Dienstag, 4. Juni 2013

Die Jungfrau in feinstem Tuche ...

... an meiner Zieladresse erscheint eine alte Dame - in allerfeinstem Tuche und in Tracht. Ich nehme ihr den großen Koffer ab - und bemerke sofort - Sie sind aber schick angezogen! Komisch - meint diese - das würde sie öfter hören. Nun - erwidere ich - daß, was sie da tragen - ist ja schließlich auch keine Allerweltskluft - sondern wirklich feiner Stoff, der viele Jahrzehnte überdauert. Ja - da hätte ich wohl recht. Dieser Stoff - habe schon viele Jahrzehnte überdauert - und sei quasi wie neu. Sie trägt - eine Lodentracht mit weitem Rock und an diesem findet sich Geschmeide in Nabelhöhe.  Wäre sie nicht offenkundig ein "kölsches Mädchen" - das darf man nur hier so sagen! - ich hätte sie natürlich gen Süden angedacht.
Diese quicklebendige Dame - ist 89 Jahre alt. Und hellwach. Funkelnde, blaue Augen. Und gut zu Fuß - selbst per pedes - kein Rollator weit und breit. Ok - neulich mal - hat sie dann doch gerne die Unterstützung von einem Gehstock genutzt - auch sie lasse schließlich irgendwann nach. Und es war ihr kurz so schwindelig.
Jetzt - fährt sie in Urlaub bzw. geht auf Reisen - es geht nach Tirol - und besser kann mensch sich nicht kleiden zu diesem Zwecke. Sie wird vermutlich - zunächst einmal - allerorten als "Alteingesessene" durchegehen - bevor sie dann ihren Mund aufmachen wird - dieser bleibt nun einmal - Kölsch. Wie das Temperament.

Ich bekomme eine Geschichte erzählt - die mir sehr gut gefällt. Neulich noch hat sie in der Straßenbahn jemanden "zuammengefaltet" - der ihr - mensch höre und staune! - zu nahe kam und sie angefaßt hat. Übergriffig wurde. Und zwar - an Stellen, die sie nicht näher benennen möchte. Ich - wundere mich mal wieder - über solche Geschichten - die ich nicht zum ersten Mal höre. Aber heute - erstmals - von einer 89-jährigen.

Sie hat also - auf die Übergriffig- und Unverschämtheit hin  - den Waggon zusammengebrüllt. Ist sehr laut geworden - und erzählt mir, welche Sprüche sie abgelassen hat. Die anderen Leute - besonders die Jugendlichen - hätten sich gut amüsiert und ihr ihren Zuspruch gezollt.
Ich freue mich - und sage ihr - genauso - soll es sein.  Es gibt leider - viel zu viele alte Leute - die den Kopf einziehen und ihr Maul halten. Sich lieber verstecken. Freue mich - über ihre Chuzpe!
Ein Polizist hätte ihr einst angeraten: Werden Sie laut, sehr laut! Und sie - hält sich dran.

Eine ehemalige Oberstudienrätin. Wir sprechen - über ihren Jahrgang - 1924 - und über die - wie ich es nenne "gestohlene Jugend". Ja - sie weiß gut, was ich meine. Ich bezog mich - auf meine einstigen Eltern - Jahrgänge 1921 und 1927. Hat eine Weile gedauert - bis ich es begriffen hatte - diese Sache mit der "gestohlenen Jugend".

Was ihr feines Stöffchen betrifft- so läßt sie mich noch zügig wissen, daß sie sogar den Kleiderschrank ihrer Mutter aufträgt - alles sehr gute Sachen, die immer noch wie neu aussehen. Mir wird leicht übel - wenn ich nur dran denke.... und so sage ich nur: "Um Jottes willlen .... ävver doch nisch äänsthaff´ die Klamotten von dr Mutter?!" Doch doch - ernstlich.´Käme mir - rein energetisch - so nicht in mein Leben.

Ob ich verheiratet sei und  Kinder habe? Nein. Aber Sie waren doch sicher verheiratet? Nein - war sie nie. Oh - meine ich - schon wieder eine seltene Eigenschaft in ihrer Generation. Sie sei - eine von den elftausend Jungfrauen (Kölner Stadtwappen-Geschichte ...). Naja - sage ich vergnüglich - das mit der Jungfrau - nehme ich Ihnen jetzt nicht ab.
Doch - das könne ich aber durchaus. ???? Wie ???? Sie haben - nie einen Mann an sich rangelassen, sich mit einem vergnügt? Nein - hat sie nicht. Ob ich mir vorstellen könne - wie es seinerzeit war - von 21 Klassenkamerden seien später nur sieben wiedergekommen.
Eigentlich - kann ich mir das sehr gut vorstellen - sage es ihr aber nicht. Höre lieber zu - was sie zu berichten hat. Gleichzeitig - fallen mir meine einstigen Eltern ein - und mein Vater - der mit achtzehn Jahren scheinbar bereit war - indoktriniert - sich verheizen zu lassen- und er ist ja schließlich auch "zurückgekommen" - trotz geraubter Jugend. Aber jeder und jede - nach der eigenen Facón. Zumal - in Köln.

Sie habe nichts vermißt. Und sie habe - sehr viele Kinder um sich gehabt - als ehemalige Oberstudienrätin. Ob sie ihren Kindern - denn wenigstens viel über diese Zeiten berichtet hätte? Oh ja, das hat sie. Und sie - tut es heute noch. Ein selten wacher, heller Geist ist sie. Und - sie fährt auch noch Auto.

Die - vielleicht - erste echte Jungfrau -  die ich jemals im Leben traf. Also - neben meiner ehemaligen "Tante Trude" - ein Drachen vorm Herrn - von der ich aber gar nicht wirklich weiß - ob sie´s nicht doch mal heimlich getan hat? Wer weiß das schon ....  Ihre Sehnsüchte - werden sie jedenfalls alle gehabt haben. 

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