... dieses Jahr zu Karneval dachte ich öfter sowas wie: Diese Menschen sind mir ein wenig unheimlich. Also diese Karnevalsfreunde - die am vergangenen Donnerstag mal wieder per Knopfdruck bzw. Uhrzeigerstellung auf 11 Uhr 11 - ihre Gesichter wechselten und über´s Jahr meist krampfhaft verborgenes Potential und Teile ihrer ansonsten verheimlichten Persönlichkeit hemmungslos nach außen zeigten.
Aus den Kostümen kann mensch leicht lesen. Wieder einmal staunte ich, wieviele Kinder unterwegs sind - Erwachsene, die sich in Biene-Maja, Bärchen und andere kindliche Figuren verwandeln.
Anmerkung: Obacht mit den Bärchen - einer soll angeblich eine 16-jährige vergewaltigt haben, am frühen Abend um acht in der Nähe eines riesigen Festzelts - und Passanten sollen vorbeigegangen sein. Den Passanten muß aber zugute gehalten werden, daß es in diesem tobenden Wahnsinn nicht wirklich leicht ist - eine ernste Situation als solche sofort zu erkennen.
Andererseits Piraten, Hexen und andere "bösere Gestalten". Viel vermeintlich "Aufreizendes", welches echt abtörnen kann - aber auch viel Schönheit. Wenige wirklich Originelle zwischen den gekauften Kostümen von der Stange - die alles selbst machen, manchmal sehr kunstvoll und aufwändig. Andere - meine glasklaren Favoriten in diesem Jahr - schaffen es, mit sehr wenig Aufwand und nur einer Kopfbedeckung für lautes Lachen zu sorgen. So geschehen, als ich mit einem netten jungen Mann losfuhr und wir zwei Typen sichteten, die sich einfach nur ein großes gelbes "Taxi-Schild" als Kopfbedeckung gebastelt hatten. Wenig Einsatz - große Wirkung. Wir lachten und stellten uns vor, wie am Abend und in der Nacht wieder unzählige schöne Frauen nach einem Taxi rufen würden ... genialer Einfall.
Natürlich gibt es verschiedene Schattierungen und Motivationen dieser Karnevalsmenschen - manche pflegen ihr Vereinsleben und die sozialen Kontakte. Andere nutzen diese Zeit und die stumpfsinnigen Standard-Sitzungen für die Pflege ihrer Seilschaften - viele Geschäftskontakte werden derart hergestellt bzw. aufrecht erhalten.
Aber ein Großteil, der auf den Straßen zu sichten ist - scheint die Gelegenheit zu nutzen, um sich endlich mal ihren eigentlichen Trieben hinzugeben: Fressen, Saufen, Ficken und Grölen.
Letzteres - also Grölen - ist mir grundsätzlich zuwider.
Die ersten drei - zähle ich zwar zu den Grundbedürfnissen - wundere mich aber dennoch immer wieder über die Heftigkeit, die da zutage kommt. Das kann nur daran liegen, daß sie ansonsten allzu sehr unterm Deckel gehalten werden. Außer dem Fressen vielleicht. Ansonsten bestände ja keinerlei Notwendigkeit, derart exzessiv zu werden - und endlich mal so richtig die echte, innewohnende Sau rauszulassen.
Am Morgen hole ich eine Frau an einem Vorstadt-Hotel ab - nach einem One-Night-Stand. Die für-Eine-Nacht-Beständigen verabschieden sich mit einem heißen Kuß - und ich denke "Mein Gott - ist der häßlich .....". Nicht alle schaffen es - und so gibt es viele Fahraufträge am Puff.
Ein türkischer Fahrgast gestern - selbst betrunken - fällt mir in die Limousine und bekundet seine Verwunderung über diese Menschen und was mit ihnen los sei. Er schäme sich - dafür, daß überall nur "Sex" sei. Ja - sage ich, verwunderlich ist es schon. Er meint - Karneval sei doch ganz anders gemeint, es ginge doch um die Austreibung des Winters - spricht in gebrochenem Deutsch, aber ich verstehe schon, was er sagen will. Erzähle ihm - nein, in Köln nicht, da hat der Karneval eine andere Tradition. Es ging ursprünglich um die Verhöhnung der französischen Besatzungs-Soldaten .... daher auch die vielen Uniformierten - die es aber mittlerweile wohl eher allzu ernst nehmen mit ihren Uniformen.
Was sein Fremdschämen betrifft - denke ich mir nur meinen Teil, nämlich derart, daß er vermutlich auch gerne mal würde, aber nicht kann, weil er anders sozialisiert ist. Natürlich sage ich das nicht laut.
Sichte zwei-, dreimal einen muselmanischen Kollegen mit Rauschebart und üppig verziertem Käppchen - der geht das ganze Jahr so, es ist kein Kostüm - und frage mich, was der wohl so alles zu hören bekommt in diesen Tagen. Werde ihn demnächst mal fragen ..... grins.
Sitze gestern mit einer feinen Kollegin im Auto und wir lästern hemmungslos über die seltsamen Gestalten, die an uns vorbeiwackeln - kichern und lachen uns einen und vergessen, daß es auch traurig ist. Ich lache viel und laut gestern - verbuche das unter "Spannungsabfall". Die Atmosphäre in der Kolonie steht unter Hochspannung - ich bin - ganz sicher nicht alleine - sehr fühlig für sowas.
Natürlich will die Kollegin mir erst nicht glauben, daß der Papst gerade zurückgetreten ist .... nein, kein Rosenmontagsscherz. Was für eine "historische Koinzidenz".
Sichte nur einen einzigen Kollegen mit Verkleidungsansatz - er trägt einen Cowboyhut. Meine Narrenkappe habe ich für den "Ernstfall" bzw. eine mögliche Infizierung mit diesem Karnevalsvirus im Kofferraum - brauche sie aber nicht.
Alles in Allem - habe ich sehr nette und moderate Kundschaft über die Tage. Und keine Schwer-Alkoholisierten oder anderweitig Zugedröhnten. Niemand kommt mir blöd von der Seite - wie früher mal - im Gegenteil, es gibt viel Mitgefühl und sogar "Bewunderung" - "Sie sind aber mutig, über Karneval zu fahren ...". Manche Betrunkene kommentieren meinen Job mit einem "Boah ... ich könnte das nicht." (Spiegel-Erhellung?) Ich denke nur - ich "könnte" soviele andere Jobs nicht - bei denen ich so tun müßte, als würden sie mich ernstlich interessieren. Die meisten freuen sich einfach - daß jemand in dieser Zeit arbeitet und sie gut fährt.
Gestern abend zum - noch nicht vorgesehenen - Abschluß (wollte ja heute nochmal raus, aber die Limousine ist ja nicht mehr in Betrieb) noch zwei explizit angenehme und sehr amüsante Fahrten mit wirklich netten Menschen. Geht doch ...
Und dann - als ich mich gestern sozusagen an den Ausnahmezustand gewöhnt und sogar mit ihm angefreundet hatte - dachte ich noch: Wäre doch schön, wenn es immer so wäre. Dann würde es sich auf ein ausgewogeneres Maß einpendeln und wäre insgesamt ehrlicher, als es während des Jahres ist - wo ja auch alle nur ihre Rollen spielen.
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