschenerscheinungen es gibt. Und wie falsch ich manchmal liege mir meinen ersten Eindrücken. Wie hübsch und/oder interesssant es sich manchmal entfalten darf - wenn ich selbst einfach offen bin/bleibe für das, was geschieht.
Meine letzte impressionabile Erinnerung war ein Mann mit heftigem "Parkinson" - der vermutlich von vielen schlicht für debil gehalten würde, wird. Ich fuhr ihn zum zweiten Mal - habe ein Elefantengedächtnis für Fahrgäste und Gesichter. Nach dem ersten Mal dachte ich noch "Hoffentlich nicht wieder so eine kurze Tour". Beim letzten Mal - habe ich viel dazugelernt zu diesem Menschen. Es ging ein bischen weiter, aber das war nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war seine Würde - .und damit waren wir beide glücklich. Er fragte mich, ob ich lieber Kleingeld oder Scheingeld wolle - ich sagte ihm: "Das ist mir wurscht - machen Sie das, wie Sie möchten - manchmal ist Kleingeld sehr hilfreich." Er schaute mir beim Aussteigen direkt in die Augen und ich konnte ein lebendiges Funkeln vernehmen. Er riet mir - wie schon viele zuvor - besser nicht älter zu werden ... Älterwerden sei Scheiße ... und wir lachten zusammen. In dieser Un-Kultur - ist das sicher nicht leicht.
War auch kurz Thema beim Workshop - und ich sagte ebendies: In anderen Kulturen werden alte Menschen geschätzt - bei uns - entmündigen die sich sogar selbst. Auf dem Weg nach Hause hielt ich noch an einer Supermarkt- Kette, die zumindest hier in der Kolonie quasi in türkischer Hand ist - und dort erlebe ich immer wieder ganz andere, herzlich und respektvoll anmutende Gespräche zwischen Jung und Alt (verstehe kein Wort, nehme nur die Schwingungen wahr) - heute mit dem "Baba", der dort einkaufte und den normal-zackigen Betrieb aufhielt, indem er viele Worte mit dem sehr freundlichen zweisprachigen jungen Mann an der Kasse tauschte .... eigentlich eine Zwillingssonnen-Gedulds-Probe - aber ich lerne gerne für mich daraus, wieder etwas langsamer und vielleicht "menschlicher" zu werden. Schaute diesem "Alten" noch sehr direkt ins Antlitz - und fand einen klaren, scharfen Blick, nichts Entmündigtes.
Fazit - es gibt durchaus sehr interessante und aufschlußreiche Aspekte bei dieser Kunst, in Gesichtern zu lesen. Aber sie sollte mit der gebotenen Vorsicht und Zurückhaltung ausgeübt werden. Keinesfalls mit einem "Absolutheitsanspruch". Besonders von solchen, die glauben, sie könnten Heiler für Andere sein, doch bislang verabsäumt haben, sich erst einmal selbst in den Reisswolf zu begeben und gut durchdrehen zu lassen.
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