Dienstag, 15. Oktober 2013

Saturnische Begegnung ...

.... gestern morgen.
Am Halteplatz klingelt die Rufsäule - und als ich dran bin, habe ich am anderen Ende dieser Leitung jemanden, den ich wahrlich kaum und nur sehr sehr schlecht verstehen kann. Ein alter Mensch - soviel ist schon mal klar. Aber ich dachte, es sei eine Frau. Mit recht viel Geduld lausche ich dem mehr als schwachen Gekrächze am Ende dieser Verbindung. Höre irgendwann - nach -zigmaligem Nachhaken - sogar die Adresse heraus. Wiederhole diese, ob das so richtig sei? Ja .... Dann aber - kommt noch mehr unverständliches Gekrächze. Kein Wort kann ich davon verstehen. Und jetzt - verläßt mich auch meine Geduld. Denke bei mir - vermutlich ist das auch noch eine "Vorbestellung" für irgendwann später am Vormittag .... und breche meine Geduldsübung hier ab, indem ich die  Person am anderen Ende der Leitung bitte - sich doch an die Zentrale zu wenden mit ihrem Anliegen. Gebe mehrfach die - simple - Nummer langsam sprechend durch und verabschiede mich dann. Ich muß jetzt mal an mich denken - und an mein Geschäft.
Da dürfen sich gerne mal die Menschen in der Zentrale "geduldig beschäftigen" mit dem Dekodieren dieses schwachen Krächzens. 

Bekomme eine Fahrt - mit einer alten Dame, die ich von einem "Seniorenheim" abhole  - die schon beim Einsteigen nur "Aua aua aua" von sich gibt. Denke bei mir - ach Du Scheiße - die fehlt mir gerade - wo ich selbst  seit vielen Tagen nur unter Schmerzen draußen bin. Nein - ich werde jetzt nicht auf Wehleidigkeiten einsteigen! - wie auch sonst nur selten. Habe gerade genug mit meinen eigenen zu tun - und belästige ja auch nicht meine Mitmenschen mit diesen.

Als die sich reingeschält hat - nimmt das Geschehen eine Wende - und es wird eine sehr lebendige Unterhaltung - jenseits von Wehleidigkeiten. Eine überraschend gut informierte und reflektierte ältere Dame - die jenseits ihrer "Aua aua - Einsteigerufe" eine Menge zu erzählen hat. Wir unterhalten uns tatsächlich über´s "Finanzsystem" (explizit höflich formuliert an dieser Stelle) ....

Eine kurze, aber intensive Fahrt - mit Freude - und nochmal zurück zum vorherigen Halteplatz. Da kommt mir ein alter Mann entgegen - ein bischen wild sieht er aus. Als ich seine Tasche hinten eingeladen habe und er sich neben mich setzt - schnauft er laut und bekommt offenbar zunächst wenig Luft. Ich lege meine Hände in den Schoß und warte mal ab ... bis er wieder sprechen kann.

Dieser legt irgendwann einige Finger an den Hals und spricht über einen "Kehlkopf-Verstärker". So ein Mikrofon quasi - für die, die gar keinen Kehlkopf mehr haben - ich weiß nicht, wie das Teil genau heißt.
Kehlkopfkrebs - lautet seine erste Botschaft an mich .... er könne nicht gut sprechen. Ich lache - ihn nicht aus, sondern über seinen "Hinweis" - und meine - ja, das habe ich wohl bemerkt.  Vernehme auf Nachfrage sein Fahrziel und wederhole das - ob das so richtig sei? Ja.

Dann - legt er wieder seine Finger an den Verstärker und berichtet mir - daß er zu Fuß von seiner Adresse zum Taxistand gekommen sei - weil man ihn nicht verstanden habe am Telefon. Ich muß mich zurückhalten - um nicht allzu laut loszuprusten. Das ist die krächzende Stimme von vorher ..... die ich auch beim besten Willen nicht mehr verstanden hatte zuvor.

In der Zentrale - hätte jemand einfach den Hörer aufgelegt - als er versucht hätte, seine Wünsche zu äußern. Ich frage mich kurz - ob der jetzt mich meint - ich hatte ja mit ihm von der Rufsäule telefoniert? Denke - ne, mich kann der eigentlich nicht meinen - denn ich habe ja mein Bestes gegeben.
Wie dem auch sei - irgendwie lustig, daß er jetzt doch hier ist - neben mir, in der Limousine.

Saturn ist es - höchstpersönlich.
Ein alter Mann - etwas knochig aber durchaus noch fit - und mit wildem Ausdruck - in der Gänze seiner Erscheinung. Sprechen würde er wohl gerne - weit mehr, als es mit diesem Teil geht - doch ich bin noch ein bischen müde am frühen Morgen und maulfaul.  Zu müde, um jedesmal drei oder viermal nachzuhaken, was er gerade genau gesagt hat .... ein paar Mal tue ich es doch.

Irgendwann fahren wir schweigend weiter - ich mache hier und da noch eine kurze, trockene "Anmerkung" - und er fuchtelt gestikulierend herum ob des verrückten Verkehrs in der engen Straße.

Schaue in seine Augen - und bin sehr erstaunt, wie die funkeln. Sehr blaue, lebendige, strahlende, scharfe Augen .... Argusaugen quasi. Die Augen spiegeln immer die eigentliche Lebendigkeit - die in einem möglicherweise alt gewordenen Körpergefährt vorhanden ist. Und dieser hier - ist sehr agil.

Schaue sehr gerne nochmal in diese blauen, funkelnden und blitzenden Augen beim Abschied. Die mir zulächeln.
Und denke noch - naja, wenn´s am Telefon nicht geklappt hat zuvor - hat er zumindest einen guten, gesunden Spaziergang gemacht am frühen Morgen. Fit genug dazu - ist er allemale. Nur, weil er nicht gut sprechen kann, kann er ja doch noch sehr gut laufen ...... Und freue mich - daß es dann doch noch mit uns geklappt hat. Wenn auch - ganz anders. Keine Frage - das war Saturn.

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