Freitag Morgen, zwanzig vor sieben, gehe ich frohen Mutes aus dem Haus und setze mich in mein Auto, um in die Kolonie zu fahren. Als ich gerade losfahren will, bemerke ich, daß mein Auto irgendwie sehr schief steht. Steige aus und gehe im Dunkeln auf die andere Seite, um festzustellen, daß ich mal wieder einen Platten habe. Verdammt! Ich muß doch endlich mal wieder Limousine fahren und ein paar Euro erwirtschaften - nach den beiden schon wegen Eis ausgefallenen Tagen.
Da ich keine Praxis im Reifenwechseln habe - und in solchen Situationen auch keine Nerven für Experimente - nehme ich das wiederholt geäußerte Hilfsangebot des Nachbarn an und klingel bei ihm - seine Frau öffnet mir und meint, nein - Reifen wechseln ginge nicht, wegen seinem Rücken. Ich entschuldige mich für die frühe Störung und rufe den ADAC. Wenig später klingelt es bei mir - der Nachbar ist´s und vermeldet "Sie haben ZWEI platte Reifen. Und ich auch." Mutwillig zerstochen, in die Seite, so daß nichts mehr repariert werden kann. Ich schlage vor, nun mal die Polizei zu rufen - denn es ist ja nicht das erste Mal. Zwei in die Vorderreifen gedrehte Schrauben vom Sommer - glücklicherweise bin ich damit nicht abgeschmiert - und jetzt das hier. Der engelsgeduldige ADAC-Helfer tauscht unbürokratisch beim Nachbarn, auf meinen Auftrag mit, der Ersatzreifen auf Felgen in seiner Garage hat, die beiden kaputten Räder - nachdem er die Einstichstellen geortet hat. Bei mir die gleichen Einstichstellen - aber ich habe keine Ersatzreifen und sitze nun erst mal fest. Später pumpt er diese auf und ich fahre vor ihm her in die Werkstatt - solange hält die Luft. Nein, meine Reifen seien nicht vorrätig beim Händer. Ich gehe also in der klirrenden Kälte - inzwischen ordentlich durchgefroren vom Warten und Organisieren seit zweieinhalb Stunden draußen - wieder nach Hause und telefoniere wegen verfügbaren Reifen. Lasse diese vom freundlichen Reifenhändler mittels Taxi zur Werkstatt bringen und die montieren sie mir. Alles in allem - 7 Stunden und zweihundert Euro, die ich nicht habe. Ich nutze diese Zeit für ein Mentaltraining - indem ich meinem Verstand jegliche unnötige Panik untersage und auch keine demotivierenden Gedanken zulasse, wie "Ach, das lohnt sich doch jetzt nicht mehr, noch in die Kolonie zu fahren." Um 14 Uhr fange ich also an mit meinem Job - statt um 7 am Morgen. Und diesmal - ist die Limousine sogar wie Balsam - weil sie mich ablenkt von dieser häßlichen, wiederwärtigen Geschichte mit dem hinterfotzigen und durchgeknallten Reifenschlitzer. Komme noch in einen glimpflichen Lauf - besser als erwartet.
Der bittere Geschmack bleibt - von nun an quasi jeden Morgen.
Die Polizei kam noch - und wir haben beide Strafanzeige erstattet - gegen "Unbekannt" natürlich. Ob einer von uns Feinde hätte? Nein - nicht daß ich wüßte, ist meine Antwort. Ich kenne die Leute hier ja nicht einmal, bin erst im Mai hierhin gezogen. Ob ich welche aus der Kolonie "mitgebracht" hätte? Nein. Der Nachbar hat auch keine ihm bekannten Feinde. Aber er hat da so einen Verdacht .... Auch sowas - hat einen bitteren Beigeschmack - ebenso, wie meine Gedanken zu dieser Angelegenheit. Einer im Hause blieb verschont - sein Auto stand in seiner Garage.
Tja - soweit - so übel. Da machst Du nicht viel. Bleibt die Hoffnung, daß der Übeltäter Wind davon bekommen hat, daß wir diesmal die Polizei gerufen haben - und das ihn das abschrecken wird in Zukunft. Ich werde nochmal auf der Wache vorbeifahren wegen einem Schriftstück - und fragen, ob ich nicht auch Anzeige erstatten kann wegen "versuchtem Totschlag" oder sowas .... das ist wirklich kein Witz.
An diesem Tag - lerne ich dennoch was - nämlich darüber, nicht aufzugeben - und stoisch zu tun, was gerade zu tun ist, um wieder an den Start zu kommen. Der Verstand will - auch berechtigt - lärmen, wie sinnlos und frustrierend das alles ist. Doch das hilft nicht weiter. Und es geht ja - immer weiter. Erinnere mich an den Spruch - "Aufstehen, Dreck abklopfen, weitergehen." - der hilft.
Eine andere, schale Erinnerung kommt auf - dieses Gefühl, kein Zuhause zu haben und nirgendwo "sicher" zu sein. Seit langer Zeit - fahre ich so gerne Limousine wie selten und genieße, was mir das Leben so schenkt. Übe mich darin - nicht mehr allzu viel an diese häßliche Begebenheit zu denken und bekomme von den Gästen soviel Trinkgeld wie selten. Erzähle die Geschichte niemandem, will sie nicht nähren. Hier - halte ich sie kurz in Lettern fest - für den Fall, daß ich mich nochmal erinnern müssen sollte - was ich nicht hoffe.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen