Dienstag, 4. Februar 2014

Ob ich denn Angst hätte?

Eine junge Frau fällt am frühen Morgen zügig in die Limousine mit dem Spruch: "Bitte fahren Sie los - ich möchte nicht, daß der Typ mich weiter belästigt". Denke - ach ne - so ein häßliches, sinnloses Beziehungsdrama - und sage "Gut - dann schließe ich mal eben ab, bis wir hier wegkommen." Die Ampel ist gerade rot und so drücke ich mal lieber auf die Verriegelungstaste, bevor mir so ein Galan noch die Türen aufreißt. Irgendein Typ, den ich mir gar nicht näher ansehe, klopft noch an die Scheibe und schon geht es los. Der Busfahrer neben mir läßt mich freundlich rein - hat vermutlich die Szene im Auge gehabt.
Rettung geglückt. Neben mir Erleichterung.

Nein, das war nicht ihr Freund - sie stehe gar nicht auf Männer. Sie sei gestern von ihrer Freundin verlassen worden und mit anderen Freundinnen daraufhin einen trinken gegangen. Auf dem Nachhauseweg in der Bahn seien zwei Typen gekommen und hätten sie komisch angemacht. Sie habe sich daraufhin zu ihrem Schutz neben einen älteren Mann gesetzt, weil ihr die beiden Typen Angst gemacht hätten. Und anschließend sei sie schnell zu mir gelaufen - um die loszuwerden und nur noch gut nach Hause zu kommen.
Naja - jetzt sind wir ja unterwegs.

Sie hätte auch schon mal überlegt, Taxi zu fahren.
Ich meine "Tun Sie´s nicht!".
Warum nicht?
Es rentiert sich nicht.

Sie würde es sich aber schon irgendwie spannend vorstellen - nachts zu fahren.
Ich nicht. Ich weiß - daß ist einfach nervig und anstrengend.
Auch für gestandene Männer.
Da braucht es ein richtig dickes Fell!
Wieso?
Weil die nachts enthemmt sind ....
lauter dummes Zeug reden und sich dabei noch besonders originell vorkommen.
Aha ....

Sie hätte wohl auch Angst, meint sie. Ob ich denn keine Angst hätte?
Naja - meine ich - ich bin ja die Tagschicht, da ticken die Leute eh anders.
Und nein - ich habe keine Angst. Jedenfalls nicht vor den Menschen.
Man dürfe zwar durchaus hier und da mal wachsam sein, aber Angst sei keine gute Begleiterin.
Mit Angst braucht man diesen Job erst gar nicht machen, es sei denn, man wolle gerne über diese hinauswachsen und nimmt es als Herausforderung.

Ob ich manchmal gefährliche Situationen erlebt hätte?
Nicht wirklich. Es gab einige sehr unangenehme und manchmal werden die Leute auch aggressiv - daher die gebotene Wachsamkeit. Seltenst habe ich jemand rausgeworfen oder eine Fahrt abgebrochen. Ein einziges Mal bin ich radikal in die Eisen gegangen - habe die Zentrale mithören lassen und die Polizei gerufen - und das waren drei alte kölsche Furien, sturzbesoffen, die mich auf Übelste beschimpften - eigentlich schon, nachdem sie eingestiegen waren. Also nicht gerade das, was man erwarten würde.

Ich gucke nochmal bei mir nach, ob ich mal Angst hatte ... und stelle fest: Früher öfter mal vor mir selbst. Weil ich sehr wütend wurde ob diverser Unverschämtheiten und plumper "Kumpelei" - und an mich halten mußte. Was mir gar nicht schmeckte. Ich eigne mich nicht gut dazu, eine Faust in der Tasche zu machen. Und ich habe im Bedarfsfall eine Menge Wut-Mut im Bauch.

Und aus genau diesem Grunde - weil ich nicht bereit dazu bin, das unverschämte Verhalten von Besoffenen und anders Zugeknallten einfach zu schlucken - bin ich auch völlig ungeeignet für jedwede Nachtschicht. Ganz abgesehen davon, daß ich nachts lieber schlafe. Bei mir wäre Ärger schon vorprogrammiert in der Nachtschicht.

Früher mal dachte ich bei jedem Kneipen-Auftrag schon im Vorfeld "Auweia ...." und "Gut auf Dich aufpassen, Sati". Wenn mir so ein betrunkener Typ die Ohren mit seinem Zeugs zulaberte, wurde ich manchmal sehr ungehalten. Und mit denen wird´s noch enger in der Limousine - sie werden Dich duzen und so tun, als kennen sie dich schon seit Ewigkeiten. Unerwünschtes und oft ekliges "Kumpelgetue". Dazu gerne irgendwelche "Beziehungsgeschichten" - die mich überhaupt nicht interessieren- und natürlich ist immer der Partner, die Partnerin für das Elend verantwortlich. Das Niveau fällt unter Null ... und ich eigne mich überhaupt nicht als Trösterin oder "Beraterin" in solchen Fällen. Heute denke ich mir bei einem Kneipenauftrag: Erst mal abwarten, wer kommt. Gibt auch sehr viele nette und harmlose Betrunkene. Mit einem habe ich sogar mal inbrünstig zusammen gesungen - Karneval war es und er sang ein schönes kölsches "Krätzcher", klang sehr hübsch. Ich stimmte gerne und freudig in den Refrain mit ein.

Die junge Frau spielte wohl auf "Übergrifflichkeiten auf meine Weiblichkeit" an - und hier kann ich sehr beruhigt sein, sage ihr: Da brauche ich mir keine Gedanken zu machen - die packen mich nicht an. Im Gegenteil. Einer schlug mir mal vor - ich solle doch Domina werden.
Im Grunde ein netter und lockerer  Typ - den ich aus der Notfallstation im Krankenhaus morgens abholte. Er hatte sich zusammenfalten lassen in der Nacht ... und bat mich, ihm noch ein paar Flaschen Bier und ein paar Zigaretten aus dem Kiosk bei sich ums Eck zu bringen - gegen Salär, versteht sich.
Ich schaute ihn mir scharf an - normalerweise gehe ich nicht in die Wohnzimmer meiner Fahrgäste. Aber der war harmlos und freundlich, von Haus eher tiefenentspannt. Und glücklich - als ich ihm seine Elixiere ins Hochuas hochbrachte, in seinen Salon, mit seinem Hausschlüssel.

Neulich meinte einer - ich wäre sicher eine gute Polizistin. Ein richtiger "Arschengel" war das - eine Nervensäge aus dem Bilderbuch. Einer, der von Haus eine echte Luftnummer ist - aber mit seinem Geld glaubte, die Menschen kaufen zu können. Er stieß auf Granit bei mir - und ich freute mich noch, daß ich viel dazugelernt habe inzwischen. Ließ ihn einfach abprallen.
Als er endlich zahlte - reichte er mir 15 Euro rüber und meinte: Hier schon mal zehn .... und ich habe auch das gelernt: Ich steckte das einfach ein und dachte mir - die überzähligen Fünf sind mein wohlverdientes Schmerzensgeld für die unerwünschte Gesellschaft. Wenig später fiel mir dazu ein - daß ich einst in Kindertagen tatsächlich fast mal gerne Polizistin geworden wäre .... das ist aber sehr sehr lange her.

Einer fragte mal penetrant während der Fahrt - ob ich Angst vor ihm hätte? Er schien der Ansicht zu sein - bei einem Pegel von etwa 3,0 Promille - ich sollte solche haben. Ich fragte nur zurück - ob er denke - daß man vor ihm Angst haben sollte? Und damit war er schon beschäftigt .... Sagte dann noch zwei-, dreimal sowas wie "Nein, der Herr, da muß ich Sie enttäuschen - ich habe immer noch keine Angst vor Ihnen." und ließ ihn weiter in seinen eigenen Bart brummeln. Er brummelte was von "Knast" und "gefährlich" und solches dummes Zeugs .... Mir war´s egal - mein Job ist, von A nach B zu fahren - egal, wen - wäre ich Psychotherapeutin, würde ich andere Schwerpunkte setzen - und erheblich bessere Einnahmen erzielen. Wäre ich Domina - auch. War dann froh, als er endlich am Ziel ausstieg - weil er schlicht unangenehm und lästig war. Und dachte noch kurz bei mir - ich habe mich in jungen Jahren mal mit ganz pösen pösen Jungs herumgetrieben - mit "Mördern und Totschlägern" - die aber auch nur Menschen waren - und sicher kommt mir das heute zugute, wo ich überhaupt keine Lust mehr dazu habe, mich in derartiger Gesellschaft zu bewegen.

Ein einziger wurde mal aggressiv-handgreiflich ganz am Anfang - aber auch das regelte sich zügig. Also nicht etwa, weil er mich anpacken wollte, sondern einfach aggressiv - hat mich wohl eher für einen Mann gehalten? Kann ich ja auch sein ....

Angst vor Menschen - nein, eher nicht. Aber vor meiner eigenen Wut im Bauch, wenn sie mich überreizen - die hatte ich öfter. Am Anfang habe ich mal eine aus dem Auto gezerrt und fast verprügelt. Ein Kollege hatte mich schon gewarnt und sie nicht mehr gefahren - er bekäme noch Geld von der von der letzten Fahrt. Als sie mich am Ziel verarschen wollte - habe ich sie aus dem Auto geholt und ihr ihre Handtasche abgenommen, um mir mein Salär rauszuholen. Als die Sache vorbei war habe ich mir gesagt: So rastest Du besser nicht wieder aus - sonst hast Du den Job nicht mehr lange - und ich war froh, daß niemand hinzugekommen war.

Zum Glück lernt sich aber auch hier sehr viel dazu - und mit dem letzten "Vollblut-Arschengel" ging ich zu meiner Freude sehr souverän um. Das Wichtigste ist: Sich nicht kriegen zu lassen von den Nervensägen.
Also im Grunde eine sehr ähnliche Übung wie hier im Hause in der Vergangenheit. Auch hier hatte ich manches Mal das innere Bedürfnis - mal einen rechten Zauber aufzuführen aus Wut. Mal so richtig gepflegt auszurasten und einen Veitstanz aufzuführen. Damit sie mal sehen, mit wem sie es zu tun haben. Wäre aber undiplomatisch gewesen. Besser - sie können einen gar nicht wirklich einschätzen. Und besser - sie lassen einen kalt.

Die junge Frau brachte ich gut und glücklich nach Hause - war eine nette Fahrt, wie wir beide befanden. Und ich hoffe - sie läßt das sein mit dem Taxischein ... und mit den Nachtschichten. Gibt auch andere Herausforderungen. Die besser bezahlt sind. Wobei allerdings die Dichte an potentiellen Übungen nicht übel ist in so einer Limousine.

Die mir im Bedarfsfall gegebene Wut - halte ich in Ehren. Das ist pure Kraft!

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