... die ich einst traf, als sie um die Ecke wollte. Sie war aus dem Krankenhaus abgehauen - und wollte nur mal kurz nach Hause und wieder zurück. Sie hielt es nicht aus den ganzen Tag im Krankenhaus - und entschwand immer mal wieder, auf eigene Faust. Schon das - machte sie mir sympathisch. Sie bat mich, sie am kommenden Sonntag bei sich abzuholen für eine längere Tour - und sagte mir dann fünf Minuten vorher ab. Ich fuhr zum nächsten Halteplatz und stellte mich in die Reihe - wo ich sie dann plötzlich doch erblickte, wie sie auf einer Mauer saß und ein Zigarillo rauchte. Sie hatte mich wohl auch wiedererkannt und kam zur Limousine, um zu fragen, ob wir jetzt doch fahren könnten. Ja - sicher.
Seither sind wir immer mal wieder zusammen unterwegs. Ich bringe sie zu ihrem schwerbehinderten Sohn, der auch einmal mitfuhr. Oft warte ich dort einfach eine kurze Weile - vor dem Wohnheim - und fahre sie dann wieder nach Hause zurück. Bis heute - blicke ich nicht durch. Sie ist sehr angeschlagen und konnte zeitweise nur noch mit einem Rollator gehen - kürzlich kam sie recht lebendig mit einer Krücke für den Notfall, es war wieder besser geworden. Manchmal erzählt sie wirre Geschichten - besonders von Arztbesuchen - und dann ist sie wieder ganz hell und klar.
Sie muß gebildet sein - und sie muß einst ein komplett anderes Leben gelebt haben. Sie hat Charme und Humor und eine sehr angenehme Art, zu kommunizieren. Wir reden - nicht wirklich viel, aber wenn, dann eher Essentielles. Und - wir machen aus unseren Touren - jeweils eine Art kleinen Urlaub - bzw. einen Ausflug. Meist scheint die Sonne für uns, wenn wir losfahren. Oder sie kommt während der Fahrt raus und lacht.
Einmal brachte ich ihr einen kleinen, feinen Karneol mit, den ich zuhause hatte. Gegen ihre Beschwerden - für ihre angeschlagenen Knochen. Das hat ihr eine derartige Freude bereitet, daß sie mir bis heute immer mal wieder davon erzählt, wie gut ihr dieser schöne Stein tut. Und wenn sie mal aufgeregt ist, nimmt sie diesen einfach in die Hand - und schon wird es besser. Immer, wenn sie von diesem Stein spricht, verfällt sie ins Duzen. Ansonsten sind wir per "Sie". Einen telefonischen Neujahrsgruß und beste Wünsche ihrerseits für mich - übermittelte mir mein Handy seltsamerweise erst zwei Wochen später. Ich reagierte nicht weiter im Außen, aber freute mich innerlich. Jetzt waren wir erstmals wieder unterwegs, nach gut einem Monat. Und ich hatte zuvor auch ein paar unangenehme Gefühle - die einzig darauf beruhen, daß ich mir keine "potentiellen Pflegefälle" via Limousine zulegen möchte. Was widerum Blödsinn ist - denn diese Frau meistert trotz aller Hürden ihr Leben sehr gut. Ich freute mich dann sehr, als ich sie wiedersah. Und sie sich wohl auch. Wieder - waren wir uns einig, daß wir einen guten Ausflug zusammen machen werden. Sie berichtete mir von einem Taxi-Kollegen, mit dem sie etwa ein Jahr lang gefahren sei - der hätte aber keinen Humor gehabt und immer gesagt "Arbeit ist Arbeit". Tja .... Arbeit ist es zwar schon - aber auch und manchmal besonders eine Einstellungssache. Mit der richtigen Einstellung kann zumindest diese Form der Arbeit - auch öfter in ein Vergnügen münden. Und in Begegnungen - die sich sonst so nicht ergeben hätten.
Als sie wiederkommt zur Limousine zum verabredeten Zeitpunkt - hat sie diese Krücke vergessen. Ich sage "Soll ich mal eben hochspringen?" - denn ich bin wahrlich besser auf den Beinen als sie. Ja - gerne. Oben im zweiten Stock dieses Wohnheimes für Schwerbehinderte - frage ich zwei sehr nette Pfleger, ob sie mir helfen können, die Krücke von Frau Soundso zu orten? Ihr Sohn und ein anderer Junge sind auch auf dem Flur. Der andere Junge - faßt mich sofort an, "befühlt" mich - und ich erinnere mich instantan an zwei königlich-reiche Wochen einst, bei denen ich als Betreuerin auf einer Fahrt mit Behinderten nach Holland ans Meer mitreiste. Selten zuvor hatte ich soviel seltsam-colorierte und unerwartete Freude - mit diesen "unschuldigen" und zutiefst im Moment befindlichen Menschen. Die kurze Berührung dieses Wesens - berührte mich also. Und ich freue mich über die echte Freundlichkeit der beiden Pfleger. Als ich erfolglos wieder rauskomme - hat meine Fahrgästin ihre Krücke bereits geortet - sie hatte sie im Parterre in einer Ecke vergessen.
Sie erzählt mir u.a. heute, daß ihre Schwester, ihr Ex-Mann und ein paar Bekannte sie unter Druck zu setzen versuchen würden. Ich frage, warum sie meine, daß diese das tun würden? Erstaunliche und klare Antwort: Damit sie sich als die besseren Menschen fühlen können. Ja - da hat sie wohl recht. So läuft es oft - unter Menschen. Und wir haben wieder mal zusammen etwas sehr Essentielles besprochen.
Zu meiner freudigen Verwunderung bemerkt sie heute - etwas über einen angenehmen Fahrstil, wie Fließen sei das gewesen. Fein. Zuvor hatte sie immer Angst gehabt und ich habe bei ihr daher drauf geachtet, nicht zu zügig zu fahren. Heute - haben wir wohl beide nicht einmal darüber nachgedacht.
1 Kommentar:
Taxiliteraturpreisverdächtig!
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