Sonntag, 1. Mai 2011

Alltags-Adelige ....

"Was willst du denn überhaupt - du wirst doch geliebt?!!!" ...... sagte einst ein guter Kumpel zu mir. Ich stutzte kurz und schaute innen bei mir nach. Es hörte sich in gewisser Weise neu und überraschend an, daß ich "geliebt werde" - aber es war sicher auch nicht falsch, was er da sagte. 
Seither habe ich diesen Satz nie vergessen. Und immer wieder mal hat er sich auf seine Weise bewahrheitet - wenn auch nicht in konventioneller Form.
Dennoch habe ich ihm damals direkt geantwortet, was ich denn eigentlich will:
"Ich will lieber lieben! - Das ist was Anderes ... und viel näher an der Kraft."
Na, manchmal ist es ja auch ganz schön, geliebt zu werden ...
doch am schönsten finde ich es, wenn einfach diese Energie im Raum ist und alle erfreut.

Und irgendwie ist es mir immer auch heute noch unangenehm, gerade von denen gemocht zu werden, die mir nicht so ganz am Herzen liegen. 

Heute fuhr ich wiederholt eine ältere Dame. Ich erkannte sofort ihre Stimme an der Rufsäule, sie hat einen leichten Akzent und bestellt immer eine Limousine. "Ich bin sofort bei Ihnen." sage ich also und fahre hin.
Anfangs mochte ich die gar nicht. Sie nörgelt viel und nörgelte auch viel an meinen Kollegen herum, wie unhöflich die doch seien etc. pp. .... Ich sagte ihr sowas wie, daß ich zwar ihr Anliegen rein von der Sache her gut verstehe, jedoch nicht schlecht über meine eigene Zunft reden werde. Und daß gerade in ihrem Viertel viele besonders nette und freundliche Stammfahrer unterwegs sind.
Dachte mir sowas "Laß mich doch in Ruhe mit dem ewig-langweiligen Zeug." und "Sie hält sich für etwas Besseres - und unsere Zunft für ihr persönliches Personal". War im weiteren Verlauf gerade so höflich, wie ich es auf eine sehr neutrale Art sein kann und zog im Übrigen das Schweigen vor.

Dann - traf ich sie erneut. Wieder nörgelte sie viel. Aber irgendwas schimmerte leicht durch. Vielleicht auch nur eine gewisse Erleichterung über die einigermaßen adäquaten Umgangsformen, die ich manchmal habe. Tür aufhalten und so ....  je nach Einschätzung der körperlichen Befindlich- und Fähigkeiten der Fahrgäste. Manchmal mache ich mir daraus gleichzeitig einen eher ironischen Spass, wie bei ihr. Sie kann inzwischen wirklich nicht mehr weit springen - aber sie ist auch von dieser Sorte, die vermutlich in früheren Leben mal Personal befehligt hat.
Bei denen, in die ich mich sofort verliebe, ist es mir übrigens eine echte Freude, behilflich zu sein und bei denen, die es auch gerne noch alleine schaffen, lasse ich es ebenso gerne sein und warte, bis sie ihre "Gymnastik" beendet haben.

Die "Großmarschallin" erzählte nun etwas von sich. Wenig, aber dennoch. Ich hörte es - und blieb weiterhin lieber auf Abstand, denn sie lebt auf einem dieser anderen Planeten und ich habe mir abgewöhnt, diesen "Anderer-Planet-Bewohnern" ihre Planetensichten zu bestätigen oder gar ausreden zu wollen. Meine Übung ist es, einfach auf meinem Terrain zu bleiben.  

Wieder treffe ich diese Dame. Sie steht an einer für mich sehr ungünstig ansteuerbaren Stelle und ich mache mich daher "strafbar", sollten mich irgendwelche "Autoritäten" erwischen in diesem Moment. Stehe mitten auf einem Zebrastreifen, die Frau wird sichtbar älter und das Gehen fällt ihr ebenso sichtbar schwerer, die Knöchel sind voller Wasser, Elefantenbeine, die Haare lichten sich zunehmend und sind nun durchweg grau ... ich weiß, daß sie sich nicht mehr so gut bewegen kann, aber dennoch sage ich ihr, sie möge sich bitte nicht mehr dorthin stellen, denn damit bringt sie mich in Bedrängnis. "Ja, aber, sie waren ja so schnell hier ...." "Jaja - ich weiß - dennoch - lassen Sie sich halt die Zeit, die sie brauchen" Stimmt, höre ich oft - ich bin schnell und darüberhinaus habe ich mal wieder den Tarifrekord gebrochen und war am günstigsten  ... muß mir dringend etwas mehr Laisse-Faire angewöhnen.

Und wieder einmal ... so sagt sie es erfreut "Habe ich Sie doch erwischt, wie schön."
Hmmmhh ...
Ich denke bei mir  "Irgendwie gewöhnt man sich ja aneinander."
Sie nörgelt und meckert - an der Zeit und den Gegebenheiten herum, am Wetter, an den jungen Leuten heutzutage und an vielem mehr. Ich sinniere schweigend über´s Älterwerden und den Verfallsprozess, über Festhalten an längst vergangenen Zeiten und Dingen ... denke, eigentlich mag ich sie doch, ein kleines bischen, irgendwie - obwohl ich sie nicht mag. Das ganze Gerede und all die Meinungen im Leben - sind eh wurscht. Die Essenz ist es, die in jedem und jeder von uns durchschimmert.

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