Dienstag, 1. April 2014

Vorannahmen und Warten auf Godot ......

"Gott sei Dank - müssen wir nicht mit Ihrem Kollegen fahren!" sagt die eine der beiden Frauen beim Einsteigen. Der Kollege ist eben weggefahren, hat einen Auftrag bekommen.
Es war der mit dem langen Rauschebart und den hübsch verzierten Käppchen. Einer, der durch reine Äußerlichkeiten vielen Leuten Futter liefert für ihre Vorurteile. Der manchmal von den Kollegen im Scherz "Taliban" genannt wird.
Jemand der tatsächlich sehr religiös orientiert ist - und ich kann seine Ansichten  dazu sicher nicht teilen. Dennoch ein feiner Kerl und in manchen grundsätzlichen  Fragen des Lebens sind wir uns schon einig. Ein angenehmer Zeitgenosse, der sich stets bemüht, freundlich und optimistisch zu sein. Jemand, der gerne Scherze macht. Einer dieser vielen Menschen, die ich in einem anderen Job erst gar nicht treffen würde.

Über eine solche Aussage kann ich daher nur den Kopf schütteln.
Oder so: Es ist wertvoll - immer mal wieder miteinander zu reden - statt seinen von außen eingeimpften Vorurteilen Glauben zu schenken. Sich selbst eine gewisse Neugier zu bewahren - wie Andere so ticken. Besonders die, die scheinbar so anders sind. Wie sonst sollte mensch herausfinden, was im Kern eher verbindet als trennt?

Und auch - daß die eigene Weltsicht und die von Anderen von unzähligen Glaubenssätzen vernebelt ist - die nicht einmal religiös sind.

Manchmal sage ich solchen Leuten auch sowas wie "Das - ist ein ganz feiner, sehr höflicher Kollege." Jetzt aber bin ich gerade maulfaul und habe keine Lust, etwas zu sagen. Nicht einmal - daß sie ohnehin mit niemandem fahren "müssen" - sondern freie Wahl haben am Halteplatz.

Mensch könnte ja so eine Taxifahrt auch als "kleines Abenteuer" sehen: "Ah, der sieht aber sehr fremd aus - mit dem fahre ich jetzt mal, ist sicher spannend, was das für einer ist."

Früher mal - hat mir so ein sinnfreier vorurteilsschwerer Spruch geradezu Schmerzen verursacht. Einmal gab´s kurzen Aufruhr am Halteplatz neben dem ehemaligen Hexentanzplatz der Kolonie: Eine Kölsche zeterte laut, mit dem "Schwarzen" wolle sie auf keinen Fall fahren. Ich war sofort dieser "Schwarze", als ich diesen Unsinn vernahm - und zutiefst gekränkt. Das ist glücklicherweise vorbei, also daß ich derart "mitfühle". 

Für meine einstigen eigenen Vorurteile habe ich selbst ein paar Jahre gebraucht. Heute kann ich drüber lachen. Hatte anfangs viele mitgebrachte Ressentiments gegenüber den muslimischen Kollegen. Ungeprüfte.
Ging von Vorannahmen aus - daß die von Haus nicht genügend Respekt hätten vor Frauen. Packte jede Konfrontation in diese Schublade und reagierte manches Mal völlig überzogen. Wollte denen mal so richtig Respekt beibringen!
Nach einer Weile bemerkte ich - daß ich völlig auf dem falschen Dampfer war - und die brachten mir was bei.
Zum Beispiel, daß man ruhig und respektvoll miteinander redet - oder gar nicht. Das man den Anderen ausreden läßt. Das es sich gar nicht lohnt, sich sinnfrei aufzuregen über Kinderkram.

Nur sehr selten treffe ich heute noch auf diese Typen - die mich "belehren" wollen auf recht überhebliche Weise. Also auch die Deutschen unter den unsympathischen Kollegen. Und meistens bleibe ich dann sehr ruhig. Kommt halt drauf an - wie die Ansprache und meine eigene Tagesform gerade zusammenkommen.
Neulich gönnte ich mir nochmal kurz, etwas ungehaltener zu werden - war einfach ein Blödmann aus dem Bilderbuch - der behauptete, ich hätte mich "falsch verhalten" - und ob ich neu sei? Tatsächlich hatte ich den einfach nicht gesehen beim Anfahren.
Allerdings habe ich gelernt, daß jede solcher unsinnigen "Konfrontationen" für nichts nur auf meine eigene Gesundheit schlagen. Und oft ist es einfach so, daß die ihren eigenen Frust gerne mal loswerden wollen - der sich in dem Gewerbe schon mal ansammeln kann. 
Nein - ich mache keinen Zwergenaufstand mehr für die paar Euros. Denke mir lieber: Das regelt sich eh.

Der Job an sich bringt schon genügend Unbilden mit sich - wie viel zu lange Arbeitszeiten, oft frustrierende Umsätze, sinnlose Staus, Lärm, Dreck ..... - da braucht es ganz sicher nicht noch Kindergarten-Streitereien untereinander.
Ich halte mich lieber an die vielen freundlichen Menschen unter  den taxifahrenden - die einen gesunden, stoischen Galgenhumor mitbringen.  Und eine gewisse Lebens-Gelassenheit. Mit denen es sich gut spaßen läßt - wie gut wir es doch haben. Wir haben manchmal viieeeel Zeit .... das schöne Wetter zu genießen.

Und auch, wenn das eine gewisse Selbstironie ist - es ist ja auch was dran. 

Alles - eine Frage der Betrachtung. Und manche Kollegen aus muselmanischen Kulturkreisen - betrachten das Leben erheblich gelassener als Andere. Kismet halt. Immer wieder der Spruch "Du mußt Geduld haben." Zum Piepen. Noch mehr Geduld? Ja. Warten eben .....
Zu einem, den ich neulich  erstmals traf, sage ich: Genau - warten. Auf den Tod.
Er nickt und sagt - genau so ist es.

Neulich bin ich mal wieder für einige Monde drauf reingefallen - auf meine eigene Ungeduld. Langsam kommt der Humor zurück - mit dem Frühling. Und ich genieße wieder öfter ein Schwätzchen mit Kollegen und -Innen an den Halteplätzen, in der Sonne .... und mit der Kundschaft. 

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