Ich bekomme den Auftrag für eine kölsche Tradtions-Gaststätte am Eigelstein. "De kölsche Buur" - Bauern gibt´s hier schon lange nicht mehr. Ich stelle die Limousine mit Warnblinkanlage mitten auf der Strasse ab, weit und breit keine Lücke am Rande. Muß ich durch. Die Fahrgästin ist eine alte, blinde Dame, die sich bei mir einhakt und die ich langsam zum Auto geleite, während die Schlange der Autos hinter mir anwächst. Glücklicherweise gibt es noch viele Menschen mit Verständnis und Geduld, ich beeile mich, so gut es geht und bedanke mich per Handgeste. Die Dame kenne ich. Nicht sofort, aber ich habe sie schon gefahren, das weiß ich direkt. Sie stellt sich als enorm anstrrengend heraus. Eine von den alten Damen, die gnadenlos Aufmerksamkeit einfordern wollen. Sie - aufgrund ihrer Blindheit. Nun bin ich schon lange nicht mehr der "mitleidige, betroffene" Typ Mensch. Und sie bringt mir wiederholt bei, daß das auch gut so ist - für meine eigene Gesundheit. Einfordernd ohne Ende. Labert mich sehr laut zu mit Zeug, welches mich anwidert. Sie sei Stammkundin mit Kundennummer und fahre manchen Tag viermal mit "uns". Blablabla ..... ich solle doch über den Hansaring fahren. Ich sage ihr, ich nehme eine Nebenstrecke, die ist noch besser, sage ihr, wo wir langfahren und sie sieht es sogar ein. Blablabla .... sie will belehren, mir ihre Sicht des Lebens aufdrängen, mir erzählen, wie was sein sollte. Eine Sicht, die mich zutiefst anödet. Immer lauter wird ihre schrille Stimme. Ich gebe gerne meinen Arm an Menschen, die nicht sehen. Aber meine Seele - kriegt keiner. Auch keine Stammkunden.
Irgendwann gehen mir ihre Klagen derart auf die Nerven, daß ich sage "Seien Sie doch froh, daß sie es sich leisten können, mit dem Taxi zu fahren - freuen sie sich doch, daß sie eine gute Rente bekommen. Andere Leute sind nicht in Ihrer Lage" Ja, das würden die anderen auch immer sagen. Freut mich, zu hören. Als sie noch lauter wird und über ihr heroisches Arbeitsleben predigt - füge ich hinzu, daß es heute Menschen gibt, die drei Jobs machen und auch davon nicht leben können. Daraufhin soll mir der Mund verboten werden mit "Ach, von diesem klassenkämpferischen Scheiß will ich gar nichts wissen." Ich schweige sehr gerne. Die emotional-erpresserisch-Hilfsbedürftige wettert weiter. Sie habe ihr Leben lang gearbeitet - blablabla - und was sie geleistet habe, das sollten andere erst einmal leisten - und dazu noch ehrenamtlich - blabla ...
Ich denke nur noch an mich und daran, daß ich diesen emotionalen Kotz-Klotz gleich wieder los bin, hallelujah. Schweigen - ich reagiere nicht mehr. Dann "Wo sind wir denn jetzt?" " Daundda". "Ahja, gut." Ob ich Leute kennen würde, die Tauben füttern? Ja, sage ich unbedacht, jede Menge. Die ganze Zunft der Taxifahrer sei gut Freund mit den Tauben und eng mit ihnen verbunden, rein räumlich. Jetzt geht die ab und wettert, ich solle unbedingt jeden anzeigen, der eine Taube füttert. Diese "Ratten der Lüfte" seien schiuld daran, daß sie erblindet sei. "Ornithose" - die Diagnose. Und fast wäre sie daran gestorben. Und dazu noch sechs weitere Menschen in ihrer Strasse. Ich habe (schon lange und von Anfang) keinen Bock mehr auf diesen Hass, den sie versprüht und sage nur "Wissen sie was - ich habe wirklich andere Sorgen als "Ornithose".
Sie gibt keine Ruhe .... will ihren Hass loswerden.
Ich will den nicht nehmen. Ich nehme ihn nicht.
Habe nach einigen Jahren inmitten des tumben Irrsinns meinen eigenen Hass und Zorn entwickelt, auf genau solche Menschen. die mir ihren aufbürden wolen.
Ich liebe Tauben - und Ratten.
Manches Mal begegnet mir am Morgen eine Ratte, die sich vor mir erschrocken hat und schnell wegläuft, weil sie einen guten, gesunden Instinkt hat und Menschen meidet.
Am Ziel der Verhärmten angekommen, ist ihre Einfahrt komplett und von allen Seiten zugeparkt - sie fordert mich hysterisch auf, die Polizei zu rufen. Ich halte - so gut es geht - ruhige Nerven und geleite sie nochmals mit viel Geduld zur Haustür.
Als Ausgleich schickt mir das Leben eine eher amüsante Fahrt mit vier zwar völlig volltrunkenen und zugeknallten, doch dennoch völlig entspannten netten jungen Männern, die mich an ebenso entspannte Jugendzeiten erinnern.
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