Dienstag, 10. September 2013

Bin ja eher seltener "privat" ...

.... im Job. Im "Normalbetrieb" - muß mensch ja auch nicht "privat" werden. Immer kurze, unverbindliche Begegnungen - mal mehr und mal weniger interessant. Manchmal für wenige Momente intensiv - oder einfach an der Oberfläche bleiben.

Aber neulich hat´s mich erwischt .... Ein älterer Mann kommt aus dem Haus, mein Verstand spult seine Vorurteile runter, die da lauten: Ach - der will bestimmt nicht weit. Will sicher nur um die Ecke - bischen was einkaufen. Etwas weiter geht es doch - er muß zu einer Bank. Also so eine, die mit virtuellem Geld täuscht.

Der Typ ist mir sofort sympathisch - und ich könnte nicht mal genau sagen - wieso. Oder doch? Eine Seele von Mensch einfach. Aufrichtig, ehrlich, gerade heraus. Dazu dieser Heimatklang - ene kölsche Jung halt.

Er müsse später nochmal ein Taxi haben - seine Frau muß zur Strahlentherapie in die Uniklinik. Ob ich wohl Lust hätte - sie beide abzuholen am Mittag? Ja sicher, gerne. Und ob es vielleicht möglich sei für mich - auf sie zu warten und sie wieder nach Hause zu bringen? Seine Frau sei immer völlig durch den Wind nach dieser Behandlung - und kaputt. Normalerweise würden sie immer mit einem Kollegen aus dem Stadtteil fahren, aber der sei gerade in Urlaub. Ach - nach der Beschreibung weiß ich, wen er meint - ja, das ist ein ganz feiner Kollege.
Und: Alles klar - ich komme nachher vorbei und bringe Sie dann auch wieder zurück.
Ob er sich auf mich verlassen könne?  Ich überdenke das kurz für mich selbst - manchmal bin ich da selbst nicht so sicher - aber antworte ihm dann: Ja! Können Sie. Ich werde da sein.

Während unserer ersten kurzen Fahrt - gibt er mir seine Visitenkarte - und ich erblicke drei Clowns darauf. Frage ihn - was er beruflich macht? Fragte mich - ob er vielleicht Puppenspieler oder Geschichtenerzähler ist? Maler ist er. Und sein liebstes Sujet - seien die Clowns gewesen.

Hole ihn und seine Frau später pünktlich ab. Irgendwas ist hier sehr vertraut - obwohl wir uns ja eigentlich fremd sind. Es menschelt sehr in der Limousine. Und ich mag beide - auf Anhieb. Die mich auch. Sie - hat gerade nur ein Auge offen, das andere ist verdeckt von einem herunterhägenden Lid - und dazu hat sie noch ein Pflaster über die Stirn hängen - und sie schämt sich ein wenig. Nein - sie sei nie eitel gewesen - aber dies hier - wäre ihr unangenehm. Ob es sehr schlimm aussähe?

Naja - sage ich - man sieht es eben. Und - ob sie wisse, daß man sich ohnehin immer nur in ein Auge schauen könne - und nie in beide? Nein - das wußte sie bisher nicht. Aber sie prüft es nach - und es stimmt. Eine sehr schöne Frau - wie der Mann auch. Schönheit ist eben relativ - und die beiden sind nun "über die siebzig schön". Und in ihren Seelen schön - von Haus aus.

Während ich an der Strahlenklinik auf die beiden warte - nutze ich die Zeit, um mal eine Toilette da drinnen aufzusuchen. Es ist das erste Mal, daß ich in dieses Gebäude hineingehe - und mich trifft fast der Schlag vor Kälte. Es ist der Keller des Uni-Klinkums, sehr weitläufig, sieht aus, wie eine riesige Tiefgarage - ne, ist eine - und die Bediensteten rauschen dort auf Fahrrädern herum. Frage eine nette Frau nach meinem Weg .... die Leute sind freundlich, das Gebäude und das Ambiente sind abschreckend. An den Wänden der niedrig-deckigen, weitläufigen, kalten Flure sind sarkastischerweise - "Skulpturen" bzw. Bilder von Sonne und Sonnerstrahlen zu finden. "Strahleninstitut" ....  ich gehe zügig auf die sanitären Anlagen und mache, daß ich wieder rauskomme aus diesem Keller-Irrgarten, der mir doch stark nach einem Atombunker anmutet. 

Die beiden Süßen kommen wieder - und sie sagt, recht geschafft: "Die behandeln einen wie ein Stück Vieh da drinnen."
Auf dem Rückweg - wie auf dem Hinweg - haben wir uns eine Menge zu erzählen.
Ich werde vom Maler in meine Kindheit zurückgebracht, indem wir uns über die einstigen, großen Zirkus-Clowns unterhalten.  Charly Rivel fällt mir ein - und er ergänzt "Grock - der Größte!

Wir verabreden uns für die kommende Woche - zweimal kann ich sie fahren. Ob ich einen Kollegen wüßte, der die anderen Tage übernehmen kann? Ich werde mich umhören. Und finde zügig den Besten - eine Seele - für die Seelen.

Am Wochenende ruft der Maler mich an - er hat sich mit der Uhrzeit vertan. Alles klar - kein Problem. Bis Montag dann .... Mir ist - als hätte mich ein mir lange vertrauter Mensch angerufen. Ich freue mich, seine Stimme zu hören - mit diesem typisch kölschen Gesang beim Sprechen.

Montags - läuft für mich alles wie am Schnürchen - und als ich die beiden abhole, freue ich mich sogar auf die Wartezeit in Kürze vor der Horror-Klinik - denn bisher bin ich tatsächlich mal - nach langer Zeit - durchgefahren von sechs Uhr an.

Freue mich - diese beiden Seelen wiederzutreffen - und sie begleiten zu dürfen zu einem recht schweren Gang.Wir lachen ein bischen zusammen - und zusammen Lachen tut bekanntlich gut. Als sie vorne neben mir eingestiegen  ist und er sich noch nach hinten sortiert - schaut sie mich mit ihrem einen offenen, schönen braunen Auge an und sagt: Ich bin total am Arsch - aber das muß er ja nicht wissen. Ich nicke ihr zu - und weiß sehr genau, wie gut er das bereits weiß.

Beide - bescheißen sich nach Kräften - aus Liebe.
Sie tut, was sie kann - um noch so zu tun, als sei sie "vital" - obwohl sie gut weiß, daß das Gift, was ihr noch zusätzlich zur schon vorhandenen Schwäche auf ihr System gestrahlt wird - sie eher umbringt, als wieder lebendig macht.
Er tut so - als sei in Kürze alles wieder völlig in bester Ordnung.
Und keiner von beiden hat auch nur eine Ahnung - wie es wirklich weitergeht.

Ich mache gerne den Clown - für die beiden. Weil ich sie sehr mag und mich sofort verliebt habe - in diese beiden. Was explizit selten ist - in solcher Intensität. Und ein Clown - einer, wie er früher mal lebte im Zirkus - hat immer beides: Ein lachendes und ein weinendes Auge.

Heute - bekomme ich ein Geschenk - eines, welches mir lieb und teuer ist: Einen Druck auf Postkarte von einem seiner von ihm gemalten Clowns. Ich freue mich - wie ein Kind - über diesen Clown, in perfekter Präzision. Es ist ein Druck von einem Ölbild - und dieser Clown - in wenigen, präzisen Pinselstrichen lebendig gemalt - lacht und weint zugleich.  Ob ich noch eine zweite möchte - zum Verschenken? Auf jeden Fall! Er hat nur sehr wenige .... aber beim nächsten Mal wird er mir noch ein anderes Motiv mitbringen.

Ich muß den ganzen Tag auf diesen Clown schauen - und jedesmal mindestens sehr breit grinsen, wenn nicht gar laut lachen - und weiß schon jetzt - daß der mich in der Limousine weiterbegleiten wird - ich werde ihn laminieren und jeden Tag gut sichtbar für alle in die Armaturen legen ....
bei mir zuhause - bekommt er einen stattlichen Rahmen.

Eine lange vergessene  Geschichte fällt mir nachts im Traum wieder ein: Mit zehn, elf Jahren habe ich mal einen Kostümpreis gewonnen - als Clown. Aber nicht, weil mein Kostüm so schön oder außergewöhnlich war - sondern weil ich auf Anhieb lachen konnte - so, daß alle mitlachen mußten. In dieser Nacht fällt es mir wieder ein - weil ich plötzlich dieses Lachen höre .... Du mußt immer - trotzdem lachen im Leben - dann geht´s auch wieder - weiter.

Heute - sind die beiden viel schneller wieder zurück, als ich erwartet hatte.
Er schlägt ihr vor -  doch noch ins Café zu gehen im "vorörtlichen Dorf" daheim?
Und - ob ich nicht mitkommen möchte auf einen Kaffee?
Ich überlege kurz - hatte bislang einen formidablen Lauf wie seit vielen Monden nicht mehr - und es besteht keine Annahme zu "Mangel" .... ja - warum nicht - gerne
Ich setze Euch dann ab - stelle die Limousine ab und komme zu Fuß wieder. Nein - ich soll die Limousinne lieber direkt abstellen - und wir gehen dann alle zu Fuß weiter zum Café. Ja - noch besser - wenn es denn für sie möglich ist?
Ja. Sie schafft das - sagt sie.

So - schlendere ich also mit zwei unverhofft-angetroffenen, großherzigen Seelen durch diesen meinen Lieblingsvorort der Kolonie - mal eine ganz andere Perpektive als sonst - in der ewig-gleichen Umgebung. Und lasse mich gerne auf einen Kaffee einladen - den ich ansonsten gar nicht trinke über Tag.

Ja - lieber Sternenbruder - da hattest Du was Goldenes gesagt einst mit Deinem Kommentar - daß die liebenden Männer den Frauen ihre Fürsorge zuteil werden lassen. Hier - haben wir sowas .... aber der Mann ist eh eine Seele von Mensch - zutraulich, gesellig und sogar "bescheiden" - was dasselbe ist - wie großherzig.

Wir spekulieren - daß er, der wieder an den Tresen gegangen ist, Kuchen kauft für den Nachmittag, damit sie wieder etwas Fett auf die Rippen bekoomt - aber tatsächlich - legt er mir eine Tüte mit "Proviant" für den weiteren Tag auf den Tisch.

Sie - wechselt permanent zwischen hellwach und vergessend.
Nach neuzeitlichen Begriffen würde das wohl Alsheimer oder Demenz heißen.
Sie erzählt ganz normal mit Dir - und dann fragt sie Dich wieder - zum -zigsten Male - ob Du den wiederkommst und ob sie Deine Telefonnnummer hat?
Wann der nächtse Termin ist - zu dem sie ohnehin nicht wirklich will und zu dem sie nur aus Liebe zu ihm geht.
Ob ich morgen wiederkomme?

Sie habe sich - sofort verliebt neulich - in meine Person. Und das - obwohl sie schon soviele Menschen getroffen habe - solche und solche - auch durch ihn und seine Malerei. Ja - ich kann das teilen - diese seltsame Angelegenheiten mit dem Sich-Verlieben. Ging mir ebenso. Übrigens - ist das "asexuell" - also einfach von Herz zu Herz, Seele zu Seele. Finde ich ganz wichtig - mal so anzumerken.
Also - daß ein Mensch sich einfach so verlieben kann. Einfach - so. In die gemeinsame Lebendigkeit, die gerade in diesem Augenblick vorhanden ist. Und nicht nur in seltsame, über-romantisierte Geschichten.

Manchmal - ist sie wieder hellwach. Wir reden über Paris - und ob ich Monet kennen würde?
Dann - wieder die gleichen Fragen: Wann muß ich denn da wieder hin? Und um wieviel Uhr? Und kommst Du denn wieder? Ich wiederhole einfach - die Antworten. Und ehrlich - welche Rolle spielt das?

Als sie kurz wieder hellwach ist - und er am Tresen der Bäckerei steht - verrät sie mir, daß sie Angst um ihn hat - weil er herzkrank sei. Und ich - fühle mich wieder wie ein Clown - der nicht weiß, ob er lacht oder weint.

Ein Maler des alten Schlages - der keine "Internet-Präsenz" hat - aber sie erzählen mir, daß viele, die seine Bilder gekauft haben, diese auch ins Netz gestellt haben. Ich sage: Morgen habe ich frei - und dann werde ich mal nach den Bildern im Netz schauen.  Sie fragt mich - ob das viel Arbeit machen würde - die vielleicht auszudrucken? Nein - gar keine.

Und freue mich - über ihre unverhoffte Anregung - werde mich mit einem Album aller gefunden Bilder revanchieren  und ihnen vielleicht eine Freude machen können damit. Nicht nur eine Freude - sondern auch eine willkommene Ablenkung von den vielen Wiederholungen .... in Form von nicht-beantwortbaren Fragen.

Wie oft muß ich denn da noch hin, Liebster - fragt sie ihn immer wieder. Und immer wieder - weiß er es auch nicht.
Und sie sagt - sie habe das Gefühl - das Zeug, was sie ihr da gäben - würde ihr nicht gut tun - und ihr Gehirn durcheinanderbringen.

Ist auch mein Gefühl. Und er sagt - was soll er auch sagen - in seiner Hoffnung - sein wir froh, daß es sowas überhaupt gibt.

Gerade - wenn diese schöne Frau mit Seele vielleicht schon eine "Demenz" mitgebracht hat -
ist es für mich sehr abstrus - zu sehen, was ihr da sonst noch alles zugemutet wird an purem Gift.
Sie spritzen und strahlen immer weiter - für Kohle ....
Die behandeln einen wie Vieh - sagte sie trefflich - siehe oben.
Aber ich nehme meine persönliche Meinung wie immer gerne zurück in solchen Fällen - denn meine Zweifel an solchen Giftstrahlen helfen hier sicher niemandem - der möglicherweise Hoffnung darauf setzt. 

Ich darf mich freuen - über diese Beiden - mit denen ich vor wenigen Tagen noch ganz sicher nicht gerechnet habe.

1 Kommentar:

wildgans hat gesagt…

über paris und clowns gibt es wahrlich viel zu reden- und im hintergrund die ganze welt samt wunderbarer menschen...danke für diese einblicke! du gehst so behutsam mit den menschengeschichten um....das mag ich sehr!