... Bearbeitung des alten, oft gehörten Kindheitsmantras in diesem Winter. Die dritte Gelegenheit. Einmal habe ich ja schon beschlossen, wegen Schnee und Eis nicht zu fahren, im vergangenen Dezember. Vergangenen Montag stellte ich nach einer glimpflich überstandenen Erstfahrt am frühen Morgen nach blitzgefährlichem Blitzeis die Kiste für zwei Stunden stoisch am Rand ab, bis der Streudienst durch war. Heute - wieder eine Entscheidungsfindung - es schneit sich ein, wie vorhergesagt, und etwas in mir weigert sich, überhaupt loszufahren bzw. loszurutschen. Den lieben langen Tag auf zwei Tonnen Blech zu schliddern ist wahrlich kein Spaß. Und die wenigen Meter, die mensch bei diesen Straßenverhältnissen zurücklegt, bringen nicht viel ein, außer hoher Anspannung. Es wiederholt sich also etwas in diesem Winter - die Frage, ob ich bereit bin, auf mich selbst zu hören bzw. auf die sogenante innere Stimme, die mir klar mitteilt: Laß es sein - es lohnt sich nicht, für ein paar Euros derartigen Streß zu machen und den ganzen Tag alle Konzentration darauf zu verwenden, keinen Unfall zu bauen. Viele Fahrgäste haben übrigens die äußerst sensible Eigenschaft, bei solchen Gelegenheiten ihre eigenen Unfallerlebnisse zum Besten zu geben oder kräftig zu unken, wie gefährlich das doch sei, bei solchem Wetter zu fahren. Sie merken nicht, wem sie das gerade erzählen.
Es gilt also heute wieder, die alte zweite Stimme - das ist die des konditionierten schlechten Gewissens und des Pflichtbewußtseins - diese Stimme, die sich wiederholt in einem ewigen "Stell Dich nicht so an." zu entkräften und bei dem zu bleiben, was mir gerade etwas Anderes erzählt: "Stell Dich an. Und laß es." Dieser Job bringt auch so schon genügend "Härten" mit sich, auch, wenn die Straßen frei sind.
Wie beispielsweise die beiden völlig volltrunkenen Herren gestern am Abend, die von der einen zur nächsten Kneipe im Viertel wollten. Ansage war "Zur Annie". Antwort "Ja, gerne. Wenn Sie mir sagen, wo ich die finde?" Die üblich-unangemesse Anrede wie "Liebschen" und "Herzschen" ließ ich irgendwo fernab von meiner Person einfach verhallen und freute mich, daß die nur eine kurze Strecke mit mir zurücklegen wollten. Der eine reicht mir von hinten einen 20-er rüber, den ich gerne entgegennehme - die Fahrt selbst macht 3,65 Euro. Fein. Der Andere ranzt ihn an "Bess Do beklopp` - 20 Euro - wir fahren doch nur ein paar Meter?!" Ich meine - "Ach, das ist völlig in Ordnung so - nach einem anstrengenden Tag darf ich auch mal Glück haben." und stecke den Schein weg.
Auf der vorhergehenden Fahrt unterhalte ich mich mit dem kölschen Mann über eine Fernsehsendung, die ich mir ausnahmsweise anschaute - es ging eine Dreiviertelstunde um das Taxigewerbe nach dem Krieg und bis in die 70er, 80er Jahre. Zwei der dort zu Wort kommenden alten Hasen habe ich noch manchmal auf den Straßen angetroffen, bevor sie vor Kurzem in den Ruhestand gingen. Vollblut-Taxileute. Einer meint - viele würden erst mal als Aushilfe anfangen und dann hängenbleiben - es wäre eine Art Sucht und manch einer könne nicht mehr aufhören. Ich weiß, was er meint - nannte das früher immer "Haßliebe" - aber es gibt schönere Süchte und ich gehöre eh nicht zu diesen Völlig-Infizierten, die es zweifelsohne gibt. Besonders solche, die eine eigene Limousine haben - da ist die Versuchung groß, immer weiter zu fahren. Habe das ein paar Mal ebenfalls gemacht, wenn ich wußte, daß die Limousine keine Nachtbesetzung hat - und dabei fiel es mir jedes Mal besonders auf, in welchen Sog das ziehen kann.
Der Fahrgast fragt mich auch, was ich denn zu der Sache mit der Kollegin meine? Normalerweise hätte ich keine Ahnung gehabt, was er meint - aber die gute Wildgans sandte mir neulich einen Link zu der Geschichte: Eine junge Kollegin hatte Ärger mit einem Fahrgast, der sie angrapschte. Sie fuhr ihn - um eines sicher übel schmeckenden Pseudofriedens - nach Hause und ging danach zur Polizei, um den Vorfall zu melden. Wenig später traf sie nochmals auf den gleichen Typen und weigerte sich, ihn erneut zu fahren. Schickte ihm sogar noch einen anderen Kollegen. Und bekam daraufhin von ihrer Unternehmerin die Kündigung - der Typ hatte sich beschwert über sie, sie sei der "Beförderungspflicht" nicht nachgekommen. Die Unternehmerin begründet die Kündigung damit, daß die junge Frau, die bereits sieben Jahren unterwegs war, nicht hart genug sei für das Geschäft. Sowas müsse diese locker wegstecken. Wenn sie das nicht könne, wäre sie gefährdet in diesem Metier. Soso ... Was kann man dazu sagen? Da prallen Weltsichten aufeinander - und vielleicht ist die dieser Unternehmerin sogar in Teilen verständlich - jedenfalls ist ein kleiner Teil bitterer Wahrheit dran. Was eine gewisse Härte betrifft - was ganz sicher nicht bedeutet, daß frau sich angrapschen lassen müßte - im Gegenteil.
Dennoch - ist es ein dickes Ding und sicher völlig überzogen. Eine interne Unterhaltung miteinander im Sinne von konstruktivem Austausch über gewisse Potentialitäten - hätte ja hier völlig gereicht.
Ich sage dem Fahrgast noch: "Die Fahrerin hätte natürlich auch anders reagieren können, beispielsweise hätte sie direkt mitsamt dem Grapscher zur nächsten Polizei fahren können - aber von außen kann man sowas nicht beurteilen, da muß jeder von uns für sich die angemessene Reaktion finden, im Moment." Nein - ich sehe es nicht so, daß es "als Frau" gefährlicher sei. Ist jedenfalls nicht meine Wahrnehmung. Wie die oben erwähnte kurze Dokumentation mit alten Hasen verschiedenster Couleur ebenso zeigt, wie manche Gespräche mit männlichen Kollegen zur Thematik.
Ich selber fahre vor allem deshalb nicht nachts - weil ich mir dann ein noch dickeres Fell anschaffen müßte und überhaupt spätestens gegen drei Uhr morgens einschlafen würde. Seit ich mal einst für eine kurze Weile eine Kneipe hatte - quasi als krönenden Abschluß für ein jahrelanges Nachtleben - habe ich auch für mich beschlossen, daß ich mein weiteres Leben lieber am Tage leben möchte. Genau zu dieser Zeit - machte ich damals meinen Taxischein.
Vor allem aber hätte ich Bedenken, weil ich selbst recht aggressiv reagieren kann, wenn mir einer blöde kommt. Ich hätte also vermutlich allzu oft Streß mit den betrunkenen Vögeln. Bislang - ging es noch relativ glimpflich in den meisten Fällen, frau lernt dazu im Lauf der Jahre. Wenn einer aggressiv ist - dann ist er eben aggressiv - und dann will er es eben sein. Es gibt viele Facetten hier, auch subtile. Für mich ist das wichtigste, sowas nicht mehr persönlich zu nehmen - das ist schon die halbe Miete. Und meistens - denke ich über sowas erst gar nicht "nach" oder "vor" - es lohnt sich gar nicht.
Mit Angst - läßt sich der Job nicht machen, soviel ist klar. Und die einzige echte Angst, die ich habe - ist die vor Glatteis mit einer Kiste, mit der sich kaum und oft gar nicht mehr reagieren läßt. Mit der Du nicht mal die kleinste Steigung mehr nehmen kannst - wie neulich bei dem Blitzeis. Oder im Dezember bei kräftigem Schneefall, als ich während vier Ampelschaltungen auf der Stelle hängenblieb, weil nur noch das Heck irgendwo hin trudelte, aber keinerlei Vorwärtsbewegung mehr möglich war. Vielleicht lerne ich ja noch, auch das gelassen zu nehmen. An Tagen wie heute - fehlt mir jedoch jeglicher Ehrgeiz für solche Übung. Und die eigentliche Aufgabe stellt sich für mich anders, wie am Anfang beschruben.
Irgendwie - geht´s auch um ein "Versagen". Um ein Nicht-Durchhalten. Um ein Nicht-Funktionieren. Fühlt sich ungewohnt an - und unbequem.
Nicht funktioniert hat auch mein "Nachbarschafts-Pflichtgefühl" - irgendwer hat schon am frühen Morgen den Weg freigeschaufelt ... und ich bin mal wieder nicht freudig von oben dazugeeilt. Nicht-Funktionieren ist gar nicht so einfach.
2 Kommentare:
und ich wollte schon anfragen, ob Du den Artikel bekommen hast...Gut, es auf diesem Weg zu erfahren, schön eingepasst. Weiter so. Ich meine, in Deiner ganzen Art des Soseins....
Ja, habe ich bekommen - und sogar gelesen! Das heißt was - denn nach der Schicht interessieren mich weitere Taxi-Geschichten nur sehr selten. Diese war - interessant und abstrus. Und scheint sich ja sogar über das kleine Deggendorf (Bayern?) hinaus herumzusprechen. Auch ein schönes Symbol - für unseren Zahn der Zeit .... hätte Dir auch noch via Mail geantwortet - war nur bislang sehr kurz im Netz nach Feierabend. Sitze wieder öfter auf dem Trimmrad - statt an den Tasten - aus der Not eine Tugend machen oder so ... oder einfach Rückenschmerzen wegradeln.
Einen schönen Sonntag, Gruß, Sati
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