Sonntag, 12. Februar 2012

Sie haben gelauscht ...

... schön wäre es! Das Gegenteil ist der Fall: Ich arbeite daran, wie ich möglichst nicht zwangsläufig mitbekomme, was die Leute so im Innenraum der Limousine alles Intimes erzählen. In meiner Basisstation arbeite ich inzwischen ggf. mit ehemals verhassten Ohrstöpseln, das ist ein Segen, wenn ich noch ein wenig weiterschlafen will, aber keine praktikable Lösung beim Lenken auf den Strassen..
Heute umsatztechnisch glimpflich ausgekommen - nur 7 Fahrten am ganzen Tag. Kaum jemand freiwillig unterwegs bei der Kälte - nicht mal Karnevalisten. Die klappten heute erst am frühen Abend in Scharen aus. Immerhin eine gute Tour zum Stadion erwischt - der Kölner FussClub spielt wieder am Ball. Die Spieler auf beheiztem Rasen! - die Zuschauer machen sich irgendwie anders warm.
Auf die erste Fahrt warte ich etwa 99 Minuten ... kurz bevor der Zähler auf zwei Pünktchen = ".." springt, das erwartete Signal. Adresse und Namen kenne ich, mein Elefantenhirn meldet mir "Da hast Du schon mal sehr lange vor der Tür warten müssen, bis auch die Frau von dem Mann endlich kam". Das kann locker 3 oder 4 Jahre her sein, aber es ist alles im Speicher ... Heute geht es schneller und der Mann kommt alleine, mit einer Morgenflasche Bier. Setzt sich schräg hinter mich und fragt höflich, ob er denn sein Bier trinken dürfe in meinem Auto. Ja, sage ich, kein Problem, wenn sie meine Sitze verschonen.  Während der Fahrt erfahre ich viel über sein Leben, was ich nicht nachgefragt habe. Eine gute Seele, aber ziemlich ausgelaugt schon in relativ jungen Jahren. Er trinke, seitdem er keine Arbeit mehr habe. Das Zuhausesitzen hält er nicht aus. Die Ehe sei auch daran kaputt gegangen, meint er. Ob ich seine Frau kennen würde, so eine kleine, zierliche .... Ich lache - und sage "Keine Ahnung. Im Laufe der Jahre kommen so einige Leute zusammen, die ich mal gefahren habe". Er fragt mich dies und das zum Taxifahren - wollte selbst mal den Schein gemacht haben, aber ein taxifahrender Kumpel habe ihm abgeraten.  Ich denke "Scheint ein guter Kumpel zu sein."  Sage ihm, ich wäre auch mit einem guten Hobby und reichlich Geld zufrieden - Arbeit bräuchte ich nicht unbedingt. Ja, früher hat er sehr viel Sport gemacht, aber dann kam eine Verletzung .... und so geht es eine ganze Weile - aber, aber, aber. Wie gesagt - eigentlich eine gute Seele, aber ... ziemlich perpektivlos. Kommt mir ab und zu bekannt vor. Und ich denke an einige Millionen weiterer derzeit "Perspektivloser".
Aber ... Ävver, mir sin ja in Kölle un da sare m´r immer: Loß d´r Kopp nit hänge. Et weed alles widder jot.
Später fahre ich einen Rentner, der ist ebenfalls Vieltrinker, ich sehe es an den geplatzten Äderchen im Gesicht und der schon etwas knollenartigen, großporig-roten Nase. Ävver fründlisch. Gute Tour für mich - einmal hin- und zurück, will nur einen Brief einwerfen bei einer gut auffindbaren Adresse, den die Post ihm als "Unzustellbar" zurückgeschickt hat - und die auch ein Briefträger-Frischling leicht hätte finden können. Nicht, was er erzählt, faszininert mich, sondern wie er erzählt. Denn er muß mir mal was erzählen .... Ich finde es oft viel spannender, diesen Eigenarten der Menschen zu lauschen, Gestik und Mimik zu erfassen - dieser hier spricht sehr langsam und bedächtig - holt jedesmal vorher aus - und habe immer noch hier und da meinen Spaß daran. Die Geschichten sind meist zweitrangig. 
Bekomme wieder eine gute Fahrt, zum Flughafen. Ein Mann und eine Frau, Nachbarn, gehen zusammen auf Geschäftsreise und unterhalten sich im Fond über ihre Wochenenden. Sie hatte ein schönes - und er eines von der Sorte "Naja." Ich sage es nochmal - ich lausche nicht, im Gegenteil. Wäre froh, eine für mich praktikable Methode zum Verschließen gegen Geräuschüberflutung zu finden! Jedes Wort - unüberhörbar, und ich habe einfach gute Ohren. So ein "geschützter Limousinen-Innenraum" ist oftmals privater als jedes Wohnzimmer.
Seine Tochter habe ein Zeugnis bekommen und hat versucht, es wegzubunkern. Ihm erzählt sie, sie habe es bei der Mutter gelassen, von der er getrennt lebt. Die Mutter weiß davon am Telefon nichts. Das Kind hat also gelogen. Darum ginge es - das sei das Problem. Wie die Mutter, die Bulimie hat und ebenfalls Dinge zu vertuschen sucht. Dann hat er das Zeugnis doch zu sehen bekommen - und das Kind habe zwar in Fächern wie Sport, Kunst, Musik, Religion lauter Einser und Zweier - aber in den Hauptfächern nur Dreier und Vierer. Ich halte meine Zunge im  Zaum - habe keine Ambitionen, mich einzumischen - und denke bei mir, was für ein Scheiß! Offenbar ist es ein musisch veranlagtes Wesen, und genau das könnte mensch unterstützen. Aber nein, sie wollen Konformisten. Jetzt soll das Kind einen "Coach" bekommen - natürlich sei das auch Nachhilfe, aber Nachhilfe wolle sie nicht und auf keinen Fall zusammen mit anderen Kindern, weil sie Angst habe, deshalb ihre Freunde zu verlieren. Meines Erachtens sollen die Eltern sich mal coachen lassen. Daß ein (musisch veranlagtes) Trennungskind Angst haben kann vor weiteren, menschlichen Verlusten bzw. "Liebes-Einbussen" - ist doch nicht so schwer nachzuvollziehen.
Am Nachmittag also raus zum Stadion, über einen willkommenen Umweg, der junge Mann setzt zuvor noch eine Kommilitonin an der Uni ab. Anschließend fragt er mich, wie ich denn als Frau auf die Idee gekommen sei, Taxi zu fahren? Vor meinem geistigen Auge erscheint ein gemaltes "HÄ???" - doch er meint die Frage genauso. Und ich sei die erste Dame, mit der er im Taxi fahre. Was kann ich hier antworten? Als Frau, haha. Erst mal flapsig. Na, sage ich, Autofahren kann ich ja nun schon seit gut dreißig Jahren, unfallfrei. Jaja - das wäre ihm wohl klar. Ergänze flapsig, daß ich als Frau ja schließlich auch meine männlichen Anteile ausleben müsse. Jetzt lacht er ein wenig irritiert. Worauf er hinaus will, ist die Gefahr. Die pöse pöse Gefahr. Ich erkläre ihm, daß im Grunde das ganze Leben gefährlich sein kann - oder eben auch nicht. Diesmal ernsthaft. Was wäre denn das für ein Leben, wenn mensch sich ständig um irgendwelche potentiellen Gefahren Gedanken machte? Erzähle ihm von den über 70-jährigen, die gerne lamentieren, wie gefährlich doch alles geworden sei - und wenn ich sie frage, wie oft sie schon überfallen und beraubt worden sind im Leben ..... Hier bitte eine persönliche Antwort memorieren, danke. Im  zähflüssigen Verkehr nahe des Stadions unterhalten wir uns über die heute verstorbene Pop-Ikone Whitney Houston. (Wegen diesem Song "Step by step, brick by brick, day by day - go your own way" habe ich mir überhaupt mal eine CD von ihr gekauft). Er findet das schade, bei so einer Stimme. Ich stelle nur fest - daß es ihr vermutlich jetzt ganz gut geht. Und in dem Business braucht es vermutlich viel Charakter, um sich nicht fressen zu lassen. Wer zuviel gegensteuert - ist weg vom Fenster. Aber .... mit der Stimme hätte sie ja noch ganz andere Sachen vollbringen können - allerdings nur mit einem Charakter, der stark genug ist, auf einen 100-Millionen-Dollar-Vertrag zu verzichten. Wir unterhalten uns noch über eine ihre Jugend konservierende Madonna und über viele andere jung verstorbene Musik-Industrie-Ikonen, neulich die stimmgewaltige ... ja, wie hieß die denn noch? So geht´s. Amy Winehouse natürlich, mit 27. ,  Unplugged - ohne kurzes Röckchen und Arschgewippe, was sie nicht nötig hatte bei der Stimme!  Und mir fällt Tina Turner ein - über die hat niemand zu lachen gewagt, obwohl sie mit über 60 im Miniröckchen daher kam. Einfach, weil sie den Hintern voll Feuer hat - und keine Kunstfigur darstellte. Ergänze noch bezüglich bissiger Journalisten-Bemerkungen über eine "sich geriatrisch-bewegende Madonna": "Welche Frau will denn bitte einen geriatrischen Mick Jagger sehen?!!"
Jetzt - fahre ich mal zum Abstellplatz ... es sei denn ... und da sind sie schon, die Winkenden. Gut. Zwei befrackte Herren von der Karnevalssitzung, schön angeschickert. Sitzen beide hinten, das ist schon mal gut. Haha - hähä - Immis, Besucher aus dem Schwabenland, im Karneval gestrandet. Sie lachen sich einen über die Ereignisse während der Sitzung und die Kollegen ab. Reden viel über die Nummer Acht, muß ein schönes "Nummerngirl" gewesen sein ... anderer Planet. Und wo gehen wir jetzt noch hin, fragt der eine den anderen. "Ins Pascha!" (Kölner Haupt-Puff) lachen sie sich eins. Ich freue mich schon auf meine freie Zeit über Karneval. Von hinten kommt eine Ansprache "Sagen Sie mal .... wo kann man denn am Sonntagnachtmittag um Viertel nach Fünf noch so hingehen in Köln?"
Ich sage "Ins Pascha!" Hrrmmppffhhh ..... (die wären sicher ein leichter Job für die Damen gewesen). Nein nein nein, das wäre ja nur ein Spass gewesen. Ja, erwidere ich, das sagen sie dann alle. "Sie haben gelauscht!" Siehe oben. Ich empfehle ihnen also die kölschen Brauhäuser und/oder die Altstadt. Das Trinkgeld ist nicht schwäbisch. Vielleicht waren die tatsächlich noch nie im Puff - ich würde es ihnen fast zutrauen, daß sie zu dieser Randgruppe zählen.  Es ist Karnevalszeit und der Bär tanzt gerade überall. Die Stadt ist schon im kollektiven Rausch vernebelt.
Hier noch ein Karnevalsslied von Jupp Schmitz - weltberühmt und topaktuell.- aus 1949: "Wer soll das bezahlen - wer hat das bestellt - wer hat soviel Pinkepinke - wer hat soviel Geld?" 
Und jetzt noch die gute Nachricht zum Thema Pinkepinke: Der unüberhörbare Frühlingsgesang der Vögel - ist für alle frei!

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