Dienstag, 31. Mai 2011

Rollator ist nicht Rollator 1

... lerne ich heute direkt zweimal. Da gibt es feine Qualitätsunterschiede - im Grunde wie bei Autos.
Ein Corsa ist ja schließlich auch keine traumhafte Mercedes-Liomusine.

Ich fahre eine 86-jährige Dame nach "Ich muß nicht weit, aber ....." und unterbreche ihre vorweggenommene Entschuldigung mit "Das ist mir wurscht - sie brauchen sich nicht zu erklären." Wir fahren tatsächlich nicht einmal einen Kilometer weit, dennoch erfahre ich erstaunlich viel auf dieser kurzen Strecke. Das ist manchmal so - komprimiert eben, sofern man sich etwas zu erzählen hat oder einfach Interesse an dem, was der andere Mensch von sich gibt - zu geben hat.
Diese Dame hat sehr schöne strahlend grüne und lebendige Augen.
Sie fragt mich nach dem kleinen Gerät auf der Armatur - das ist mein MP3-Player, mit dem kann ich Musik hören.
Ach, diese vielen Namen - kennt sie gar nicht mehr. 
Ich erkläre ihr, daß das kleine Ding quasi der Nachfolger des Grammophons ist - Grammophon, Plattenspieler, Tonband, Cassettenrecorder .... ja, das kennt sie auch noch alles, aber hier ist sie ausgestiegen. CD-Player und MP3 hat sie nicht mehr mitgemacht.
Muß mensch ja auch nicht, es sei denn, er/sie hat Interesse daran. Es gibt ja auch noch 80-jährige, die sich frisch ins Internet wagen.  Ja - meint sie - aber die gehen dann nicht mehr raus - und sie nutzt ihre Zeit lieber, um sich an der frischen Luft und auch sonst zu bewegen. Mindestens einmal pro Woche geht sie zum Beispiel ins Schwimmbad und schwimmt eine Stunde durch. Rückenschwimmen - dazu bräuchte es ja nicht viel. Soso .... manch 50-jähriger würde hier bereits protestieren, denke ich bei mir. Ja, und ansonsten verbringt sie die Zeit auch gerne in Gesellschaft, beim Rommé beispielsweise.  Doch - sie hat noch erstaunlich viele Bekannte in ihrem Alter. Die haben früher viel Sport miteinander betrieben. Muß also doch was dran sein, daß das jung hält ....

Ich stimme ihr zu, daß Internet und andere Elektronik heutzutage einfach viel Zeit frißt, ohne wirklich effektiv zu sein und bin beeindruckt, wie eisern sie sich körperöich fit hält und trainiert!
Wir halten gegenüber der Arztpraxis, wo sie ein Rezept ändern lassen will. Ich hole den Rollator und sie läuft praktisch mit dem Teil los. Ich rufe ihr zu "Machen Sie langsam ...." und staune, wie flink sie ist mit ihren 86.

Auf dem Rückweg erfahre ich noch, daß sie morgen einen Termin bei einer Gynäkologin hat und ziemlich Bammel davor, daß doch etwas nicht in Ordnung sein könnte. Ich wundere mich mal wieder - denke so, mit 86 sollte mensch vielleicht auch mal einkalkulieren, daß es keine ewige Jugend gibt? Andererseits spricht dieser Bammel klar für ihre ungebrochene Lebenslust.

Nachdem ich ihren Rollator für angenehm leicht und sehr gut handhabbar befunden habe, eröffnet sie mir noch den Horizont auf diesem Gebiet und beschreibt mir das neue Modell, welches sie sich in Kürze schenken wird. Was es alles gibt ....

Trotz  Fahrziel "Ich hab es nicht weit, aber ich kann ja nicht mehr so gut laufen" - war das für mich am Ende doch eine sehr gute Tour, der Fahrpreis summiert sich mit Hin- und Rückfahrt sowie Wartezeit, dazu bekomme ich ein schönes Trinkgeld und - unbezahlbar - freue mich mal wieder, solch einen kraftvollen, an Jahren alten Menschen getroffen zu haben.

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