Ich bekomme die "Lokleitung" auf´s Display, sehr erfreulich. Halte mich an
der Peripherie des Messebetriebes, da gibt es schöne andere Aufträge.
Dieser hier kommt zügig - wir fahren öfter die Lokführer der Bahn von
einem zum nächsten Einsatzort, damit sie ihre Anschlußtouren erwischen.
Mit diesem hier ergibt sich ein angenehmes Gespräch, er ist aus meiner
Generation und dazu aus dem gleichen "Stamm". Er lebt einen Traum von
mir, wohnt in einem Haus am Waldrand und heizt mit selbstgehacktem Holz.
Hat so einen Kochofen und ist damit auch autark, wenn mal ein hübscher
Stromausfall kommt, was wohl bei ihm tatsächlich auch eintritt, wenn
beispielsweise Schneemassen wir im vergangenen Jahr die
Stromleitungsbäume umhauen. Wir sind uns einig, daß ein Mensch sich
durchaus den ganzen Tag über sinnvollst mit einfachen, grundlegenden
Dingen beschäftigen kann, ohne elektronisches Zeugs. Leider sind meine
eigenen Erfahrungswerte hier noch sehr begrenzt, doch weiß ich ihm von
einer Woche auf einem Berg in der Toscana zu erzählen, in der ich Haus
und Hof hütete für die reisenden Besitzer, die mir das anvertrauten -
ich saß eh fest, da mein schöner alter Peugeot-Kombi den Geist
aufgegeben hatte. Der Tag war ausgefüllt mit Hühner füttern, Stall
sauber halten, in die Landschaft gucken, trommeln, dies und das in
Ordnung halten. Es fehlte an nichts, im Gegenteil, es war ein viel
selbstverständlicher verbrachter Tag und Nächte mit mehr als üppigen
Sternenhimmeln. Ich schlief trotz garstiger Mückenbisse am liebsten
draußen.
Er - lebt in seinem Traumhäuschen, zu dem er per Zufall kam. Doch auch
er - darf nicht nur glücklich sein darüber, da seine Frau es nicht
wirklich immer ist. Soviel nochmal dazu, daß jeder sein eigenes, kleines
Päcklein tragen darf.
Wir freuten uns gemeinsam etwas hämisch auf den Tag, an dem es einen
großen Stromausfall gibt und die Menschen - verloren an sich selbst -
wirr umherlaufen, weil PC und Handy ausfallen. Redeten über die
Smartphone-Generationen, die sich derzeit wie eine seltsame Seuche
ausbreiten. Alles gucken sie nach bzw. "vor" auf ihren Geräten, es gibt keinen
Platz mehr für Überraschungen auf dem Planeten, selbst in der Wüste
werden süchtig die neuesten E-Mails gecheckt. Er ist Motorradfahrer und
früher immer nach Karte gefahren. So wie ich auch, mit dem Auto und mit
der Limousine. Heute - für die meisten nicht mehr vorstellbar, nach sehr
wenigen Jahren, seit es Navis gibt. Kein Raum mehr für Abenteuer und
Unerwartetes. Kontrollsüchtige Eltern statten ihre Kinder mit diesen
Dingern aus, um sie jederzeit "backtracken" zu können - eine komplette
Horrorvorstellung für beide von uns, die wir noch relativ unkontrolliert
unsere eigenen Erfahrungen machen durften - als "freilaufende Kinder" und in der seinerzeit wilden Welt des
Heranwachsens. Viele Sinne verkümmern durch den Elektronik- und
Allesvorherwissenwollen-Wahn. Selten steigt noch ein jüngerer Zombie
ohne sein Smartphone in die Limousine, auf dem er dann permanent
irgendwas antippt - was ich nicht wissen muß und will. Eine Art
Seelenverkauf gegen meist unnütze Information. Und dazu - haben diese
Teile nicht einmal die Funktion, sie wirksam abzuschalten. Backtracking
rund um die Uhr. Mit einer jungen Frau unterhielt ich mich neulich über
diese Tatsachen und damit über eine völlig neuartige "Gestasi", der die
Menschen auf diese Weise auch noch freiwillig alles preisgeben - und ihr
war das völlig wurscht. Es gibt kaum ein Bewußtsein über die
Kontrollmöglichkeiten und -mechanismen, die dadurch wie eine Lawine in
die Hände von möglichen Übelgesinnten gespielt werden.
Absurde Begrifflichkeiten wie "Transparenz" und "alternativlos" werden
den Zombies so lange um die Ohren gehauen, bis die dran glauben. Seit
wann - ist das Leben "alternativlos"? Die Tatsache, daß das Leben immer
ganz anders und weit gewiefter spielen kann, als irgendwer glaubt, läßt
mich weiter optimistisch sein - trotz wachsender Zahl an in
Elektronik-Trance durch die Kolonie wandelnder Smartphone-Zombies. Und
hier und da - hat die Vernetzung auch unbestritten ihr Gutes. Der-/die ein oder andere Zombiene - ist wachgeworden, indem er/sie mal ein paar überraschende Seiten geöffnet hat, die das bisherige Weltbild erschütterten.
Es tut mir gut, an diesem Tag einen von meinem Stamm zu treffen - sie sind rar geworden.
Ich habe mich verquatscht und bin reflektiv gefahren ... muß nochmal
wenden. Ist uns beiden wurscht, es ist eh eine Festpreis-Fahrt, niemand
zahlt drauf.
Zum Ende gibt es nochwas zu lachen - auf dem DB-Gelände kommt uns ein
DB-Transporter mit zwei sehr urigen, langbärtigen Lederjacken-Trägern
entgegen, sehen aus, wie eine Delegation der "Hells Angels". Wir müssen
beide lachen - und er erzählt mir noch eine witzige Geschichte von einem
taxifahrenden Rocker-Bezirkschef in seiner Gegend ... irgendwie muß so
einer ja auch sein eigentliches Gewerbe tarnen.
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