... fiel mir heute morgen nach ewigen Zeiten wieder ein.
Es war in der vierten Klasse und ich war als Klassensprecherin gewählt worden, mit klarer Mehrzahl der abgegebenen Stimmen.
Ich eignete mich gut für den Job und ging sehr locker damit um. Hatte keinerlei Berührungsängste mit Menschen, auch nicht mit Lehrern. Konnte mich gut ausdrücken und hatte seinerzeit noch einen Notendurchschnitt der Extraklasse - alles mühelos. Außerdem - ging nun der schönste Mann der Klasse regelmäßig mit mir den Kakao holen - vielleicht das Beste an der Sache.
Dann passierte es.
Unser aller Lieblings-Klassenlehrer hatte bald Geburtstag und es ging drum, was wir ihm wohl schenken wollten. Da die meisten von uns ihm herzlich verbunden waren, fand ich, das sei auch eine wichtige Angelegenheit, sich da mal ein paar krreative Gedanken drüber zu machen - im "Kollektiv". Alle waren zur Mitwirkung eingeladen. Kaum jemand aber - hatte Bock drauf, sich einzubringen. Zwei, drei gute Leute gab´s, die haben sich mit drum gekümmert. Und sind auch mit mir zusammen losgezogen.
Wir fanden etwas Formidables, mit Liebe ausgesucht. Was es war - erinnere ich nicht mehr - nur, daß wir sehr sorgfältig vorgingen.
Als es soweit war und der von uns geschätzte Mann das auspackte in der Klasse - hagelte es im Nachgang Kritik und Gemurre an unserer Geschenk-Auswahl. Und da dachte ich mir - und sagte es auch so - "Ihr könnt mich mal kreuzweise, ihr Luschen. Keiner hat sich eingebracht und/oder eingesetzt - nur ein paar Wenige - aber rummeckern könnt Ihr alle bestens".
Ich kündigte anschließend den Job und beschloß also schon im Alter von etwa zehn Jahren - meine gute Energie nicht mehr an lethargische Kotzbrocken zu verschwenden. Wer weiß, was ohne diesen Einschnitt noch alles hätte geschehen können ... aber so geht´s nicht: Erst den eigenen Hintern nicht hochkriegen - und später rummeckern.
Seither weiß ich - es macht nur Spaß, etwas zu tun, wenn die Anderen bzw. jeder in seinem eigenen Feuer steht - und sich einbringt. Habe noch ein paar Zusatzlektionen benötigt im Laufe der weiteren Jahre - um da recht konsequent vorzugehen. Bzw. - es zu lassen, wenn es nicht so ist.
War einige Jahre mit Freundinnen unterwegs, die sich nicht trauten, irgendwo als erste reinzugehen - in dunkle, unbekannte Schuppen und neue Gefilde zum Beispiel. Pubertierend standen wir manches Mal zu dritt vor einer neuen Türe - und sie warteten regelmäßig darauf, daß ich diese als erste öffnete. Was ich auch tat - aber für mich - nicht für sie. Und genervt über soviel Zögerlichkeit.
Mit etwa Dreißig war es wohl - daß ich beschloß, von nun an nur noch mein eigenes, mir gemäßes Tempo zu gehen - und nicht mehr auf Andere zu warten. Oder darauf, daß jemand mitgeht. Da kannst Du nämlich lange warten und drüber alt und grau werden - ohne auch nur einen Schritt zu tun.
Ich muß immer innerlich lachen - wenn mir jemand erzählt, irgendetwas würde "alleine keinen Spaß machen". Das Gegenteil hat sich für mich bewahrheitet. Und wenn Du alleine losgehst - lernst Du ja auch wieder neue Leute kennen.
So war es jedenfalls immer bei mir. Meine schönsten Radtouren beispielsweise - habe ich alleine gemacht - und immer nette Menschen am Wegesrand getroffen. Im Rudel - war´s auch schön - aber da kannst Du nicht Dein eigenes Tempo machen.
Erstaunlicherweise habe ich das nochmal von einem "Ex" gelernt - der ein Leben lang selbst in seinem Rudel eingebunden war - und mir dennoch immer wieder verbal offerierte (wie Vieles andere auch, was er selbst nicht lebte, hahaha ....), wie wichtig es sei, sein eigenes Tempo zu gehen.
Er selbst tat das zwar nicht - aber er wird mir immer unvergeßlich bleiben, weil er für mich nochmal eine Art "Eigentempoverstärker" war. Es war eine fürchterliche Beziehung - auch für die Außenstehenden - und dennoch hat der Typ mich nochmal ein gutes Stück weit in meinen ganz eigenen Rhythmus gebracht. Und dafür - kann ich ihm dankbar bleiben. Für seine lauten Sprüche - und die eigene Inkonsequenz - die mir aber im Nachgang eine äußerst wohltuende Wirkung beschert haben.
Ich blieb seither - in meinem eigenen Tempo. Habe den nie wieder gesehen oder getroffen in der Kolonie - was schon fast ein Wunder ist, so klein ist dieses Dorf - und Andere treffe ich immer mal wieder irgendwo. Und ehrlich gesagt - war das auch bestens so.
Dennoch - kam er in den Genuß - ohne es zu wissen - noch lange bei mir zu sein mit seinem Hinweis auf das eigene Tempo. Besonders auch - beim Trommeln. Ohne sein von ihm selbst nicht gelebtes "Eigen-Tempo-Mantra" - wäre ich wohl nicht so wunderbar stoisch gewesen.
Einmal gab er es unaufgefordert und für mich sehr überraschend zu - daß er selbst eigentlich immer den Arsch voll Angst hat - und sich gerade deswegen auch völlig sinnlos Schlägerein mit Anderen liefere. Weil er verbal nicht weiterkam ... und seinen Zorn - also seine nicht-verarbeiteten und verdauten Verletzungen, die jedes von uns erfährt auf eigenem Wege - nicht im Griff hatte. Einmal - hatte er meinen Hals im Griff und ich dachte - jetzt darf ich mich auf den Abschied vom Planeten vorbereiten ...die "Zeit" während dieser Begebenheit lief langsamer als sonst.
Für einen kurzen Moment der Erhellung bescheinigte er mir - daß ich eigentlich viel mutiger sei, als er - der um sich schlagen würde, wenn er nicht mehr weiter weiß. Und weil ich "einfach mein Ding machen würde".
Was auch immer das ist oder sein soll - sag´ ich jetzt mal. Schließlich - habe ich es ja "zu nichts gebracht" - außer, daß ich oft recht "fröhlich" bin und hier und da viel Spaß habe. Oder so: Daß ich gut drauf achte - nicht allzusehr zu verknöchern - im Geiste.
Die Freundin, mit der ich mich neulich nach langer Zeit wieder mal traf - eine, die wahrlich in ihrem eigenen Feuer steht! - meinte auf solche Feststellung meinerseits nur - daß sei ihr weit wertvoller, als solche, die es "zu etwas gebracht hätten" - weil´s lebendiger sei. Und immerhin säßen wir gerade nur deshalb so fein zusammen - weil alle Fehler und/oder vermeintlichen Versäumnisse uns genau in diesen schönen, gemeinsamen Moment gebracht hätten. Recht hat sie.
Wir sahen noch eine seltsame Ausnahmeerscheinung in diesem Straßencafé - eine sehr alte und total schick-gekleidete, gediegene Dame mit Charakter-Gesicht, unterm Hut, und vielleicht einem Kilo Geschmeide ... . Und verabredeten uns - ebenso dazusitzen dereinst in der Zukunft - um über´s Leben zu lachen.
Sowas - fällt mir also morgens mal eben im Bette wieder ein ... also, seit ich wieder gute Rückendeckung genieße.
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