Als ehemals ungefragt getauftes "evangelisches Christenkind", dem die Mutter noch im zarten Erwachsenenalter von Mitte dreißig mit erhobenem Zeigefinger drohte "Wenn Du aus der Kirche austrittst .....???!" (was dann, wußte sie nicht mehr zu formulieren, doch sie war vorhersehender, als ich selbst seinerzeit- es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich es dann tat, da ich immer noch die vielen sozialen Aspekte schätzte, die sich in kirchlichen Räumlichkeiten abspielten), erlebe ich diese weit um sich greifende Weihnachts-Hysterie von Mal zu Mal als noch absurder.
Ebenso die Hysterien, die sich zu anderen festlichen Anlässen entladen. Ein schönes, der weihnachtlichen Familien-Liebesorgie diametral-entgegengesetztes Beispiel ist vielleicht der kommende Karneval, in dem ansonsten öffentlich zurückgehaltene animalische Instinkte hektisch und exzessiv entladen werden, mit dem Segen der Masse. Eine andere Spielart der Liebe bzw. der Sehnsucht nach dieser, nach Vereinigung und Einssein eben
Weihnachten also sollen alle wieder ihr Herz entdecken, auch für Andere, die ansonsten nicht wirklich interessieren. Obdachlose werden gerne als Weihnachts-Opfer im Fernsehen präsentiert. Und die armen Kinder - jedes Jahr mitleidstriefende Spenden-Shows, die nicht einmal ein Tropfen auf die vielen heißen Steine sind, die da jeden Tag im Jahr überkochen. Aber mensch fühlt sich halt gut und für einen Moment erleichtert, wenn er endlich mal wieder etwas aus Rührung gibt.
Zu einem meiner von je her ungeliebtesten Feste gehört Sylvester, da knallen alle ihre Erleichterung darüber hinaus, daß die todeserinnernde, vom vermeintlich gestrengen Gevatter Saturn auferlegte Ruhe wieder vorbei ist - und die eigentliche Party wieder beginnt. Meine Abneigung mag darin liegen, da0 ich Saturn durchaus zu schätzen weiß (ob die einstigen römischen Saturnalien in seinem Sinne waren - muß ich mal dahingestellt lassen).
Im Februar/März kommt der Karneval - ausgelassen und hemmungslos sein, auf Knopfdruck, punktum 11.11 Uhr. Geheimtipp für die, die es noch eiliger haben ist die Eröffnung um 9.11 Uhr auf dem Nippesser Wilhelmsplatz in der Kolonie.
Manch eine(r) erinnert sich nun an seine Triebe, die Kraft des Sexus, die doch die eigentliche Lebenskraft ausmacht und die sonst so oft unterdrückt wird innerhalb der allgemeinen "Rahmenbedingungen" (nicht wenige fiebern ja, vielleicht gerade deshalb, das ganze Jahr diesen Tagen entgegen). Gut so, denn wenigstens hier wird das eigentlich Ventil geöffnet. Nicht auszudenken, was ohne diese erlaubt-enthemmte Zeit über´s Jahr so alles geschehen würde. Ergänzen möchte ich noch, daß diese Antriebskraft ohnehin immer vorhanden ist, nicht verwechselt werden sollte mit "ausgelebter Sexualität", die nur einen Bruchteil von ihr ausmacht - was mensch leicht nachrechnen kann in persönlichen Zeiteinheiten - .und was ein anderer Freund einst so zu beschreiben pflegte "Ach, der ganze Aufwand für die fünf Minuten ". "Wenn überhaupt"- pflegte er zu ergänzen.
Nichts gegen Jahreskreis-Feste, die machen für mich schon Sinn, sofern die Erinnerung an ihre Urprünge noch in Spurenelementen vorhanden ist. Einst eine Rückverbindung mit dem Jahreslauf der Natur, mit den Elementen, die unsere Rhythmen bestimmen. Von der christlichen Kirche geklaut und mit anderen Deckmäntelchen besetzt, mit ihren lebensfremden Idolen namentlich überlagert. Aus Freya, Venus, Aphrodite, Ishtar ... wird Maria, die "unbefleckte Empfängnis", der Tod der fleischlichen Freude und Lust. Aus einem kraftvollen, unerschrockenen und bei Bedarf kriegerischem und zornigen Jesus - wird ein armer, blutender Tropf am Kreuz der Machthabenden. Die Botschaft an die Schäfchen - ist offensichtlich.
Von ursprünglich-afrikanischen Kulturen, in großer Not, wiederum alles zurückgeklaut und nochmals mit "christlichen" Deckmäntelchen versehen, die ihrerseits weiterhin unbemerkt die lebendigen, archaischen Kräfte bedienen und verehren - was mich durchaus amüsierte und faszinierte, als ich es erfuhr. Habe seinerzeit auf Cuba einmal ebenfalls auf diese Weise und mithilfe meines afrokubanischen "Padrinos" eine christliche Messe für die ursprünglichen GötterInnen "zurückgeklaut" - vermutlich nicht alleine.
In diesen Tagen fiel mir nochmal ersichtlicher auf, daß wir im Grunde alle aus fragmentierten, andressierten Persönlichkeitsanteilen zusammengesetzt sind, je nach vorherrschender "Unkultur", die sich bei sogenannten Normalen eben in dem Rahmen, der gesellschaftlich gewollt und erlaubt, also von der Masse toleriert, ist, zu verschiedenen Anlässen im gerade vorgegebenen Rahmen zeigt. Eine Masken-Posse.
Niemadem ist es schließlich im Kern verwehrt, an 365 Tagen im Jahr zu lieben, Nästenliebe zu praktizieren. Oder gar seiner triebhaften Lust zu frönen.
"Alles zu seiner Zeit" lautet ein altes Sprichwort, welches vielleicht früher einmal an die Zyklen der Natur angelehnt war. Heute aber - ist es wohl eher angelehnt an das, was alle Anderen tun und was gerade im Rudel geschieht.
Und das alles geschieht aus der Angst heraus, alleine zu sein, anders zu sein, aus einer - fragwürdigen - Gemeinschaft herauszufallen.
Dachte an sogenannte "Schizophrene". Die Masse, ja der Mensch selbst, ist nicht anders fragmental gestrickt, es liegt wohl mehr in unserer Natur, daß wir vermeintlich unvereinbare Teile beinhalten, die augenscheinlich nicht zueinander passen - die aber krampfhaft als ein Ganzes zusammengefügt werden sollen, um eine für Andere und besonders für uns selbst besser berechenbare Person zu ergeben. Bei den so diagnostizierten "Schizophrenen" - funktionieren nur die Masken nicht mehr im allseits erwarteten Zusammenhang, sie sind offensichtlicher als bei unsereins.
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