Gestern abend meldet sich der Bauch mit einem lauten, deutlichen Satz: Morgen - fährst Du nicht!
Ich wundere mich noch über so eine klare Ansage - denn noch geht´s mir relativ gut. Heute morgen ist das anders. Werde gar nicht wirklich wach - und dümpel in der Zwischenwelt herum, fiebrig-heiß.
Das "Bauchgehirn" hat´s schon vor dem Kopf gewußt.
Ok - bei mir ist es eine Erkältung und Übelkeit ... das geht vorüber und ist nichts Schwerwiegendes.
Vergangene Woche traf ich an einem Tag auf viele schwer Angeschlagene. Die - haben Anderes zu meistern.
Erst fuhr ich dieses bezaubernde Paar - zu ihrer "Strahlenthearpie". Zweiundzwanzigmal soll sie diese Prozedur mitmachen - Tumor im Kopf. Beide sind inzwischen schwer angeschlagen, erschöpft und mitgenommen. Er vergißt, wo er den Beutel gelassen hat - in dem alle wichtigen Unterlagen sind. Sucht ihn in der Limousine - wo er nicht ist. Ich gehe mit rein und sage - ich schaue mal mit. Und: Vielleicht hat ihn ja Deine Frau mit reingenommen? So ist es dann auch. Was für eine Aufregung - für einen herzkranken Mann.
Gehe erstmals mit in eine "Strahlenklinik". Im Wartebereich sitzen lauter "Verstrahlte" ... die Bude ist voll - die Geschäfte laufen bestens. Eine kleine, verschworene Gemeinschaft. Sie kennen sich schon - rufen ihm sofort entgegen, daß der Beutel wieder aufgetaucht ist. Und wünschen sich gegenseitig erleichtert ein schönes Wochenende - ohne Strahlenzeugs.
Auf der Rückfahrt schenke ich ihm sein "Bilderalbum" - und freue mich: Die Überraschung ist gelungen! Sie werden sicher einen schönen Nachmittag damit haben.
Wenig später hole ich einen noch sehr jungen, stattlichen Mann von einer anderen Strahlenklinik ab. Der ist eigentlich hochgewachsen und kräftig gebaut - aber jetzt hat er kaum Kräfte. Seine Gesichtsfarbe sieht nach schwerem Leberschaden aus - gelblich-grau und fahl. Seine Stimme ist fast weg und er hat Mühe, in die Limousine zu steigen.
Ich sage es - wie es ist: "Sie sind aber schwer angeschlagen gerade! Mein lieber Scholli ....." Betonung auf "gerade" - es muß ja nicht so bleiben! Ja - meint er krächzend - aber es ginge noch schlimmer. Ich meine: "Schlimmer geht immer - aber rückwärts nimmer - oder wie war der Spruch nochmal?" Nach seinem Akzent kommt er aus dem Osten ... und ein bischen Albernheit - tut hier gerade gut. Wundere mich - daß der überhaupt noch lachen kann in seiner momentanen Verfassung ....
Ich fahre ihn vor seine Haustür - verbotenerweise. Durch so ein Wohngebiet, wo keine Autos reingehören. Fahre über den Bürgersteig. Ist mir wurscht - ob das verboten oder erlaubt ist, denn offensichtlich schafft er es ja nicht alleine.
Als er zu Beginn der Fahrt neben mir sitzt - habe ich plötzlich so ein komisches Gefühl - der scheint mir derart verstrahlt zu sein mit Zeugs - daß er sogar abstrahlt. Jedenfalls fühle ich sowas - kann aber auch nur mein heutiger Eindruck sein - aus diesem großen, für die vorläufig Normalsterblichen im Verborgenen liegenden "Verstrahlungsversum" ... in dem soviele schwer Angeschlagene befindlich sind. Und in welchem soviel Geld generiert wird - wie sonst nur im Rüstungsbereich.
Am Abend kommt ein Mann angelaufen und fragt, ob ich frei wäre. Ja, sicher. Da vorne sei ein verletzter junger Mann - ob ich den ins Krankenhaus bringen könne? Ja - sicher. Der Mann steigt ein und wir fahren ein paar Meter weiter, um den Betreffenden abzuholen. Ein Obdachloser, keine Zwanzig .... er sitzt inmitten seines "Rudels" auf dem Boden. Hat versucht - eine Kokosnuß mit dem Messer zu öffnen und sich seine Hand dabei heftig verletzt. Kann zwei Finger nicht mehr bewegen und friert ....
Dieser Mann neben mir - kam zufällig gerade vorbei, als der junge Mann sich selbst schwer verletzt hatte und ist fest entschlossen - ihm zu helfen. Die Freunde des Verletzten haben ihm einen guten Verband angelegt. Und der ihm fremde Engel sagt jetzt zu ihm - das muß genäht werden! Und: "Du kannst schließlich nichts für unser beschissenes Gesundheitssystem". Der Verletzte ist natürlich nicht versichert.
Dann meint der Mann neben mir noch zu ihm: "Da hast Du aber Glück - daß ich einen Sohn in Deinem Alter habe. Und Du bist doch noch so jung - das muß genäht und verarztet werden - kann sein, daß Du Dir die Sehnen durchgeschnitten hast ...."
Ich meine - bloß keine Unkenrufe vorab! Und erkläre mal klugscheißerisch, zu reinen Unterhaltungszwecken - wie man eine Kokosnuß ordnungsgemäß öffnet - ohne Messer! Für´s nächste Mal ....
Finde das ganz fein von dem Fremden - wie er sich um einen ihm Fremden kümmert! Freue mich drüber. Und wundere mich manchmal - daß ich selbst solche Spielarten von spontaner Hilfeleistung in der große Stadt viel öfter erlebe - als ignorante Unterlassung.
Komischer Tag .... eine Ansammlung von Angeschlagenen. Und doch - soviele Lichblicke.
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