Montag, 13. September 2010

Lesarten-Wechsel

Als ich vor vielen Jahren per Zu-Fall auf dem sogenannten "spirituellen Weg" (was immer das sein soll) landete und dachte "DAS ist es jetzt - für immer" - wollte ich ein besserer Mensch werden und mich läutern sowie schnellstmöglich Erleuchtung erfahren - am besten für immer erlangen und auf diese Weise dem Leben mit seinen Unbilden und Wechselfällen entkommen.
Gelesen habe ich viel buddhistische Sekundärliteratur und nach einer kurzen Weile die "Originaltexte" - die ja auch keine sind, ebensowenig wie eine Bibel oder ein Koran oder eine Bhagavad-Gita oder ..... Dachte, das geht alles ratzfatz, wenn ich nur bemüht genug bin und enthusiastisch, was ich ja auch für einige Jahre war. Im richtigen Leben dämmerte mir aber, daß die Menschen, die ich traf und die so wissend, heilig und wichtig taten, im Grunde auch nur Blender sind, wie wir alle. Ja, sogar mehr: Teilweise ist es eine echte Nische für notorische Klugscheisser und aufgeblasene Egozentriker - die aber so tun, als seien sie gerade das nicht. Hehre Begriffe wie "Ego-Überwindung" und "Achtsamkeit" sind für mich seither ein rotes Tuch.

Nach dieser "Phase 1"  - habe ich also gespürt, daß ich kein besserer Mensch geworden bin - und auch nicht mehr werden will. Wollte lieber zurück ins weltliche Treiben und meine "spirituelle Selbst-Schulung" mit den ganz "normalen Menschen" im echten "Alltag" fortsetzen. Setzt mich das Leben auch prompt auf´s Taxi und also mitten auf die Strasse. Traf gleichzeitig - wieder ein Zu-Fall - auf Samarpan, dessen zeremonielles Satsang-Brimborium mir zwar überhaupt nicht liegt, gar zutiefst widerstrebte - doch was er sagt, teile ich meistens von Herzen, besonders seine Radikalität. Das Brimborium mit der Musik habe ich überlebt, indem ich irgendwann selbst mitgespielt habe ... das hat mir die Wartezeit vor dem Satsang verkürzt, weil ich etwas zu tun hatte, und ich habe auch mal was Sanftes gespielt - war für eine Weile ok. Mantren singen ist nicht verkehrt, weil es entspannt und das Nervensystem beruhigt, ja, fast "von Schlacken bereinigt". Führt aber nicht zur Erleuchtung - würde ich sagen ... Da führt eh nichts hin - die gibt es nämlich so gar nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer. Daher - strebe sie auch schon sehr lange nicht mehr an und finde das befreiend. Dafür war der Trip gut.
Nun habe ich also in "Phase 2" Satsang-Literatur gelesen, teils sehr widersprüchliche, und dieses ganze "Wunschzeugs", schnelle Manifestierung von dem, was ich will etc. blabla .... ein bischen was mit Engeln hier und da, Tröstliches eben. Ab und zu ein bischen Balsam, die Illusion, dem normalen Leben doch noch irgendwie entfliehen zu können über Paralleluniversen .... eine Reise durch die Esoterik-Abteilung von großen Buchhandlungen sozusagen.
Fazit: Auch alles nicht wahr. Oder: Kommt drauf an, was Mensch glaubt und sich so als Wahrnehmung zurechtschustert. Natürlich kann ich alles sehen, was ich gerne sehen will ... aber ist es dann auch wirklich da? Oder ist es nur da, weil ich es wahrnehme(n will)? Und besonders: Wozu will ich das denn überhaupt wahrnehmen? Usw. ...
Zur gleichen Zeit habe ich mich mit diversen gesundheitlichen Theorien befasst, z.B. Ernährungsmodelle und -philosophien. Bin mit JinShinJyutsu in Kontakt gekommen, habe endlich Fußreflexzonen-Massage gelernt (wollte ich schon sehr lange ....). Bin im Taxi aber gleichzeitig immer fetter geworden und habe derzeit nur noch einen Minimal-Stoffwechsel - früher auch schon, aber jetzt noch weniger.
Ach ja - war auch bei den "Wahrheitssuchern" auf der weltlich-historisch-politischen-Ebene unterwegs und habe viel Anderes erfahren. Nehme ich mal mit in "Phase 2".

Jetzt bin ich nach einer "Das-ganze-Zeugs-wieder-vergessen"-Pause in "Phase 3" wieder anders zurück auf der Erde gelandet und habe mich ein wenig mit verschiedenen Mythen und deren Archetypen  befasst, die so wunderbar menschlich und fehlbar sind. Und die ich bereits damals beim Trommeln in Form der Orishas fasziniert kennenlernte. Diese Götter und Mythen wollte ich schon sehr lange kennenlernen, doch war die Zeit nicht reif gewesen. Jetzt - sind sie von alleine zu mir gekommen. Die GötterInnen der anderen alten Kulturen sind ebenfalls wunderbar fehlbar und haben so ihre mehr- oder weniger liebenswerten Marotten. Besonders mag ich die vermeintlich unmoralischen und völlig unheiligen Aspekte dieser mythischen Gestalten, die so lebendig unter uns weilen. Die sind egoistisch, besitzergreifend, eigensinnig, verschlagen, sogar hinterfotzig, streitlustig, eifersüchtig, polygam und polyandrisch, androgyn, machen ziemlich verrückte Deals ....
U.a. mit ihrer Hilfe lerne ich was ganz Anderes - nämlich wirklich loszulassen von allen Vor-stellungen und Vor-Urteilen, wie etwas sein soll. Beschäftige mich nun besonders mit dem, was mir zuvor zu unangenehm war, weil es mir meine eigenen Schatten aufzeigt und auch meine eigene "Opfer-/Täter-/-Haltung". Habe mir "Symbolon" von Peter Orban angeschafft und beschäftige mich so mit meinen eigenen Lebenslügen. Lese nach etwa 15 Jahren "Jeder bekommt den Partner, den er verdient (ob er will oder nicht)" von Hermann Meyer und stelle erstaunt fest, daß ich die gleichen Stellen wie damals wieder gerne anstreiche. Danach will ich mir erneut den netten Titel "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen (wer hat, dem wird gegeben)" von ihm vornehmen. Er beschreibt unsere kollektiv-neurotischen  Muster so schön, der Herr Meyer. Alles ganz langsam, in homöpathischen Dosen. Studiere auch, ebenso langsam, (Ritual-) Magie aus eher männlicher Perspektive und durchaus von "vermeintlich durchgeknallten" Autoren - nachdem ich in Phase 2 eher die meist doch sehr "sanfte Magie aus weiblicher Sicht" erkundet habe.  Muß aber feststellen, daß ich für zuviel Brimborium (s.o.) von Haus aus viel zu faul und somit also "konsequent pragmatisch" bin - je komplizierter ein Zauber, desto weniger Wirkung = Das Einfache ist meist das Wirksamste - lautet meine eigene Formel hier. Im Grunde braucht es herzlich wenig. Besonders, um Geister zu rufen - die kommen gerne. Sie wieder loszuwerden, ist schwieriger.

Bin gespannt auf "Phase 4" - vielleicht schaffe ich einfach alle Bücher ab und beschränke mich auf´s Internet und so einen E-Book-Reader? Sehr unromantisch und wenig haptisch, doch äußerst pragmatisch und platzsparend .... besonders in einer Phase, in der ich merke, daß mich die vielen "fremden Ideen und Konzepte" nicht mehr wirklich befruchten.

In allen Phasen habe ich viel gelernt - beim Lesen, Verinnerlichen und Experimentieren mit dem Gehörten. Dafür bin ich dankbar - das ist Reichtum. Und vermutlich werde ich immer - irgendwie - und - auch - über´s Lesen = Zuhören weiter lernen wollen ...

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