... am Samstag treffe ich eine Freundin. Sie schickte mir gestern eine kurze Mitteilung, daß sie am Samstag für einen Zwischenstop in der Kolonie ist. Sie ist "Stewardess" - was man ja nicht mehr sagt, wie ich diese Woche noch von Fahrgästen vernahm - das heißt jetzt "Flugbegleiterin" - oder immer noch "Saftschubse". Uahaha .... die Freundin kennt diesen sinnlosen Ausdruck bestens - und ich weiß sogar, wie die anglophile Fachbezeichnung für ihren leitenden Job sich nennt - sie ist nämlich "Chef-Saftschubse".
Bei meinem ersten Spontantrip einst nach Kuba lernte ich sie kennen.
Ich hatte es nicht länger ausgehalten mit der "Warterei" (ich wollte erst dorthin, wenn ich die Sprache der Rhythmen gut genug beherrsche ....), endlich dahin zu kommen - und hatte mich kurzerhand für zwei Wochen Touristen-Bunker in Varadero eingecheckt. Nicht mein eigentlich anvisiertes Ziel - aber der letzte und einzige Flug, der derart spontan zu bekommen war. Von jetzt auf hier!
Wie meistens auf Reisen - habe ich es sehr gut dort angetroffen. Ein kleines, feines, schnuckeliges Haus mit hübschen Zimmern und keine zehn Meter vom Strand entfernt - fernab vom großen Hotelbunker, wo es Essen gab - bei Bedarf. Mein Bedarf auf solche Abspeisung - hielt sich eh in Grenzen - ich wollte einfach nur endlich einen echten Batá-Meister finden. Ich fand ihn auch - am vorletzten Abend. Und verbrachte meinen letzten Tag mit ihm - habe den Mann nie vergessen und auch diesen angefüllten Tag nicht. Ich sprach ihn abends bei einer Musikveranstaltung für uns Touris an - ob er mir was beibringen könne. Er - war der Clanchef einer großen Familie im nächsten, echt kubanischen Ort. Varadero - ist ein künstlich geschaffener Ort am Meer - nur für Touristen. Kubaner dürfen nur ins Paradies - wenn sie dort arbeiten. Am Strand wurden sie fast immer sofort von der kubanischen Stasi kontrolliert und manchmal auch verscheucht.
Ich verabredete mich also für den nächsten Tag mit dem Meister - und wartete etwa zwei Stunden vergeblich auf ihn. Dann gab ich´s auf - und machte mich strandfertig. Als ich wieder runterkam, saß er unten mit der netten Reingungsfrau auf dem Sofa und sie betrieben diese gepflegte Art der Konversation, wie sie typisch ist. Hurra!
Wie geschruben - es war gar nicht einfach für ihn, nach Varadero zu gelangen. Aber er war gekommen.
Wir fuhren dann mit dem normalen, kubanischen Bus wieder raus - in die kleine Stadt nicht weit entfernt. Dorthin, wo das echte Kuba stattfindet. Er instruierte mich - doch bitte nicht zu sprechen im Bus. Und er würde den Arm um mich legen müssen, damit wir wie ein Liebespaar aussehen. Wenn er mit einer Touristin erwischt würde, würde er viel Ärger bekommen. Ich hatte schon davon gehört - und es ja auch schon am Strand gesehen, wie absurd es zugeht. Ich fuhr also mit diesem Meister los - und wußte irgendwie genau - das ist alles goldrichtig so.
In der kleinen Stadt angekommen - bewegten wir uns auf einem Eselskarren weiter und zu Fuß. Ich merkte, ich brauche hier Geduld. Erst mal zogen wir von Haus zu Haus - er stellte mir seine ganze Familie vor. Sehr ärmliche Behausungen - einfach nur ein "Dach überm Kopf", aus Beton gegossen, ohne Verputz, Fenster oder gar Tapeten. Und jeweils eine Menge Leute drin. Alle - sehr freundlich. Erwachsene und Kinder bunt durcheinander - in einer "Bleibe" spielten sie gerade Karten - das Kartenspiel war mit deutlich pornografischen Fotos bestückt - die auch die Kinder kannten. Wo es nichts gibt - bist Du froh, wenn Du wenigstens sowas hast.
Eine seiner vielen Töchter fragte mich, ob och ihr vielleicht ein paar Klamotten dalassen könnte. Ich war damals noch recht "unwissend" und meinte - nein, das täte mir leid, ich hätte nichts Gutes für sie und meine Sachen wolle sie wohl eher nicht haben. Wußte nicht - das ich mich da getäuscht hatte. Wollte ihr nur nicht meine "billigen Klamotten" dalassen. Beim nächsten Flug - wußte ich schon etwas mehr und brachte ein, zwei große Taschen mit neuen Klamotten mit - war mit diesem Meister in Santiago bei einem großen Musikfestival verabredet, wo ich ihn aber doch nicht traf. Verschenkte es anderweitig.Und hatte wieder was gelernt - hatte nämlich Strafzoll gezahlt am Flughafen - wegen reichlich Übergepäck. Hatte auch noch Sachen für jemand anderen mitgenommen - für den, der mir später ein "offizielles Empfehlungsschreiben" für meinen eigentlichen Trommelmeister mitgab ..... - und jedes Mal ein gutes Fahrrad - zum Dalassen.
Der Clanchef war bekannt wie ein bunter Hund in seiner Stadt. Immer wieder trafen wir jemanden, mit dem er bekannt war - und sie hielten ein kurzes Schwätzchen miteinander. Ein Trompeter meinte zu mir - da hast Du aber Glück. das ist ein phantastischer Musiker, den Du da getroffen hast. Später in Santiago de Cuba - erstand ich eine CD mit seiner Musik - bzw. der Musik, die er mit der Familie spielt.
Immer noch wartete ich auf meinen "Musikunterricht" - und immer noch wußte ich, daß hier viel Geduld angesagt ist - und das ich gerade noch ganz andere Dinge beigebracht bekomme. Dann - lud er mich erst mal zum Essen ein. In so ein "sozialistisches Restaurant" - "kubanische DDR-Atmosphäre" quasi. Leckeres, einfaches Essen. Da schrieb er noch kurz ein Lied für mich - und schenkte es mir. Danach - endlich Unterricht. Kinder steckten ihre kraushaarigen Köpfe mit tausend Zöpfchen durch die Tür - und kamen rein, um zur Musik zu tanzen. Der Meister bescheinigte mir - Du begreifst schnell und spielst ziemlich gut - "bastante bien" - da wird was draus. Hurra!
Übrigens - immer wieder erstaunlich für mich - ich sprach nicht wirklich Spanisch seinerzeit - bastelte mir auch viel aus ehemals gelerntem Latein und anderen Sprachen zusammen - aber die Verständigung war überhaupt kein Problem. Und nie lernst Du schneller - als einfach da zu sein, einzutauchen und schamlos Sätze zu basteln. Den Rest - bringen Dir die Menschen bei.
Am Abend - fuhren wir zurück und gingen zu einer Bembé - im einzig verbliebenen kubanischen Carree in Varadero. Das war nochmal - das Sahnehäubchen. Ein Fest für die Götter.
Den ganzen Tag lang hatte dieser Meister ein Bild unterm Arm mitgeschleppt - von Oshún, die Orisha der Liebe und Fülle. Am Abend - war es bei mir.
Irgendwann - gab ich dem Meister Geld - und fragte etwas beschämt - ob das so ok für ihn sei? Der jauchzte auf ... ich glaube, es war wirklich korrekt und ich war nicht geizig. Bis auf die blöde Nummer aus Unwissenheit - mit den Klamotten am Nachmittag bei seiner Tochter. Aber - ehrlich - so einen Ausflug kannst Du eh nie mit Geld vergelten.
Und so ein Tag - brennt sich für´s Leben in Dein Herz ein.
Viele andere Tage - aus Varadero - haben sich auch in mein Herz eingebrannt. War mit den Nachbarinnen aus meinem Quartier in Kontakt gekommen - drei Mädels aus München. Und bei der Hotelspeisung noch mt ein paar anderen Touris - auch zwei notdürftige Sextouristen - der eine wenigstens ehrlich, mit diesem habe ich noch lange telefoniert, als wir wieder zuhause waren - der andere hat sich selbst zu bescheißen versucht auf eine so absurde Weise, wie es mir nicht einmal im Traum einfallen könnte. Und ein älteres Ehepaar - er wäre glaube ich sehr gerne mit den beiden anderen Notdürftigen ausgeschert ....
Was für eine Mischung!
Den älteren Heilpraktiker aus Polen, der im Flieger neben mir saß und mir ein paar unvergessene Tips gab - traf ich auch nachts wieder in einer Bar - mit einer Schönheit im Arm.
Mit dem "ehrlich-Notdürftigen" war ich ein paar Mal unterwegs - wir tendierten beide nicht dazu, stundenlang sinnlos am Strand rumzuliegen - und begaben uns auf eine schöne Wanderung in ein Naturschutzgebiet - mit Führer. Very interesting - und ich habe erstaunlicherweise alles verstanden - und es dem "Kollegen" gerne bei Bedarf übersetzt. Der freundliche Naturführer fragte uns dann noch - wie lange wir schon so glücklich verheiratet wären?
Ein paar bildhübsche, testosterongeladene junge Kubaner - die sich zu mir an den Tisch setzten - ließ ich kurzerhand abblitzen. Ich stehe nicht auf Sex für Geld - und wir kamen in ein gutes Gespräch. Nachts alleine zu Fuß auf dem Heimweg - etwa zwei Kilometer noch - boten mir andere wunderschöne Jungmännergestalten eine Mitnahme auf ihren Fahrrädern an - die ich wieder abwinkte. Sie begleitenen mich per Pedes bis nach Hause - und wir hatten viel zu erzählen und zu lachen.
Mit den anderen "Touris" tat ich mich zusammen für ein paar Ausflüge - gen Havanna und gen einige andere Orte. Ich überzeugte sie - daß wir unbedingt Samstags zur "Noche de Rumba" nach Matanzas müssen - das sei einzigartig. Und das war es auch. Für jeden von uns - auf eigene Weise. Die Sex-Touristen waren für ein paar Stunden verschwunden ... am Fluß wurden sie von prallen Schönheiten angesprochen. Und ich wunderte mich ein wenig - über viele junge Leute am Fluß, auf der Mauer - die sich sehr unverhohlen an Stellen massierten, die sonst eher verkleidet bleiben.
Ich unterhielt mich über den Nachmittag ein paar Stunden lang mit einem taubstummen jungen Mann - den ich auch nie wieder vergessen habe. Siehe oben - unter "Sprachen lernen" ... Der brachte uns Minze aus seinem Garten - und erläuterte, daß man sich diese hinters Ohr stecken soll - das macht einen wachen Geist.
Während dieser zwei erstaunlichen Wochen - lernte ich eine ganz besondere Frau kennen. Eine der drei Münchnerinnen, die nicht ganz einfach waren und ständig miteinander in sinnlosem Clinch lagen. Zwei von den dreien - hatte ich aber sofort ins Herz geschlossen. Die dritte war mir wirklich zu kompliziert und schon fast wieder interessant - vor lauter snnfreier Zickerei.
Eine - treffe ich am Samstag wieder. Merkurianerin - wie ich - aber aus der Abteilung "Jungfrau". Quicklebendig und sehr klug. Unerschütterlich. Viele Sprachen sprechend. Ein "menschenverbindender Mensch". Meine Sprachvariationen - waren seinerzeit etwas anders gelagert als die ihren - am meisten hat sie wohl fasziniert, daß ich da ab und an mal bei diversen Gelegenheiten mit den Touristen-Bands musiziert habe - ist ja auch eine Sprache. Und der Tag in Matanzas - diese Begegnung mit dem Taubstunmen - von denen es erstaunlich viel auf der Insel zu geben scheint, ich traf noch mehr später, immer in reger Unterhaltung.
Sie - hat diese zwei Wochen auch nie vergessen - sie haben sich bei ihr ebenfalls ins Herz eingebrannt, wenn auch ganz anders. Mehr - wegen einer überraschenden Begegnung mit einem bildschönen Kubaner - wie gemalt, der Mann - aber vor allem so klug wie sie selbst. Eine traumhafte Kombination - wäre sie nicht schon mit einem anderen, wunderbaren Mann verheiratet. Aus wieder anderem Kulturkreis - einem, wo ebenfalls viel Geduld vorhanden ist, aber wieder auf andere Art.
Komisch manchmal, das Leben. Wir sehen und sprechen uns - vielleicht alle zwei Jahre mal. Aber das hat überhaupt keine Relevanz. Es geht eben - um Frequenzen. Und nicht um Häufigkeit der Frequentierung.
Ich freue mich auf sie .... und sie sich auf mich.
Solche Verbindung - erinnert mich daran - wie unwichtig "Zeit" ist. Bei einem kurzen Telefonat heute zwecks Uhrzeit- und Treffpunkt-Vereinbarung - schien mir gar keine Zeit vergangen ....
2 Kommentare:
Wieder so ein Roman.......
Was für ein Potential...
Zeit ist unwichtig, so Lebenssachen, die SIND....
So Lebenssachen ... habe ich heute mit dieser Ausnahmeerscheinung "besprochen".
Und das tut gut - diese Gelassenheit - des Reifens.
Alles - zur rechten Zeit.
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